wasting their brains
beautifying and starving themselves
to dullness and death.
Das
Schweigen brechen – das hat #aufschrei ermöglicht. Ein weiteres Mal, doch in einer neuen Dimension. Die Fähigkeit und der Mut über Geschehnisse zu sprechen ist wichtig um zu heilen, um das
Vertrauen in die Welt und in andere wieder zu fassen. #aufschrei ist ein Anstoß und allein deswegen schon bedeutsam und wertvoll. Wer glaubt, die ersten Wochen dieses Jahres, in denen intensiv über sexualisierte Gewalt und Sexismus debattiert wurde, hätten nichts bewirkt, irrt. Die Medienlogik hat den Prozess dabei vielleicht überfordert, Aktivist_innen und Betroffene jedoch wissen, dass die »Heilung« von den gesellschaftlichen Strukturen, die eine kranke Welt hervorbringen, Zeit brauchen wird. Dass es viel wichtiger als ein politischer Maßnahmenkatalog ist, einander zuzuhören und miteinander zu sprechen.
Als Kathrin Koehler mich kürzlich
interviewte und fragte, wie ich #aufschrei erlebt habe, habe ich mich nicht getraut wirklich offen zu antworten, weil ich die Wochen ambivalent erlebt habe und zu allererst dankbar dafür bin, dass der #aufschrei begonnen hat. Ich habe in den vergangenen Jahren nichts erlebt, was mich so gestärkt hat, wie die feministische Vernetzung über das Internet und die Menschen, die ich darüber kennengelernt habe, das Wissen, das ich neu erworben habe, die Debatten, in die ich involviert war. Auf der anderen Seite hat mich die erste Woche des #aufschrei tief getroffen, seelisch und körperlich fertig gemacht. Ich habe geweint, gekotzt, kaum geschlafen. Die Erinnerung an Übergriffe und das Lesen von Erlebnissen anderer ist nicht weniger als eine Re-Traumatisierung.
Ist es ein Trauma, wenn dir jemand an die Brust fasst? Die traumatische Qualität einer sexuellen Belästigung mag eine andere sein als die einer Vergewaltigung. Doch unterschätzt die Summe von Mikrotraumata nicht; unterschätzt nicht, dass Menschen individuell auf Erlebnisse reagieren. Wenn dir als Person über viele Jahre nahezu jeden Tag ein Übergriff geschieht, sei es, dass dir jemand „geile F*tze“ hinterherruft, dich beim Joggen aufhält, so dass du dich losreißen musst, dir in einer Bar an den Arsch fasst, ein Wildfremder dich versucht zu küssen, dein Aussehen kommentiert wird, kritisiert wird, und immer egal ist, wer du eigentlich bist und was du kannst, sondern du ein beliebiges Objekt bist, sexualisierbar und ideal für eine Demütigung – wie soll so etwas nicht zermürben? Das Selbstbewusstsein zerfressen? Dich daran zweifeln lassen, ob es schön ist, eine Frau zu sein? Ob du diese Frau sein willst?
Was ich immer wieder von anderen Frauen gelesen habe und selbst nur so wiedergeben kann: wir können die Übegriffe nicht mehr zählen, sie sind zahllos. Ich nehme von den Tagen Notiz, an denen es nicht passiert. Die Sprüche, mit denen Frauen degradiert und belästigt werden, könnten Bibliotheken füllen.
Wie wollen wir selbstbewusste Menschen heranziehen, wenn wir ihnen sagen müssen, dass Gefahr lauert? Wenn diese Gefahr tatsächlich real ist, selbst in der ländlichen Idylle eines Dorffestes? Wie sollen unsere Töchter selbstbewusste Frauen werden, wenn das Leben als Frau nicht von Gleichberechtigung geprägt ist, sondern von negativen Erfahrungen aufgrund ihrer Weiblichkeit?
Als Frau nehme ich eine Welt wahr, die gespalten ist: in die Welt, in der wir funktionieren und sprechen können, und in die andere, in der wir verletzt sein dürfen und das aussprechen, worüber wir in der anderen Welt schweigen. Ich bewege mich in relativ privilegierten Kreisen: die Frauen, zu denen ich engen Kontakt habe, sind überwiegend weiß, stammen aus der Mittelschicht, haben höhere Bildungsabschlüsse und sind finanziell unabhängig. Es sind die Frauen, die heute schon als gleichberechtigt betrachtet werden. Von denen Sheryl Sandberg erwartet, dass sie die Führungspersönlichkeiten von morgen werden. Und doch kenne ich unter ihnen kaum eine einzige, die nicht traumatisiert ist und ihr Schweigen irgendwann zumindest in einer Therapie gebrochen hat. Vielen geht es dabei wie Stephan
in seinem Blog beschreibt: Sie fragen sich, ob sie diese Therapie denn tatsächlich brauchen, ob es so schlimm war. Ob man mit dem bißchen Trauma nicht alleine klar kommt? Das Abi haben wir ja schließlich auch geschafft.
Traumata kommen in vielen Formen, sie müssen nicht von sexualisierter Gewalt ausgehen. Das Gewalttätigste, was ich in der westlichen Welt mit eigenen Augen beobachte, sind dabei Essstörungen und andere Selbstverletzungen. Die Erniedrigung delegiert in die eigenen Hände. Zu den gesellschaftlichen Mechanismen, die dahinter stecken, dringen die wenigsten Analysen vor, denn: „die Mädchen und Frauen entscheiden sich ja für den Hunger, für das Erbrechen, für das übermäßige Essen“. Aus meiner damaligen Schulklasse sind ab etwa 1998, als wir 13 und 14 waren, über die Hälfte der jungen Frauen an Essstörungen erkrankt, manche auch erst im Studium. Es gab zu dem Zeitpunkt bereits die ersten Pro-Ana-Foren im Internet, die Celebrity-Kultur war weniger ausgeprägt, auch Germany’s Next Top Model gab es noch nicht. Wir erkrankten meist noch vor dem ersten Sex oder vor der Zurückweisung von einer Person, in die wir verliebt waren. Magersucht ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterberate, bis zu 15 Prozent überlegen das Hungern nicht. Die meisten Frauen begleitet die Esstörung nicht nur für die Dauer der akuten Erkrankung, sondern ein Leben lang.
Die Sache ist komplexer und ja, sie ist eng verknüpft damit, welche Freiräume wir jungen Menschen in ihrer Entwicklung lassen und welche Erwartungen wir an sie richten. An sie als Person, nicht einmal an ihr Gewicht. Ob sie sicher wissen können okay zu sein, und nicht an engen Normen scheitern. Für die
FAZ schrieb ich einmal:
„Es zählt zu den Mythen über Esstörungen, Kalorien und Normalgewicht würden sie kurieren, genau wie von Medien transportierte Körperideale für die Sucht, verschwinden zu wollen, verantwortlich gemacht werden können. Vom Löschen eines Pro-Ana-Blogs wird keine Hungerkünstlerin gesund. Es ist eine billige und naive Sichtweise auf komplexe Erkrankungen wie Magersucht, die Ursachen vorrangig in Fotos dünner oder zerbrechlich zurecht retuschierter Frauen zu suchen.
Die Sisyphusarbeit, Nutzerinhalte aus dem Netz zu entfernen, die psychische Leiden sichtbar machen, mag politisch korrekt erscheinen, sie hilft den Betroffenen jedoch wenig und wird Neuerkrankungen kaum verhindern können.
Denn es ist nicht das Netz, das krank ist und krank macht, es sind nicht die bloggenden Bulimiker und ritzende Teenager, die verrückt sind. Bilder, die zum Hungertod inspirieren sollen, geht eine Wirklichkeit voraus, die zum Kranksein und Kotzen inspiriert.“
Das aber nur als Exkurs.
Was mich immer noch – and I will not excuse my language – ankotzt, ist die Scheinheiligkeit dieser „Leistungsgesellschaft“, die über ihre Strukturen junge Menschen erst kaputt macht und ihnen dann abverlangt, ein Übermensch zu sein. Und ich hoffe, dass #aufschrei die Bühne dafür eröffnet, darüber sprechen zu können, was uns krank macht, was uns traumatisiert hat, was wir fühlen und was wir wirklich wollen. Ich finde nichts langweiliger, feiger und verlogener als glatte Lebensläufe und Darstellungen der eigenen Persönlichkeit, die auf Unangreifbarkeit getrimmt sind. Dann über diese Verhaltensweisen wird dazu beigetragen, dass weiter geschwiegen wird und Traumata maximal in der Therapie behandelt werden – aber bitte nicht öffentlich!
Die Sicht auf Traumata ist dabei genauso bigott wie auf Frauen, die weniger Führungsqualitäten haben sollen, weil sie Erfahrung in der Familie gesammelt haben und nicht in einem Konferenzraum. Wie tough ist eine Person, wenn sie eine Depression überlebt hat? Eine Magersucht? Eine Vergewaltigung?
Wie tough, wie klug, wie qualifiziert ist jemand, der Sexismus witzig findet? Der Frauen nicht ernst nehmen kann? Der sich schon bei einer Männerquote von 85 Prozent benachteiligt sieht?
Erst kürzlich musste ich mir die Frage anhören, ob es seriös sei, wenn ich darüber twittern würde, dass ich knutschen wolle. Es ist nicht nur seriös, es ist feministisch und es ist politisch. Denn es geht um Selbstbestimmung. Und so lange Frauen sexuelle Bedürfnisse nicht zugestanden werden oder sie diese selbst nicht formulieren können, werde ich über Sex schreiben und twittern.
Ulrike Lembke bringt es für für die Blätter auf den Punkt:
"Schließlich sind die romantische Liebe, die Ent-Rationalisierung von Sexualität und die Intimität als Inbegriff des Privaten immer noch höchst wirkmächtige Entwürfe. Sie sorgen unter anderem dafür, dass wir wenig darüber reden, warum es manchen jungen Frauen genügt, wenn ihr Partner mit dem gemeinsamen Sex zufrieden ist, oder warum in einer Befragung über 60 Prozent der Frauen angeben, sexuelle Aktivitäten in alkoholisiertem Zustand zu bevorzugen.
Sexualität ist etwas Höchstpersönliches, aber sie hat auch eine politische Dimension. Wer sie entpolitisiert (und entkontextualisiert), verhilft dem Herrenwitz zu Wirksamkeit. Dies könnte der entscheidende Mehrwert der aktuellen Sexismusdebatte sein: Dass aus den gesammelten persönlichen Erfahrungen gesellschaftliche Strukturen und Muster erkennbar werden und die Bereitschaft zu ihrer Veränderung wächst. Spannend wird es genau dann, wenn das Privat(isiert)e auch wieder politisch wird."
Dein //privates// Trauma ist politisch. Mich hat #aufschrei nicht enttäuscht zurückgelassen, ganz im Gegenteil. Denn es fühlt sich machtvoller an heilen zu können, gemeinsam mit anderen, als ein
abschätziger Kommentar eines „Mächtigen“ über die Bewegung. Es ist privat bedeutsam und damit politisch, denn hier entsteht Gemeinschaft – und eine neue politische Öffentlichkeit, in der wir verletzlich sein dürfen und gleichzeitig stark. Der Gegenentwurf einer Öffentlichkeit, die auf Stärke und Unnahbarkeit als Fassade setzt, wird letztlich schwächer sein.