Foto: Lizzy Gadd via unsplash

Ein Jahr nach #Aufschrei ist es still geworden, viele Feministinnen haben Burn-out-Gefühle. Darüber hab ich für den Freitag geschrieben. Jetzt gibt es den Text auch hier.


Es fühlt sich an wie ein Kater. Zu viel Wodka und zu wenig Wasser in der Nacht zuvor, die Muskeln sind verspannt. Ein steifer Nacken, ein schmerzender Rücken, die Sonne lässt sich hinter der vorgezogenen Gardine vermuten, aber ich drehe mich um und schaue an die weiße Wand. Als ich später mein Laptop öffne, klicke ich den Text, den ich schon angefangen habe und eigentlich fertigschreiben wollte, gleich wieder weg. Jedes geöffnete Tab scheint zu viel, die Hashtags auf Twitter flirren vor meinen Augen. Ich fliege über einen Dialog zweier anderer User, die einen Artikel über Sexismus diskutieren, atme aus – und klappe den Computer wieder zu.

Feministischer Burn-out: Seit dem Frühjahr geistert dieser Begriff verstärkt durch Blogs und Foren. Und man sollte ihn ernst nehmen. Ein feministischer Burn-out ist mehr als eine temporäre Lustlosigkeit, mehr als angestauter Frust oder das Gefühl, in diesem einen Moment keine Idee zu haben, wie es weitergehen soll. Es ist die Depression der Aktivistin – eine Enttäuschung und Erschöpfung, die so manchem Betroffenen den Aktivismus schon verleidet hat.

Das Ausgebranntsein kann viele Ursachen haben. Und es trifft häufig Menschen in politischen Bewegungen. Das Erschöpfungssyndrom reißt die Betroffenen oft physisch, also ganz praktisch aus ihrem Alltag – und damit auch aus ihrem virtuellen Leben. Activist Burn-out wird das Phänomen international genannt. Es ereilt besonders diejenigen schnell und heftig, die sich gerade erst einer Bewegung angeschlossen haben. Dabei beruht der Burn-out, den Online-Aktivisten erfahren, zum Großteil auf virtueller Gewalt. Deren Existenz anzuerkennen und nach Wegen zu suchen, mit dieser Gewalt umzugehen und sie zu mindern, ist ein Auftrag an alle, die ein friedliches Zusammenleben und den Schutz vor Übergriffen als Werte begreifen. Internetfreiheit bedeutet mehr als die Freiheit von Überwachung und Zensur.

Wenn eine Aktivistin will, kann sie sich im Internet rund um die Uhr an Aktionen beteiligen. Das Netz, welches sie als Teenager noch als Freizeitraum kennengelernt hat, ist ein politischer Raum geworden, der intellektuell und seelisch fordernd sein kann. Oberflächlich betrachtet wirkt es gefahrlos: Man schreibt einen Blogpost, klickt auf die Teilnahmebestätigung einer Veranstaltung, schickt einen Tweet ab, postet ein lustiges Bewegtbild, ein Gif. Als „Klickaktivismus“ wird solches Engagement im Netz oft beschrieben oder auch: gescholten. Das mag für die Unterzeichnenden von Online-Petitionen gelten. Auch ein „Gefällt mir“-Häkchen ist schnell gesetzt.

Echte Online-Aktivisten und -Aktivistinnen ticken beziehungsweise klicken jedoch anders. Ihr Engagement ist langfristig angelegt, sie tun es mit Leidenschaft, oft unter persönlichen Opfern wie der vielen Zeit, die sie investieren. Langfristig kann ein solches Engagement nur funktionieren, wenn die Community, in der sich eine Aktivistin bewegt, ihr den nötigen Schutz bietet, wenn diese Community wächst und auch Strategien hat, um ihre Ziele zu erreichen.

Wie schwierig es ist, solche Gemeinschaften aufzubauen, ist an der #Aufschrei-Bewegung deutlich geworden. 2013 war das Jahr, in dem feministisches Engagement es nach langer Zeit endlich wieder einmal geschafft hatte, ein Thema medienwirksam in der Öffentlichkeit zu positionieren und eine breitflächige Sexismus-Debatte loszutreten. Aber jetzt, 2014, ist es erst einmal still geworden um den sogenannten jüngeren Feminismus. Anne Wizorek, die von Medien als Initiatorin und Sprecherin der Bewegung auserwählt worden war, bringt zwar in diesem Jahr ihr erstes Buch heraus, doch dass unter dem Titel Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute eine weitere breite gesellschaftliche Auseinandersetzung anbricht, scheint derzeit eher unwahrscheinlich. Nicht nur fehlt das konkrete Thema, der aktuelle Aufhänger, der auch Medien erneut mitreißen könnte; auch die Community, die dem heutigen Feminismus noch einmal einen solch durchschlagenden Schub geben könnte, ist im Moment nur schwer auszumachen.

#Aufschrei ist eine Legendenbildung gelungen: Noch immer hört man von Politikern und Journalisten, junge Feministinnen hätten mit der Sexismusdebatte die FDP aus dem Bundestag gekegelt. Dass Feministinnen als übermächtig wahrgenommen werden, ist ein verbreitetes Phänomen antiquierter Geister, die ihre eigene Macht kaum wahrnehmen. Genau dieses Phänomen schuf damals, in den Monaten vor den Bundestagswahlen, ein günstiges Klima, um eine Mediendebatte mit feministischen Stimmen in Gang zu bringen.

Nach den Bundestagswahlen ist die Situation aber ganz anders. Sozialdemokraten würden Feministinnen die Große Koalition gern als Fortschritt verkaufen. Gleicht man die geschlechterpolitischen Vorhaben der SPD aber mit den Forderungen ab, die jüngere Frauen auf Bühnen, in Blogs und Tweets formulieren, weiß man sehr genau, dass auch Manuela Schwesig von ihnen kaum ein gutes Zeugnis ausgestellt bekommen wird. Geschlechterpolitik war in den Koalitionsverhandlungen unwichtig. Von sozialdemokratischer Programmatik wird sich in den kommenden Regierungsjahren ohnehin kaum etwas in Gesetzen wiederfinden. Die Pille danach wird mit dem CDU-Gesundheitsminister Hermann Gröhe in dieser Legislatur nicht auf der Liste rezeptfreier Medikamente landen. Das Ehegattensplitting bleibt, gleichgeschlechtliche Paare werden weiterhin nicht adoptieren dürfen, beim Transsexuellengesetz sind keine Verbesserungen zu erwarten, und Staatsbürgerschafts- und Asylrecht senden keine deutlichen Zeichen für eine bessere Inklusion und weniger Rassismus. Feministinnen und Queer-Aktivisten müssen sich auf weitere vier frustrierende Jahre einrichten. Auch das ist ein Dämpfer fürs Engagement.

Die Freigabe der Pille danach zu bewirken: Das wäre einmal ein messbarer Erfolg. Und Erfolgsmomente sind wichtig, selbst für Aktivistinnen, die genau wissen, dass sie für einen sehr umfassenden gesellschaftlichen Wandel eintreten, der Zeit braucht, um zu greifen. Die amerikanische Feministin Jessica Valenti schrieb dazu in einem ihrer Texte über den feministischen Burn-out, dass sie von Jüngeren oft gefragt werde: „Wie bist du dazu in der Lage, dich weiterhin zu engagieren, wenn es doch so frustrierend ist?“ Genau diese Frage treibt auch in Deutschland Frauen und Mädchen um, insbesondere wohl auch solche, die sich bei der #Aufschrei-Bewegung vielleicht zum ersten Mal für ein feministisches Anliegen eingesetzt haben.

Die Debatte hat 2013 etwas Wichtiges geschafft: Sie ermöglichte Menschen, die genug hatten von Sexismus und sexueller Belästigung, ihre Wut herauszulassen und zu erleben, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine sind. Aber so schwierig es ist, entsprechende Anschlussprojekte schnell auf die Beine zu stellen, so schwierig ist es auch auszumachen, was die Initiative bewegt hat – ob sie überhaupt konkret etwas verändert hat. Die temporäre Gemeinschaft, die #Aufschrei war, gibt es so nicht mehr. Und viele damals neu dazugekommene Aktivistinnen haben seit ihrem Engagement längst schon wieder schlechte Erfahrungen gemacht. Manche mögen jetzt auch einfach enttäuscht sein von dem Versprechen, das #Aufschrei für sie vielleicht bedeutet hat.

Als bleibende Anlaufstellen rund um #Aufschrei kann man am ehesten noch bestimmte Blogs ausmachen – doch auch hier sind die Kontaktmöglichkeiten eingeschränkt und nicht besonders inklusiv, also: offen nach außen. Die gegenseitige Wertschätzung ist eine der wenigen Währungen, die der Aktivismus hat, um Menschen beieinander zu halten, damit eine Bewegung wachsen kann. Es geht also um die Nachwuchsarbeit – und diese erfordert es, aus der eigenen Filterblase hinauszutreten, neue Menschen einzuladen und gezielt nach denjenigen Ausschau zu halten, die auch gern mitmachen würden, aber vielleicht noch nicht genau wissen, wo und auf welche Weise und welches Vokabular sie benutzen sollen. „Wenn wir positive Veränderungen wollen in der gesamten Gesellschaft, können wir uns nicht auf aktivistischen Inseln abschotten. Wir müssen breite Bündnisse bilden mit Menschen, die noch keine Mitglieder unserer Gruppen sind“, so formuliert es die Trans-Aktivistin Julia Serano in ihrem Buch Excluded.


Es gibt keinen organisierten Kreis von (Online-)Feministinnen, keine zentrale, offizielle Anlaufstelle, die auf die Frage nach Folgeprojekten Antworten geben könnte – oder gar müsste. Das liegt auch daran, dass das Engagement für die Beteiligten nur eine Teilzeittätigkeit sein konnte. Jede kann unterschiedlich viel Zeit und Kraft aufbringen. Und es kommen ganz persönliche Voraussetzungen hinzu: Wer sich öffentlich für feministische Anliegen positioniert, sexistische Strukturen kritisiert und Fehlverhalten offen anspricht, ist mehr als nur Meinungsverschiedenheiten ausgesetzt. Beleidigungen sind der zarte Anfang der Skala der Reaktionen, die nach oben offen ist und manchmal bis zu heftigem Stalking, bis zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen reichen kann. Hassattacken über das Internet gewinnen leicht ein Ausmaß, das mit Alltagserfahrungen nicht vergleichbar ist und die Betroffenen unvorbereitet überrollt. Solche Anfeindungen, solche psychische Gewalt wegstecken zu können, hängt meist von sehr individuellen Ressourcen ab. Die eine lässt es kalt, die andere verletzt es stark. Die Aussichten auf erfolgreiche Strafverfolgung sind gering – die entstandenen seelischen Verletzungen bleiben. Sie werden momentan aber gesellschaftlich nicht anerkannt.

#Aufschrei war von außen betrachtet eine sehr selbstbewusste Bewegung und hat dieses Gefühl besonders durch die Gemeinschaftserfahrung auch hervorgerufen. Man muss aber bedenken, dass #Aufschrei vorher erfolgte Verletzungen thematisierte, und dass jene Verletzungen im Zuge des Engagements vielen Beteiligten erneut wehgetan haben. Zusammengenommen mit dem Hass, der den Aktivistinnen entgegengetragen wurde, entstand so eine Wucht von Verletzungen, die viele Frauen wieder verstummen ließ.

Als Aktivistin ist es wichtig, sich die eigenen Ansprüche bewusst zu machen – um sich selbst mit mehr Nachsicht zu begegnen und eine realistische Idee davon zu entwickeln, was man selbst leisten kann und was nicht. Wer sich mit Wut, vielen Ideen und einem unbändigen Drang, die Welt zu verändern, in einen politischen Kampf aufmacht, vergisst leicht, dass die Sorge um sich selbst – international Self Care genannt – mindestens so wichtig ist wie die Sorge um die Sache. Wer sich selbst verausgabt, kann auch der Bewegung nicht mehr nützen. Die Aktivistin und Lyrikerin Audre Lorde schrieb dazu schon 1988: „Selbst-Fürsorge ist nicht Selbstzufriedenheit, sondern gezielter Selbsterhalt, und das ist (als Feministin) ein Akt der politischen Kriegsführung.”

Von dieser Warte aus betrachtet, ist es vielleicht auch ein gutes Zeichen, dass es um den feministischen Aktivismus in diesem Jahr erst einmal wieder etwas ruhiger geworden ist. Die Kraft kann und sollte sich jetzt erst einmal nach innen richten. Wer einen Aktivistinnen-Burn-out bei sich oder anderen feststellt, sollte so streng mit sich oder den Betroffenen sein wie Ärzte mit jedem anderen Burn-out-Patienten: Einfach mal ein paar Monate etwas völlig anderes machen, auf den eigenen Bauch hören, Schlaf nachholen und wissen, dass nichts so wichtig ist, das es es wert ist, dafür kaputt zu gehen. „Kümmert euch um euch selbst, erkennt an, wie hart Aktivismus ist, und kommt dann zurück. Wir brauchen euch“, sagt die 35 Jahre alte US-Feministin Jessica Valenti.

Nachdem 2013 das Jahr des Agenda-Settings, der Medienpräsenz und der starken Außenwirkung war, kann 2014 also zum Jahr des Community-Buildings und der Self Care werden. Der Aktivismus verläuft erst mal nach innen, sorgt sich um sich selbst, regeneriert sich – bevor er wieder die Welt in Angriff nimmt.

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Wer mich diese Woche inspiriert hat: Katja Hentschel, die sich bewusst dafür entschied, ab der Geburt alleinerziehend zu sein, weil ihr viele andere Frauen Mut machten und Unterstützung anboten. Mein Porträt über sie lest ihr bei EDITION F.

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Hillary Clinton war am Sonntag in Berlin und hat im Schillertheater der Staatsoper mit Zeitmagazin Chefredakteur Christoph Amend gesprochen. Am Abend war sie dann zusammen mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und der Theologin Margot Käßmann zu Gast in der Talkshow von Günther Jauch zum Thema „Frauen an die Macht“.

Ich habe mir beides angesehen und für EDITION F darüber geschrieben. Heute müsst ihr euch noch anmelden und einloggen, um den Text lesen zu können. Ab Mittwoch ist die Seite dann offen.

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6/27/2014

Für EDITION F habe ich in den vergangenen Wochen viele tolle Frauen getroffen. Vier davon stelle ich hier heute vor, die Interviews und Texte über sie findet ihr auf der Website. (Da die Seite noch in der Betaphause ist, müsst ihr euch zum Lesen kurz anmelden. Ab August ist sie dann offen.)

Die Journalistin Alix Faßmann hat ein kluges Porträt über die Arbeitswelt von heute geschrieben. Ihr Buch „Arbeit ist nicht unser Leben: Anleitung zur Karriereverweigerung“ beginnt mit einem persönlichen Einstieg: Sie kündigt einen Job, in dem sie sich von sich selbst entfremdet hat. Doch ihr Buch ist vor allem ein politisches Buch. Ihre Geschichten erzählen von der Verlierern des Arbeitsmarktes: von Leih- und Zeitarbeit, von Hungerrenten, von Verdrängung von Menschen aus ihren Wohnvierteln und dem Karrierewahn, in dem Freunde, Gesundheit und Lebenszeit auf der Strecke bleiben. Doch wofür eigentlich? Alix Faßmann reflektiert in ihrem Reisetagebuch, das mit dem Eintritt ins Berufsleben beginnt, Anekdoten aus dem Alltag einer Parteizentrale umfasst und sie auf ihrer Selbstfindung nach der Kündigung quer durch Europa führt, darüber, welche Wahrheiten und welche Lügen das heutige Verständnis von Arbeit erzählt. Die 31-Jährige gibt Anregungen, wie man wieder zu einem eigenständigen Denken und Verständnis davon finden kann, was Leben eigentlich bedeutet, wenn die Arbeit nicht mehr das Leben ist. Sie hat jetzt zusammen mit dem Dramaturgen Anselm Lenz das „Haus Bartleby” gegründet – ein geistiger Ort im Internet. Dort sollen Geschichten entstehen, die einem neuen Verständnis von Arbeit folgen. Der Name des Ortes geht auf den den Arbeitsverweigerer Bartleby aus dem Roman von Herman Melville zurück, der den Satz „I would prefer not to“ prägte.

Für EDITION F habe ich sie interviewt.





Die Dänin Ida Tin ist Gründerin von BioWink und hat mit ihrem Unternehmen 2013 die Mobile-Health-App "Clue" auf den Markt gebraucht. Das Team hat seinen Sitz in Berlin und stellt die App derzeit in Deutsch, Englisch und Dänisch kostenlos zur Verfügung. Clue ist dabei mehr als ein moderner Menstruationskalender, der die nächste Periode berechnet. Man kann damit viele weitere Körpersignale tracken: Nutzerin und App lernen gemeinsam dazu.

Ida Tin will mit Clue eine Alternative zur Pille schaffen. Ein Gespräch über Big Data und technologiegestützte Verhütung.




Susanne Lang sagt: „Der Freundeskreis ist heute die bessere Familie”. In ihrem Buch beschreibt sie die Entstehung dieser neuen Haltung.

Mein Mann wurde immer gefragt: Und wann kommt jetzt die Familie nach? Ich kam mir fast komisch vor, als ich sagte: Ich will hier nicht weg”, erzählt die Journalistin Susanne Lang im Interview. Als der Mann der Wahlberlinerin beruflich nach Hamburg ging, machte sie eine Liste mit Dingen, die für und gegen den Umzug der Familie sprachen. Nicht pendeln zu müssen, die Höhe der Mietkosten, ob das Biertrinken in der U-Bahn erlaubt ist – das sind einige der Punkte, die sie gegeneinander abwog. Wenn sie mit den Kindern in Berlin bliebe, würde sie den Mann, den sie liebt, seltener sehen, das wusste sie – doch den Ausschlag gab es nicht. „Es sah nicht gut aus für Hamburg. Zu keinem Zeitpunkt”, erklärt sie im Einstiegskapitel ihres Buches, das gerade erschienen ist. Es gab einen Grund, der dick und fett an oberster Stelle ihrer Liste stand: FREUNDE.

Das Gefühl, die absolut richtige Entscheidung zu treffen, bei der sie sich manchmal fragte, ob die Haltung nicht vielleicht „kindisch” sei, hat Susanne Lang zum Anlass genommen, die Kulturgeschichte der Freundschaft und ihre Bedeutung heute in zehn Kapiteln zu entschlüsseln. „Ziemlich feste Freunde“ heißt das Buch, das so entstanden ist. Bei den Recherchen hat die Autorin festgestellt, dass sie nicht damit alleine ist, auf ihre Freunde nicht verzichten zu wollen. 85 Prozent der Deutschen finden es ganz besonders wichtig, gute Freunde zu haben. Das fand die Jacobs-Studie „Freunde fürs Leben” in diesem Jahr heraus. Das Bemerkenswerte: Gute Freunde sind wichtiger als Zeit für die Familie und eine erfüllende Partnerschaft.




Anna Bojic ist eine ungewöhnliche Unternehmerin: Die studierte Bildhauerin und Filmwissenschaftlerin sitzt mit ihrem Onlineshop Merisier in einer Remise und blickt in den Garten der Factory, dem neuen Berliner Startup-Zentrum, in dem Technunternehmen wie Google, Twitter und Soundcloud ihr neues Zuhause gefunden haben. In dem kleinen Gartenhaus stapeln sich Boxen und Packmaterial bis unter die Decke. Die Geschenke werden hier von Hand zusammengestellt und verpackt. Mit ihrem Versandunternehmen nimmt Anna Bojic sie nun großen Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen. Sei es die enge Familie, Freunde oder Geschäftspartner: Anna und ihr Partner Marc Lampe haben im Internet einen Ort geschaffen, an dem Kunden Geschenke finden, die eine ganze Geschichte erzählen.

Für EDITION F habe ich mit Anna Bojic über die Kunst des Schenkens und Kreativität im Unternehmertum gesprochen.

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endlich: ich schreibe wieder mehr. nach vier jahren als beraterin in der politik bin ich zu meinen wurzeln zurückgekehrt: onlinemedien. ich arbeite seit juni bei edition f, einer onlineplattform für frauen, die von nora-vanessa wohlert und susann hoffmann vor einigen monaten gegründet haben und mich nun als redaktionsleiterin ins team geholt haben. ich freue mich wahnsinnig. zum einen habe ich nach abschied vom freitag die journalistische arbeit immer vermisst: lebhafte redaktionskonferenzen, den austausch mit einer engagierten community, das konzeptionelle weiterdenken von onlineformaten und das experimentieren.

genau aus diesem grund musste es edition f sein. nach dem ersten treffen mit nora und susann war mir klar, dass es diese aufgabe sein musste. ich wollte etwas mit aufbauen, in das ich mich stark einbringen kann, in dem es ganz entscheidend auch mit an meiner arbeit liegen wird, wie erfolgreich das projekt wird, das aber vor allem offen ist für die ideen und kreativität aller teammitglieder und das mit uns gemeinsam wachsen wird.

ich habe in den tagen nach meiner kündigung in der spd-bundestagsfraktion viel über meinen bisherigen arbeitsort gelernt: "ist dir das risiko nicht zu groß", war eine der häufigsten fragen, die ich gestellt bekam. "was, wenn ihr damit auf die nase fallt?". und natürlich ist da ein korn wahrheit dran: ich habe einen relativ sicheren job mit regelmäßigen gehaltssteigerungen aufgegeben. ein job, der "nah an der macht" ist. was auch immer das heißen soll.

ich bin im märz 30 geworden – kein sehr einschneidendes ereignis, wie ich ein paar wochen später resümieren kann. dennoch hat mich dieser geburtstag dazu gebracht, mir einige fragen zu stellen und noch einmal genauer darüber nachzudenken, was mir wichtig ist. (30 kleine texte zum thema 30 werden erscheinen von mir in einem der nächsten zeitmagazine.)

sicherheit? sicherheit kann es nicht sein, denn als netzaktivistin setze ich freiheit vor sicherheit. und wenn mir meine arbeit zwar finanzielle stabilität bietet, aber nicht die möglichkeit zu lernen, wissen weiterzugeben und neue, bedeutsame beziehungen aufzubauen, führt das für mich nicht zu mehr selbstSICHERHEIT. ich bin mir hingegen ziemlich sicher, dass ich in meinem berufsleben noch oft den arbeitgeber wechseln werde oder formen der selbstständigkeit variieren werden. das ist jedes mal eine chance dazu zu lernen und neue perspektiven zu gewinnen.

prestige? große namen bringen anerkennung mit sich. das war in meiner arbeit für die spd so, und das signalisierten fragen, warum ich nicht für medienmarke xy arbeiten will. große namen sind wiederum sichere dächer, unter denen man es sich gemütlich machen kann und sicherlich auch ein hübsches zimmer ausstatten kann, doch wie sehr könnte ich  mich dort zum jetzigen zeitpunkt wirklich einbringen? ich wollte schon lange in ein startup und habe auf das richtige gewartet. ich würde es vergleichen damit, eine familie zu gründen, und auch dieser wunsch kommt irgendwann um die 30 herum. wie bei meiner hochzeit war es mir wichtig, meinen namen zu behalten, und nicht in eine familie mit namen einzuheiraten. und startups sind irgendwie auch wie kinder, die man gemeinsam erzieht.

(frauen)netzwerke! onlinejournalismus, neue arbeitsformen und gleichberechtigung verlangt neue strukturen. diese voraussetzungen können nur in jungen unternehmen geschaffen werden. die veränderung von innen heraus, der marsch durch die institutionen ... ich persönlich glaube daran nicht mehr. diversität im nachhinein zu schaffen, ist schwierig – einer der gründe, warum ich das projekt "krautreporter" so langweilig finde und mir davon keinen innovativen journalismus verspreche. wer 2014 den journalismus "heile" machen möchte und mit 22 männern und 6 frauen antritt, hat für mich seltsamen begriff von sowohl gegenwart als auch zukunft.
frauennetzwerke sind kein allheilmittel und nicht die einzige antwort auf die old-boys-clubs, aber die zusammenarbeit hier und das miteinander lernen hier halte ich persönlich für sehr wertvoll. zumal das eine das andere nicht ausschließt: ich bin teil von mehreren frauennetzwerken, gemischten communitys und auch eine von wenigen frauen in eher männlich dominierten netzwerken, in denen ich gern mitarbeite und überall viel lerne. den ansatz frauennetzwerke komplett zu verteufeln, wie theresia bäuerlein und friederike knüpling es in tussikratie tun, finde ich ziemlich platt.
ich halte die gedanken von annarosa buttarelli, eine italienische philosophin und differenzfeministin, für einen klugen anstoß, um über die potentiale von frauengemeinschaften und von frauen gegründeten orten und unternehmen nachzudenken:

»in der tat ist weibliche souveränität, wenn sie ausgeübt wird, schon für sich genommen unabhängigkeit von der irrealität, die die im todeskampf liegenden institutionen geschaffen haben. aie gewährleistet die rückkehr zur realität und zur möglichkeit, die wahrheit zu sagen, ohne die macht mit selbstmörderischem heroismus herauszufordern. weibliche souveränität kann uns helfen, an einer beziehung der differenz mit den männern zu arbeiten. indem wir sie praktizieren, können wir zeugnis dafür ablegen, dass wir durchaus in der lage sind, das männliche bedürfnis danach zu respektieren, institutionen und konstruktionen aufzubauen, in deren rahmen es bis heute nötig gewesen ist, sich jede sache einzuverleiben, die frei zur welt kommt.«

edition f ist unabhängig. die plattform gehört zu keinem verlag, sondern liegt in noras und susanns händen und bei allen mitarbeiterinnen und mitarbeitern, autor_innen und community-mitgliedern. ich bin selbst sehr gespannt, wohin die plattform sich entwickelt, wenn dort vor allem frauen* über die dinge schreiben, die ihnen wichtig sind, und sich hier unterschiedliche weibliche perspektiven sammeln. ich glaube nicht, dass es den weiblichen und den männlichen blick auf die welt gibt. aus diesem grund bin ich besonders gespannt darauf, wie sich die summe aus vielen weiblichen stimmen gestalten wird. denn insbesondere zu den so genannten 'harten' themen wir politik und wirtschaft gibt es zu wenige orte, an denen das unter der schirmherrschaft von frauen debattiert wird. 

mein wunsch ist, dass ihr euch anschließt das projekt mit leben, feedback und kritik weiterzuentwickeln. wenn ihr als expert_in einen beitrag verfassen wollt oder auch regelmäßig als autor_in dabei sein wollt, könnt ihr mir gern an teresa punkt buecker ät editionf punkt com schreiben.

die plattform ist gerade noch in der geschlossenen betaphase. dass heißt, dass ihr das erste mal dazu aufgefordert werdet, euch zu registrieren. danach könnt ihr alles lesen, kommentieren, bugs aufindig machen und feedback geben. später im sommer folgt der offene launch. und das ist auch so ein grund, warum ich zu edition f gegangen bin: die vorbereitungen des launchs vom freitag 2008/2009 waren mit meine lehrreichsten, aufregendsten und tollsten beruflichen erfahren. websites zu launchen ist eine meiner kleinen lieben. zumal wenn sie so wunderschön sind wie edition f.


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In meinem diesjährigen re:publica Vortrag habe ich über "Activist Burnout" und Möglichkeiten der besseren Inklusion für soziale Bewegungen gesprochen. Viel davon ist inspiriert von Julia Seranos Buch "Excluded – Making feminist and queer movements more inclusive", das für mich das spannendste feministische Sachbuch des letzten Jahres war. Die Folien des Vortrags finden sich hier.

Außerdem möchte ich euch die aktuelle Ausgabe der "Feministischen Studien" empfehlen, die Anna-Katharina Meßmer, Marianne Schmidbaur, Paula-Irene Villa zum Thema "Intimitäten – Wie politisch ist das Vertraute?" herausgegeben haben, und ich zu denen ich einen Text beigetragen habe. Im Vorwort heißt es dazu: "Auf die Unmöglichkeit einer solchen Grenzziehung [zwischen realer und virtueller Welt] in Zeiten von Smartphones, Tablets und permanenter virtueller Verfügbarkeit geht auch die Autorin und Aktivistin Teresa Bücker ein. In ihrem Beitrag über Onlinefeminismus widmet sie sich den emanzipatorischen Dimensionen von politisch gedachter Intimität und Post-Privacy. Dass dies jedoch keineswegs unproblematisch ist, scheint insbesondere in ihren Anmerkungen zum feminist burnout auf. Die Politisierung von Intimität bzw. die allzu enge Kopplung von Ideologie und Intimität schafft (neue) Formen der Verletzbarkeit und Verletzung und führt so – in Verbindung mit dem Fehlen von Schutz- und Rückzugsräumen in aktivistischen Kontexten – mittel- und langfristig zu psychischer und physischer Erschöpfung."


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Foto: Stephan Röhl (CC BY-SA 2.0)


Auf der re:pulica werde ich eine Session zu Activist Burnout und Netzdiskursen halten. Hier gibt es nun die Skizze der Session. Ihr seid herzlich eingeladen, euch vorab mit Kommentaren und anderem Input zu beteiligen. Ich kann mir auch vorstellen, dann noch jemanden als Speaker_in zur Session hinzuzuholen.
Einen ersten längeren Text von mir zu Online-Aktivismus gibt es im FAZ-Blog.

Burnout & Broken Comment Culture 

Soziale Bewegungen sind über Internetprotestformen zuletzt wieder sichtbarer geworden, haben Einfluss genommen und sind augenscheinlich gestärkt. Doch das Dilemma das Online-Aktivismus ist, dass Beteiligte unter Druck, Tempo und Gewalterfahrungen im Netz immer schneller ausbrennen, sich zurückziehen und ihren Communities verloren gehen.

Diskurse im Netz sind selten offen: Sie werden von meinungsstarken und gut vernetzten Nutzer_innen bestimmt. Ihre Richtung wird zudem stark geprägt von Aufmerksamkeit und Tenor großer Medien, die sie aufgreifen. Der Ton in Online-Debatten ist harsch und oft verletzend, Kommentare zu Texten in Blogs und Medien sind das Unkraut des Internets. So drehen sich Diskussionen im Kreis, sind abgeschlossen gegenüber wertvollem Input und lassen Teilnehmende frustriert zurück.

Wie können Diskurse gestaltet werden, aus denen Online.Bewegungen Schlagkraft entwickeln können? Wie können sich Aktivist_innen gegenseitig stützen und schützen? Wie öffnet man Onlinebewegungen für eine vielfältige Teilnehmerschaft? Wie schafft man ein Gegengewicht zu etablierten Meinungsmacher_innen und Medien?

Der Vortrag geht diesen Fragen nach und präsentiert Ideen dazu, Debatten im Netz neu zu organisieren und inklusiver zu gestalten, um Onlineaktivismus langfristig zu stärken.




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3/05/2014
 


Die Piratenpartei ist vielleicht nur ein Zusammenschluss von Aktivisten, die sich organisieren wollten und dafür die falsche Form gefunden haben. Auch andere Onlineaktivisten geben erschöpft auf. Die Piratenpartei liegt in Scherben. Die immer noch junge politische Gemeinschaft ist politisch nicht mehr handlungsfähig, im Netzrauschen fällt sie nur noch über Hashtags auf, hinter denen sich meist ein Gate verbirgt: ein Minieklat oder eine große Dummheit. Die Partei wirkt erratisch, ihr fehlen gemeinsame Werte, eine Strategie, der Wille zu Überleben und Personen, die eine Gemeinschaft zusammenhalten können. An diesem Punkt scheint sich eine frühe These über die Partei zu bestätigen: Sie war und ist vielleicht mehr ein loser Zusammenschluss von Aktivistinnen und Aktivisten, die sich organisieren wollten und dafür die falsche Form gefunden haben. Doch selbst als Aktivisten sind die Piraten nicht erfolgreich, denn auch politischer Aktivismus braucht einen gewissen Grad der Organisation und zu allererst ein Verständnis über die Anliegen der Gruppe und deren Priorisierung. Eine Partei, die für digitalen Aufbruch stehen wollte, aber ihren Mitgliedern über gezieltes Online-Mobbing das Selbstbewusstsein und die Lust auf Politik nimmt, beraubt sich selbst ihrer Grundlage für Glaubwürdigkeit. Sie beherrscht das Spielfeld nicht, was sie politisch gestalten wollte. Die Absurdität der parteiinternen Querelen gipfelten in einem „Warnstreik“ der IT-Abteilung, die aus Unzufriedenheit mit der Arbeit der Partei und dem jüngsten #Bombergate die digitale Infrastruktur der Partei vorübergehend außer Betrieb setzte.

Eine Bestandsaufnahme des Online-Aktivismus in Deutschland fällt zurzeit nicht besser aus. Es ist kaum messbar, was hängen bleibt von Kampagnen auf Twitter und Online-Petitionen. Dem Stillstand in beispielsweise der NSA-Affäre verleiht der Spiegel-Online-Redakteur Christian Stöcker, der seit Monaten den gleichen Tweet wiederholt in die Timelime gibt. „Immer noch wahr“, schreibt er vor den Link, der auf seinen Artikel „Global Surveillance: The Public Must Fight for its Right to Privacy“ führt, der Ende Juni auf Spiegel Online erschien. Die Autorin Anne Roth kritisierte in der vergangenen Woche Petitionsaktivismus am Beispiel der Hebammen, bei dem seit Jahren massenhaft Menschen ihre Unterschrift leisten, weil sie den Berufsstand der Hebammen erhalten wollen, sich jedoch politisch kaum etwas bewegt. Petitionen könnten nur ein erster Schritt sein, so Roth, doch weitergehende Strategien zeichnen sich derzeit nicht ab.

Spürbar sind auch für Aktivistinnen und Aktivisten zunächst nicht die Veränderungen, die sie mit anstoßen, sondern vor allem Frust und Anfeindungen. Ein Frust, der sich unter der Großen Koalition ausweiten wird, denn auf die Forderungen von Netzaktivist_innen, die eher im linken Spektrum zu verorten sind, werden in dieser Legislatur keine fortschrittlichen Antworten zu erwarten sein. CDU-Gesundheitsminister Gröhe ist der ‚last man standing’, der sich gegen die Rezeptfreiheit der „Pille danach“ stemmt, obwohl sie in 28 anderen EU-Staaten freigegeben ist und sich WHO und Pro Familia dafür aussprechen. Das gespielte Entsetzen von Regierung über die NSA-Massenüberwachung und das Festhalten an der Vorratsdatenspeicherung wirken schizophren. Online-Aktivist_innen, die sich in Deutschland vor allem zu netzpolitischen und geschlechterdemokratischen Fragen organisiert haben, können von dieser Koalition nicht viel erwarten. Sie müssen aktiv bleiben ­– aber vor allem ihre Strategien überdenken.

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