„Nee, die Piraten doch nicht. Bist du verrückt?“, lacht meine kleine Schwester ins Telefon.  „Christian Lindner ist süß, den wähle ich vielleicht.“ Sie gehört zur jüngsten Gruppe der Wählerinnen, die in diesem Jahr ihre Stimme abgeben dürfen. In der europäischen Realität wird jedoch der italienische Ministerpräsident Enrico Letta mit 47 als “Jungspund” bezeichnet, im letzten Jahr meiner Zwanziger darf ich mich blutjung fühlen, die noch Jüngeren müssen demnach Babys sein. Über die Jungen und Mädchen, die halb so alt sind wie ich selbst, weiß ich so gut wie nichts. In der U-Bahn huschen täglich magersüchtige Mädchen mit tiefen Augenschatten an mir vorbei, anderen Teenagern klebt so viel orangestichiges Make-up im Gesicht, wie ich in drei Jahren nicht verbrauche. Einer Horde männlicher Jugendlicher möchte ich in manchen Gegenden Berlins nachts nicht alleine begegnen, wiederum andere sieht man niemals, da sie in abgedunkelten Kinderzimmern zocken, im Bundestag laufen sie mit großen Augen und mühsam geknoteten Krawatten umher. Ich habe noch nie einen Praktikanten gesehen, dessen Anzug gut sitzt. Ob sie sich sicherer in der erwachsenen Stoffhülle fühlen?
Eigentlich möchte ich sie alle in den Arm nehmen und verraten, wie schön das Älterwerden ist; die Zeit zwischen 14 und 19 ist vielleicht die härteste Probe, das sage ich Maria, als sie schnell von meiner Ausgangsfrage, ob sie die Piratenpartei wählt, umschwenkt auf ihren Liebeskummer. Im Vorfeld der Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen habe ich sie oft angerufen und versucht mit ihr über Politik zu sprechen. Obwohl sie in ihrem dualen Studium einen rechtswissenschaftlichen Schwerpunkt hat und einige Monate in der Ausländerbehörde arbeitete und Verstörendes über Abschiebungen erzählte, nahm sie auf Wahlplakaten zunächst den blonden FDP-Politiker wahr, den sie als Eye Candy unter wählbar verbuchte. Sie postet bei Facebook Partyfotos und Einträge über Unlust auf Klausuren, die sie überdurchschnittlich gut absolviert. Von der politischen Filterbubble, in der ich mich bewege, lebt und klickt sie weit entfernt.
Ich bitte sie am Telefon, den Livestream des Piratenparteitags in Neumarkt anzumachen, den schon partei- und politikerfahrene Twitternutzer als bizarrbezeichnen. Der Kurznachrichtendienst und Liveblogs helfen dabei, sich in der Tagesordnung zurechtzufinden. Lust auf Politik macht er nicht. „Was machen die da?“, fragt sie, „Das ist nicht ernst, oder doch?“ Sie kommentiert keine Outfits, keine Frisuren, kein Kabelgewirr. Das Parteitagsprozedere provoziert bei ihr keine emotionale Reaktion außer Irritation. Die andere steife Seite von Politik kennt sie aus der Verwandtschaft. Unser Cousin kandidierte in einem tiefschwarzen Wahlkreis für ein Landtagsmandat der CDU, fotografierte unsere Großeltern samt des dazugehörigen Kaninchenzuchtvereins für seine Wahlbroschüren, er hat 469 Facebook-Fans, auf den Fotos herrscht eine Männerquote von 90 Prozent. Einer der letzten Einträge besteht aus einem Foto mit dem Begleittext: „Übergabe eines Schützenvogels an Bundeskanzlerin Angela Merkel“. Bei Familienfeiern werden die Enkelkinder weit auseinandergesetzt; ich solle bloß nicht die gleichgeschlechtliche Ehe thematisieren, den Großeltern zu Liebe, so meine Mutter. In diesen Räumen auseinanderklaffender Werte, denen ein Schweigen gut tun soll, wächst meine kleine Schwester auf und wird unpolitisch. In einem konservativen sozialen Kontext ist ein Piercing schon rebellisch genug, eine abweichende Meinung am Mittagstisch, eine Mitgliedschaft bei der Piratenpartei braucht es da nicht.
Die Piraten repräsentierten zunächst ein politisches Extrem, das schnell harmlos wurde, da es obgleich anders lautender medialer Darstellung die Jugend nur streift, selbst die politische. Die Zeit Redakteurin Khue Pham schreibt in derZEIT, als junger Mensch schäme man sich für die Piraten und sei wütend, da sie eine Chance verspielt haben. Sie fragt: „Was wird aus denen, (…) die sie wählen wollten, weil sie sich von keiner anderen Partei repräsentiert fühlen?“ Doch wer fühlt sich von den Piraten noch repräsentiert? In den Ergebnissen der Meinungsforschung schwindet der Schwarm.
In dem Ort, in dem ich aufwuchs, gab es nur die Junge Union – und zu meiner Schulzeit keinen digitalen politischen Diskurs. Gut möglich, dass ich damals den Piraten beigetreten gewesen wäre, oder sie gewählt hätte. Ich war Akte-X-Fan und glaubte an das Paranormale. Jetzt interessieren meine kleine Schwester und ihre Freundeskreis mich in ihrer Normalität: weder besonders politisch noch lethargisch. Maria fühlt sich von keiner Partei repräsentiert, sagt sie, ernüchtert klingt sie dabei nicht. Ihre Freundinnen, die schon ein Kind haben, hätten dafür erst recht keine Zeit. „Die meisten wählen das gleiche wie ihre Eltern, wenn überhaupt“, erzählt sie. Als größten Einschnitt hat sie zuletzt das Inkrafttreten des Rauchverbots empfunden: „Das hat eingeschlagen wie eine Bombe. Ich bin erwachsen und werde immer noch bevormundet.“ Sauer auf eine spezielle Partei ist sie nicht: “Die Politik halt.” In ihrem Zimmer hängt das „I want to believe“-Poster aus Fox Mulders Büro, das ich bei meinem Auszug da ließ. Ich glaube immer noch, dass Beteiligung an Politik eine gute Idee ist. Ich hatte und habe die Hoffnung, dass irgendeine politische Organisation zu einer Heimat für jemanden wie meine kleine Schwester werden könnte. Maria ist der Typ Mensch, die Klassensprecherin wird sobald sie den Raum betrifft. Repräsentierte sie die Durchschnittsfrau, läge die Quote in Führungspositionen bei mindestens 90 Prozent. Sie will einmal Chefin werden, sagt sie, „egal wo.“ Sie erinnert mich ein bißchen an Julia Klöckner, nur dass sie niemals Weinkönigin werden oder den Schützenkönig küssen müsste, doch vielleicht ist der Vergleich auch schief, denn sie würde politische Phrasen niemals beherrschen und stattdessen mit Neuschöpfungen der Jugendsprache für Ordnung sorgen. Sie leitet jeden dritten Satz mit „Alter!“ ein und sagt dann etwas sehr Kluges. Ich mag diesen wütenden Slang, weil er lebendig klingt. Meine Projektion schwankt zwischen dem Wunsch nach ihrem politischen Engagement und dem Wunsch, sie politisch inkludiert zu sehen.
Das Jugendwort des Jahres löst bei seiner Bekanntgabe stets Verwunderung aus, doch es sollte nachdenklich stimmen, dass wir junge Menschen so selten in ihrer eigenen Sprache sprechen hören. Dieser Text ist das allererste Mal, dass ich „YOLO“ überhaupt tippe. Der durchschnittliche junge Mensch ist ein vernachlässigtes Thema, das Englische stellt dabei mit dem schönen Begriff„undercovered topic“ die journalistische Komponente hervor, eine politische Dimension hat die Zustandsbeschreibung auch. Parteien haben Jugendorganisationen, selbst die Piraten, doch erst der Piratenpartei gelang es Öffentlichkeit herzustellen für einen Ausschnitt von jüngeren Menschen und den besonders internetaffinen, die sich zumindest in technologischen Fragen am Puls der Zeit befinden. Die Antwort, ob in den nächsten Wochen des Wahlkampfes Jugendverbände in Fragen von Teams von Spitzenkandidat_innen eine gewichtigere Rolle spielen werden als Landesverbände, ließe sich vorwegnehmen. Auch die Sprache in (journalistischen) Kommentierungen ist interessant. So heißt es über Gesche Joost, gerade als Expertin für „Vernetzte Gesellschaft“ in das Kompetenzteam von Peer Steinbrück berufen, man wolle über sie „jüngere Wähler ansprechen“. Das Ansprechen ist dabei kein „Hi, wie geht es dir?“, es ist ein „Wähle uns!“ und dementsprechend kurzfristig konzipiert. Die Piraten hingegen kreisten an diesem Wochenende um dieinnerparteiliche Beteiligung, bevor sie sich überhaupt Gedanken machen konnten, über welche Ansprache sie über die eigene Partei hinaus wirken und zum Mitmachen aufrufen könnten. Die Piraten wollen demokratische Teilhabe früher verwirklichen: Sie fordern die Absenkung des Wahlalters. Doch schaut man sich die Partei heute an, versagen sie nicht nur dabei, die jungen Menschen anzusprechen, die sich in keiner Partei wiederfinden. Anstatt den Gegenentwurf zur etablierten politischen Kultur zu realisieren, haben die Piraten sich als Nischenpartei verschlossen. Offenheit und Inklusion bringt man mit ihnen nicht mehr in Verbindung. Gegen das dicke Fell, das eine Person, die Verantwortung in der Partei übernehmen will, mitbringen muss, wirken andere Parteien kuschelig. Der Flausch hat die letzten Federn verloren.
Ihr Vorsitzender sagte auf dem Parteitag: „Die Piraten werden eine neue, andere Kultur einbringen.“ Auch die Kultur ist nur noch eine Phrase, ein weiteres Wort, das ich aus meinem Sprachschatz streichen werde. Die Piraten müssen viele sein, wenn sie ihr Versprechen, den Bundestag weniger gemütlich zu machen, dort tatsächlich hineintragen sollen. Doch das Murmeln der Piratenblase, die nicht nur nach und nach Parteihabitus in sich aufgesogen hat sondern auch die leere politische Sprache, besitzt nicht die Schärfe, um in der Gemengelage des Wahlkampfes erkennbar zu bleiben. Gesche Joost, vor einer Woche noch Professorin und seit Freitag Netzpolitikerin im Schattenkabinett der SPD, bekommt zu Beginn der Woche mehr Aufmerksamkeit als die Katharina Nocun, neue politische Geschäftsführerin der Netzpartei.
Bernd Schlömer will angreifen, sagt er am Sonntag, den Rest habe ich zwei Minuten später vergessen. Bushido twittert zeitgleich: „Seid dankbar für jede Sekunde, die ihr mit euren Müttern verbringen könnt.“. 627 Menschen retweeten ihn. Laut Kommunikationswissenschaftlern, die gerade zu Multiplikatoren im Wahlkampf forschen und Tweets auswerten, ist derjenige, der mit politischen Meinungsäußerungen die höchste Reichweite generiert ausgerechnet der Rapper aus Berlin. „Nee, der versteht mich auch nicht. Der findet bestimmt auch gut, dass die Piraten sich für 30 Gramm Gras Eigenbedarf einsetzen. Das ist völliger Nonsens“, sagt meine Schwester während ihr Feuerzeug in den Hörer klackt. „Keine Ahnung,  CDU wähle ich sicher auch nicht, aber sag es Mama nicht.“


Der Text ist zunächst erschienen im FAZ-Blog "Deus ex Machina".

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Für die re:publica-Konferenz habe ich meine Herzensthemen Beziehungen, Freiheit und Arbeit in einen Vortrag gepackt, denn für mich gehören sie zusammen. Ich sehe es wie Anne-Marie Slaughter, euch vielleicht bekannt als die Autorin des Atlantic-Essays "Why women still can't have it all", die bei ihrem Berlin-Besuch sagte: „Wenn mir jemand sagt, seine Arbeit ist wichtiger als seine Familie, würde ich ihn nicht einstellen.“ In der Realität vieler Arbeitsverhältnisse sieht es jedoch so aus, dass die Priorisierung von Familie, Partner_innen und Freund_innenschaft als falsche Einstellung zur Arbeit ausgelegt wird. Die Selbstausbeutung wird vorausgesetzt, wer nicht an körperlichen und seelischen Belastungsgrenzen geht - und dabei seine Beziehungen belastet - gibt nicht das, was von jemandem erwartet wird, der "für seinen Job" lebt.

Doch:

Beziehungen und Freundschaften sind keine Nebensache. Sie sind Fundament für Gesellschaft und Wirtschaft.

Und ich bin der festen Überzeugung, dass stabile Beziehungen, die Raum und Zeit erhalten, Voraussetzungen dafür sind, gut arbeiten zu können. In Zeiten der Entgrenzung, in denen wir auch für Arbeitgeber_innen und Kolleg_innen *immer* zu erreichen sind, muss im Gegenzug berücksichtigt werden, dass Gesundheit und soziales Leben keine Privatsache sein können, vor allem dann nicht, wenn ihnen die Grundlage geraubt wird. In dem Sinne gelesen bedeutet Post-Privacy Verantwortungsübernahme für andere. In meine Vortrag plädiere ich deswegen für eine beziehungsorientierte Sicht auf Arbeit. Was das bedeutet, erfahrt im im Video. Das Manuskript reiche ich noch nach. Die Folien finden sich bei Slideshare.

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4/27/2013

Aktivist_innen sind dann erfolgreich, wenn sie die Logik eines Systems unvermittelt und heftig auf den Kopf stellen. Denn nur aus der Asche des Kritikgegenstandes, können die neuen Ideen erwachsen. Chaos ist eines der Ziele von Femen, wie sie in ihrem Manifest erklären: „FEMEN - is the new Amazons, capable to undermine the foundations of the patriarchal world by their intellect, sex, agility, make disorder, bring neurosis and panic to the men's world“. Radikaler Aktivismus will keine bessere Welt, er will eine neue.

Die Aktivistinnen von Femen wollen extrem und kompromisslos sein. Doch ihre Idee ist alt: Die Frauen der international organisierten Gruppe protestieren mit entblößten Brüsten. Ihre Idee ist kraftlos ­– trotz hoher Medienpräsenz. In Deutschland, wo Femen zuletzt in Hannover bei einem gemeinsam Auftritt vom russischen Präsidenten Wladimir Putin und der Kanzlerin Merkel protestierte, ist Nacktheit medialer Alltag. Eine freie Brust kann niemanden erschüttern – bis auf männliche Teenager ohne Internetzugang. Die Fotos, auf denen die Politiker erschrocken auf die Femen-Aktivistinnen blicken, dokumentieren wenige Sekunden Wirklichkeit. Nicht genug, um die Zielpersonen zum Nachdenken zu bewegen. Dass Ausziehen noch allzu oft als mutig bezeichnet wird, ist eine Pseudomoral, die herangezogen wird, wenn der Narrativ fehlt. Denn welche Bilder eines Postpatriarchats haben Femen tatsächlich vorgelegt – bis auf eine bloße Ablehnung des Ist-Zustandes?

Dass Femen dennoch Aufmerksamkeit erregen, liegt nicht allein am Nachrichtenwert des entblößten Frauenkörpers. Die straffen, naturbelassenen Brüste der jungen Frauen sind auf den ersten Blick zwar eine zweifelhafte Reproduktion des westlichen Schönheitsideals der weiblichen Form, sie erfüllen jedoch auch die Ziele eines kontemporären Feminismus. Sie suggerieren Aufbruch. Denn der nackte Protest bringt die Aktivistinnen in den Mainstream – der Ort, an dem Feminismus sich entfalten muss, um die Geschlechterrevolution zu mehr als einer Theorie werden zu lassen. Femen sprechen Männer an, weil Brüste nicht allein Fetischobjekt ihrer Besitzerinnen sind, und wirken damit in der öffentlichen Rezeption gegenüber Formen des Feminismus zunächst überlegen, dem Lustfeindlichkeit vorgeworfen wird. Femen beherrschen zudem den Umgang mit Medien auf zweifacher Ebene: sie surfen die Agenda und unterwerfen sich der Medienlogik. Denn der einfachste Weg von Journalist_innen beachtet zu werden, ist die Suche und die Attacke auf große Gegner – gepaart mit dem ultimativen weiblichen Reiz ist die Berichterstattung garantiert.

Doch die Brust ist eine tückische Waffe. Sie katapultiert ein Thema in die Öffentlichkeit doch lässt seine tieferen Inhalte in den Scherben ihres Sprengsatzes verblassen. In übersättigten Markt der sexuellen Bilder ist sie ohne Wert. Welche Brust heute mit welcher Botschaft verknüpft war, kann das Publikum kaum noch erinnern. Brüste sind überall, doch sie sind schon lange nicht mehr politisch. Denn ihre Bilder erzeugen – anders als Aktivismus es intendiert – keinerlei Bewegung. Sie fügen sich ein in den Nachrichtenstrom, der zwar Informationen bewegt, aber weder Köpfe noch Herzen. Erst unbeachtet und entpolitisiert ist die Brust frei ­– und damit ein Stück ihrer Trägerin.

Die Brust ist bei Femen ein individuell selbstbestimmtes Mittel, doch kein universelles Symbol der Selbstbestimmung. Denn so unterschiedlich Frauen sind und so vielfältig der Feminismus, wird das Für-Frauen-Sprechen schnell zur Bevormundung, oder, wie zum Beispiel bei Femen geschehen, zu Rassimus gegenüber muslimischen Frauen. In dem sich ein Feminismus über den anderen erhebt, in dem sich Feminist_innen gegenseitig Fehler und Schwächen vorwerfen, entwerfen sie eine öde Kopie des von ihnen kritisierten politischen Systems. Das Mutigste, das Frauen heute tun können, ist anstatt füreinander wieder mehr miteinander zu sprechen, und Bündnisse ausgehend von ihren Unterschieden zu schmieden. Eine radikale Allianz von Frauen würde tatsächlich überraschen und wäre der Beginn einer feministischen Utopie.

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Dieser Text ist zuerst erschienen in "der Freitag" (17/2013) zum Wochenthema "Es geht nur so – Junge Frauen machen mit ihrem Körperpolitik" als einer von drei Texten. 

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I saw the brightest women of my generation 
wasting their brains
beautifying and starving themselves
to dullness and death.


Das Schweigen brechen – das hat #aufschrei ermöglicht. Ein weiteres Mal, doch in einer neuen Dimension.  Die Fähigkeit und der Mut über Geschehnisse zu sprechen ist wichtig um zu heilen, um das Vertrauen in die Welt und in andere wieder zu fassen. #aufschrei ist ein Anstoß und allein deswegen schon bedeutsam und wertvoll. Wer glaubt, die ersten Wochen dieses Jahres, in denen intensiv über sexualisierte Gewalt und Sexismus debattiert wurde, hätten nichts bewirkt, irrt. Die Medienlogik hat den Prozess dabei vielleicht überfordert, Aktivist_innen und Betroffene jedoch wissen, dass die »Heilung« von den gesellschaftlichen Strukturen, die eine kranke Welt hervorbringen, Zeit brauchen wird. Dass es viel wichtiger als ein politischer Maßnahmenkatalog ist, einander zuzuhören und miteinander zu sprechen. 

Als Kathrin Koehler mich kürzlich interviewte und fragte, wie ich #aufschrei erlebt habe, habe ich mich nicht getraut wirklich offen zu antworten, weil ich die Wochen ambivalent erlebt habe und zu allererst dankbar dafür bin, dass der #aufschrei begonnen hat. Ich habe in den vergangenen Jahren nichts erlebt, was mich so gestärkt hat, wie die feministische Vernetzung über das Internet und die Menschen, die ich darüber kennengelernt habe, das Wissen, das ich neu erworben habe, die Debatten, in die ich involviert war. Auf der anderen Seite hat mich die erste Woche des #aufschrei tief getroffen, seelisch und körperlich fertig gemacht. Ich habe geweint, gekotzt, kaum geschlafen. Die Erinnerung an Übergriffe und das Lesen von Erlebnissen anderer ist nicht weniger als eine Re-Traumatisierung.
Ist es ein Trauma, wenn dir jemand an die Brust fasst? Die traumatische Qualität einer sexuellen Belästigung mag eine andere sein als die einer Vergewaltigung. Doch unterschätzt die Summe von Mikrotraumata nicht; unterschätzt nicht, dass Menschen individuell auf Erlebnisse reagieren. Wenn dir als Person über viele Jahre nahezu jeden Tag ein Übergriff geschieht, sei es, dass dir jemand „geile F*tze“ hinterherruft, dich beim Joggen aufhält, so dass du dich losreißen musst, dir in einer Bar an den Arsch fasst, ein Wildfremder dich versucht zu küssen, dein Aussehen kommentiert wird, kritisiert wird, und immer egal ist, wer du eigentlich bist und was du kannst, sondern du ein beliebiges Objekt bist, sexualisierbar und ideal für eine Demütigung – wie soll so etwas nicht zermürben? Das Selbstbewusstsein zerfressen? Dich daran zweifeln lassen, ob es schön ist, eine Frau zu sein? Ob du diese Frau sein willst? 
Was ich immer wieder von anderen Frauen gelesen habe und selbst nur so wiedergeben kann: wir können die Übegriffe nicht mehr zählen, sie sind zahllos. Ich nehme von den Tagen Notiz, an denen es nicht passiert. Die Sprüche, mit denen Frauen degradiert und belästigt werden, könnten Bibliotheken füllen. 

Wie wollen wir selbstbewusste Menschen heranziehen, wenn wir ihnen sagen müssen, dass Gefahr lauert? Wenn diese Gefahr tatsächlich real ist, selbst in der ländlichen Idylle eines Dorffestes? Wie sollen unsere Töchter selbstbewusste Frauen werden, wenn das Leben als Frau nicht von Gleichberechtigung geprägt ist, sondern von negativen Erfahrungen aufgrund ihrer Weiblichkeit? 

Als Frau nehme ich eine Welt wahr, die gespalten ist: in die Welt, in der wir funktionieren und sprechen können, und in die andere, in der wir verletzt sein dürfen und das aussprechen, worüber wir in der anderen Welt schweigen. Ich bewege mich in relativ privilegierten Kreisen: die Frauen, zu denen ich engen Kontakt habe, sind überwiegend weiß, stammen aus der Mittelschicht, haben höhere Bildungsabschlüsse und sind finanziell unabhängig. Es sind die Frauen, die heute schon als gleichberechtigt betrachtet werden. Von denen Sheryl Sandberg erwartet, dass sie die Führungspersönlichkeiten von morgen werden. Und doch kenne ich unter ihnen kaum eine einzige, die nicht traumatisiert ist und ihr Schweigen irgendwann zumindest in einer Therapie gebrochen hat. Vielen geht es dabei wie Stephan in seinem Blog beschreibt: Sie fragen sich, ob sie diese Therapie denn tatsächlich brauchen, ob es so schlimm war. Ob man mit dem bißchen Trauma nicht alleine klar kommt? Das Abi haben wir ja schließlich auch geschafft.

Traumata kommen in vielen Formen, sie müssen nicht von sexualisierter Gewalt ausgehen. Das Gewalttätigste, was ich in der westlichen Welt mit eigenen Augen beobachte, sind dabei Essstörungen und andere Selbstverletzungen. Die Erniedrigung delegiert in die eigenen Hände. Zu den gesellschaftlichen Mechanismen, die dahinter stecken, dringen die wenigsten Analysen vor, denn: „die Mädchen und Frauen entscheiden sich ja für den Hunger, für das Erbrechen, für das übermäßige Essen“. Aus meiner damaligen Schulklasse sind ab etwa 1998, als wir 13 und 14 waren, über die Hälfte der jungen Frauen an Essstörungen erkrankt, manche auch erst im Studium. Es gab zu dem Zeitpunkt bereits die ersten Pro-Ana-Foren im Internet, die Celebrity-Kultur war weniger ausgeprägt, auch Germany’s Next Top Model gab es noch nicht. Wir erkrankten meist noch vor dem ersten Sex oder vor der Zurückweisung von einer Person, in die wir verliebt waren. Magersucht ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterberate, bis zu 15 Prozent überlegen das Hungern nicht. Die meisten Frauen begleitet die Esstörung nicht nur für die Dauer der akuten Erkrankung, sondern ein Leben lang.
Die Sache ist komplexer und ja, sie ist eng verknüpft damit, welche Freiräume wir jungen Menschen in ihrer Entwicklung lassen und welche Erwartungen wir an sie richten. An sie als Person, nicht einmal an ihr Gewicht. Ob sie sicher wissen können okay zu sein, und nicht an engen Normen scheitern. Für die FAZ schrieb ich einmal: 
„Es zählt zu den Mythen über Esstörungen, Kalorien und Normalgewicht würden sie kurieren, genau wie von Medien transportierte Körperideale für die Sucht, verschwinden zu wollen, verantwortlich gemacht werden können. Vom Löschen eines Pro-Ana-Blogs wird keine Hungerkünstlerin gesund. Es ist eine billige und naive Sichtweise auf komplexe Erkrankungen wie Magersucht, die Ursachen vorrangig in Fotos dünner oder zerbrechlich zurecht retuschierter Frauen zu suchen. Die Sisyphusarbeit, Nutzerinhalte aus dem Netz zu entfernen, die psychische Leiden sichtbar machen, mag politisch korrekt erscheinen, sie hilft den Betroffenen jedoch wenig und wird Neuerkrankungen kaum verhindern können. Denn es ist nicht das Netz, das krank ist und krank macht, es sind nicht die bloggenden Bulimiker und ritzende Teenager, die verrückt sind. Bilder, die zum Hungertod inspirieren sollen, geht eine Wirklichkeit voraus, die zum Kranksein und Kotzen inspiriert.
Das aber nur als Exkurs. Was mich immer noch – and I will not excuse my language – ankotzt, ist die Scheinheiligkeit dieser „Leistungsgesellschaft“, die über ihre Strukturen junge Menschen erst kaputt macht und ihnen dann abverlangt, ein Übermensch zu sein. Und ich hoffe, dass #aufschrei die Bühne dafür eröffnet, darüber sprechen zu können, was uns krank macht, was uns traumatisiert hat, was wir fühlen und was wir wirklich wollen. Ich finde nichts langweiliger, feiger und verlogener als glatte Lebensläufe und Darstellungen der eigenen Persönlichkeit, die auf Unangreifbarkeit getrimmt sind. Dann über diese Verhaltensweisen wird dazu beigetragen, dass weiter geschwiegen wird und Traumata maximal in der Therapie behandelt werden – aber bitte nicht öffentlich! 

Die Sicht auf Traumata ist dabei genauso bigott wie auf Frauen, die weniger Führungsqualitäten haben sollen, weil sie Erfahrung in der Familie gesammelt haben und nicht in einem Konferenzraum. Wie tough ist eine Person, wenn sie eine Depression überlebt hat? Eine Magersucht? Eine Vergewaltigung?
Wie tough, wie klug, wie qualifiziert ist jemand, der Sexismus witzig findet? Der Frauen nicht ernst nehmen kann? Der sich schon bei einer Männerquote von 85 Prozent benachteiligt sieht?

Erst kürzlich musste ich mir die Frage anhören, ob es seriös sei, wenn ich darüber twittern würde, dass ich knutschen wolle. Es ist nicht nur seriös, es ist feministisch und es ist politisch. Denn es geht um Selbstbestimmung. Und so lange Frauen sexuelle Bedürfnisse nicht zugestanden werden oder sie diese selbst nicht formulieren können, werde ich über Sex schreiben und twittern.  Ulrike Lembke bringt es für für die Blätter auf den Punkt:
"Schließlich sind die romantische Liebe, die Ent-Rationalisierung von Sexualität und die Intimität als Inbegriff des Privaten immer noch höchst wirkmächtige Entwürfe. Sie sorgen unter anderem dafür, dass wir wenig darüber reden, warum es manchen jungen Frauen genügt, wenn ihr Partner mit dem gemeinsamen Sex zufrieden ist, oder warum in einer Befragung über 60 Prozent der Frauen angeben, sexuelle Aktivitäten in alkoholisiertem Zustand zu bevorzugen
Sexualität ist etwas Höchstpersönliches, aber sie hat auch eine politische Dimension. Wer sie entpolitisiert (und entkontextualisiert), verhilft dem Herrenwitz zu Wirksamkeit. Dies könnte der entscheidende Mehrwert der aktuellen Sexismusdebatte sein: Dass aus den gesammelten persönlichen Erfahrungen gesellschaftliche Strukturen und Muster erkennbar werden und die Bereitschaft zu ihrer Veränderung wächst. Spannend wird es genau dann, wenn das Privat(isiert)e auch wieder politisch wird."
Dein //privates// Trauma ist politisch. Mich hat #aufschrei nicht enttäuscht zurückgelassen, ganz im Gegenteil. Denn es fühlt sich machtvoller an heilen zu können, gemeinsam mit anderen, als ein abschätziger Kommentar eines „Mächtigen“ über die Bewegung. Es ist privat bedeutsam und damit politisch, denn hier entsteht Gemeinschaft – und eine neue politische Öffentlichkeit, in der wir verletzlich sein dürfen und gleichzeitig stark. Der Gegenentwurf einer Öffentlichkeit, die auf Stärke und Unnahbarkeit als Fassade setzt, wird letztlich schwächer sein.

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3/19/2013

Kathrin Koehler besucht Menschen "aus diesem Internet" und porträtiert sie. Im Februar war sie in meinem gerade bezogenen Kreuzberger Dachgeschoss zu Gast und hat sich einen Abend lang mit mir unterhalten. Über meine Arbeit in der Politik und Autorinnenschaft, über Ehe und Kinderwünsche, über das digitale Fremdbild und die Person dahinter. Auf ihrer Website "Portraitzentrale" könnt ihr den Text lesen, den Kathrin nach unserer Begegnung geschrieben hat. Sie hat zudem einige Fotos aufgenommen und einige Soundbites über Soundcloud in den Text eingebunden. Lest und hört selbst.

Mich hören/sehen könnt ihr das nächste Mal am 9. April in Athen bei der Friedrich-Ebert-Stiftung zu mehr innerparteilicher Demokratie durch digitale Beteiligung, am 26. April im Generationengespräch mit Christine Bergmann, Bundesministerin a.D., in der FES Berlin zum Thema "Wie Frauen politische Kultur verändern" (Einladung noch nicht online), bei der Next am 23. und 24. April in einem Workshop zu digitaler Arbeit gemeinsam mit Mirko Kaminski und Johannes Kleske und natürlich bei der re:publica mit einem Vortrag zur Zukunft der Arbeit und in einer gemeinsamen Talkrunde mit Sue Reindke.

Im Juli bin ich zudem zwei Mal in München bei einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing zum Thema "Frauenfeindlichkeit und Männerrechtsbewegungen im Internet" und am 10. Juli bei der Münchner Frauenkonferenz, wo ich über "Feminismus als digitale Bürger_innenbewegung" spreche. Bis dahin!


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Der Neubeginn, den ich herbeisehne, kann auf diesem Stück Papier beginnen. Auf dem digitalen weißen Blatt, auf das ich Worte schreibe. Gedankenfetzen, die in Sprache gefasst mit anderen geteilt werden können, kennen keine Grenzen. Im Moment ihres Ausspruchs sind sie frei. Es könnte so leicht sein, den Neubeginn zu denken, ihn auszusprechen, ihn nieder zu schreiben, ihn heraus zu schreien oder ihn dir in dein linkes Ohr zu flüstern. Wie die Luft knistert, wenn ich mit meinen Lippen ganz nah an dein Ohr komme und dir zuraune, dass es deine Freiheit ist, dir eine Welt auszudenken, in der du dich ganz zuhause fühlst.

Worte können fesseln und Stricke mit einer messerscharfen Zunge mühelos durchschneiden. Eine Muse aus Buchstaben küsst dich so überraschend auf den Mund wie der Platzregen, der dir den Kopf wäscht. Auszusprechen, was ich denke oder fühle, den Satz zumindest für mich selbst diktiert zu haben und zu erinnern, gibt Sicherheit. Mit der Sprache beginnt die Wirklichkeit, nicht erst mit einem Handschlag. Mit der Sprache beginnt die Unabhängigkeitserklärung von den Normen, Regeln und Worten, die jene Grenzen ziehen, die eine Freiheit innerhalb ihres Raumes nur behaupten und niemals bewiesen haben.

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Ich schalte selten den Fernseher ein, denn das reguläre Programm langweilt mich, oft ist es einen #aufschrei wert. Sexismus, Frauenfeindlichkeit und Stereotype überwältigen mich. Ich möchte in diesem Backlash nicht leben, er macht mich kaputt.

„Germanys Next Top Model“ halte ich dabei noch für eine milde Form der Frauenfeindlichkeit, die insbesondere Formate der privaten Sender präsentieren. Gestern Abend stieß ich auf die RTLII-Sendung „Extrem schön“ und blieb hängen, als der Sprecher die frisch operierten Brüste einer Frau kommentierte mit: „Endlich ist sie eine richtige Frau.“ Ich müsste fassungslos sein, aber in der überwiegenden Mediendarstellung gibt es sehr genaue Vorstellungen davon, wann ein Mensch eine "richtige" Frau ist. Die Grenzen sind klar und bekannt. Üppige, symmetrische, feste Brüste gehören dazu. In der Sendung bekamen die beiden Frauen, die ihre Körper auf den OP-Tisch legten um einer starren Schönheitsnorm näher zu kommen, zudem noch zartere Nasen, die Bauchdecke gestrafft, Fett abgesaugt, das Doppelkinn operiert und Falten unterspritzt. Die „graue Maus“ wurde geschminkt und frisiert. Der Satz, sie könnten sich nun endlich als "echte" Frauen fühlen, fiel mehrere Male. Die Unzufriedenheit der Frauen wurde auf ihr Aussehen reduziert, aus anderen Lebensbereichen der beiden erfuhr man kaum etwas. Bis auf einen Aspekt, der für mich der Sendung das Genick noch ein drittes und viertes Mal brach: sie dokumentierte häusliche und psychische Gewalt. Eine der Frauen befand sich offenkundig in einer Beziehung mit einem krankhaft eifersüchtigen Mann, der sie mit Anrufen terrorisierte und sie dazu zwang, ihm zu gehorchen und nach Hause zu kommen. Die Frau war eingeschüchtert und verstört, der Sprecher der Sendung kommentierte, sie gebe nun den Traum von einem neuen Aussehen auf, weil ihr Lebensgefährte wolle, dass sie nach Hause komme. Hinterfragt wurde das Verhalten nicht. Die Szenen waren bedrückend, für mich noch härter als die Operationsszenen und Narben.

Das, was in diesen Fernsehsendungen und in anderen Medienformaten geschieht, ist frauenverachtend. Sie oktroyieren Normen gewaltvoll auf Körper. Sie dokumentieren Gewalt am eigenen Körper, an der Seele und verherrlichen sie. Medien tragen massiv dazu bei, Schönheit und die Möglichkeiten, sich mit dem eigenen Körper wohlzufühlen, zu definieren und zu verengen. Die Vielfalt der Schönheit wird aus der Welt geschnitten. Sie wird nicht gesendet und nicht gedruckt. In der Welt dieser Bilder ist eine Gesellschaft, in der Menschen unabhängig von ihrem Aussehen akzeptiert, respektiert und geliebt werden, passé. Nicht der Mensch wird respektiert, die Norm muss befolgt werden. Als einzige Option ein normales und erfülltes Leben führen zu können, wird der Kniefall vor dem Schönheitsdiktat ins Feld geführt.

Doch Medien tragen in diesem Bereich eine hohe Verantwortung. Diese Verantwortung lässt sich nicht auf die Zuschauer_innen abwälzen. Nicht auf Menschen, die stark genug sind, selbstbestimmt zu leben und eigene Maßstäbe für sich selbst anzulegen. Ich möchte den verantwortlichen Produzent_innen, Mitarbeiter_innen und Manager_innen der Sendeanstalten am liebsten ins Gesicht spucken. Sie tragen Verantwortung für andere und sind mit dieser Aufgabe offenbar überfordert. Sie haben den falschen Beruf. Sie nehmen bewusst in Kauf, dass die Würde von Menschen verletzt wird und dass frauenfeindliche Standards es für viele unmöglich machen, Selbstbewusstsein zu entwickeln und sich selbst zu mögen.

Eine Gesellschaft, die solchen Medien und Menschen ausgesetzt ist, wird über die kommenden Jahrzehnte nicht gesünder werden. Depressionen, Essstörungen, Selbstverletzungen, Angstzustände, Mobbing, Ausgrenzung – all diese Dinge nehmen stetig zu. Auch, weil Medien an einem Punkt angelangt sind, an dem sie Unterhaltungsformate weit überschritten haben, und bewusst Verletzungen anderer in Kauf nehmen. Hochbezahlte, gebildete Angestellte – mit Frauen, Freundinnen, Schwestern, Töchtern, Söhnen. Es gibt derzeit keinen medienöffentlichen Diskurs, diese fatalen Entwicklungen abzumildern und ihnen entschieden entgegen zu treten. Denn Selbsthass und die Herabwürdigung anderer sind normal geworden.

Eine Frau braucht keine Brüste, um eine echte Frau zu sein. Kein Schönheitskriterium entscheidet über den Wert eines Menschen. Neue Nasen und straffe Bäuche sind keine Lösung für eine Gesellschaft, in der Menschenverachtung und Frauenfeindlichkeit an Salonfähigkeit gewinnen. Der groteske Lookism ist dabei nur eine Form der Diskriminierung, die täglich einem Millionenpublikum serviert werden.

Medienkritik, Gegenwehr und Empowerment können den Schaden, den insbesondere jüngere Frauen und immer mehr Männer aktuell erleiden, kaum abfedern. Die Menschenverachtung, die Medien propagieren, hat eine politische Dimension. Wir müssen reden über körperliche und seelische Gewalt, die uns als Teil des alltäglichen Lebens kaum noch auffällt. Die wir senden, konsumieren, weitergeben. In der Weiterführung gesellschaftspolitischer Debatten nach #aufschrei sehe ich in der Ethik und Gewaltfreiheit als Themen von Medien- und Geschlechterpolitik die wichtigsten Ansätze für den Aufbruch in eine Welt, in der ich leben will. Das was ich jeden Tag sehe, macht mich wütend, krank und ratlos.

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