Hillary Clinton war am Sonntag in Berlin und hat im Schillertheater der Staatsoper mit Zeitmagazin Chefredakteur Christoph Amend gesprochen. Am Abend war sie dann zusammen mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und der Theologin Margot Käßmann zu Gast in der Talkshow von Günther Jauch zum Thema „Frauen an die Macht“.

Ich habe mir beides angesehen und für EDITION F darüber geschrieben. Heute müsst ihr euch noch anmelden und einloggen, um den Text lesen zu können. Ab Mittwoch ist die Seite dann offen.

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6/27/2014

Für EDITION F habe ich in den vergangenen Wochen viele tolle Frauen getroffen. Vier davon stelle ich hier heute vor, die Interviews und Texte über sie findet ihr auf der Website. (Da die Seite noch in der Betaphause ist, müsst ihr euch zum Lesen kurz anmelden. Ab August ist sie dann offen.)

Die Journalistin Alix Faßmann hat ein kluges Porträt über die Arbeitswelt von heute geschrieben. Ihr Buch „Arbeit ist nicht unser Leben: Anleitung zur Karriereverweigerung“ beginnt mit einem persönlichen Einstieg: Sie kündigt einen Job, in dem sie sich von sich selbst entfremdet hat. Doch ihr Buch ist vor allem ein politisches Buch. Ihre Geschichten erzählen von der Verlierern des Arbeitsmarktes: von Leih- und Zeitarbeit, von Hungerrenten, von Verdrängung von Menschen aus ihren Wohnvierteln und dem Karrierewahn, in dem Freunde, Gesundheit und Lebenszeit auf der Strecke bleiben. Doch wofür eigentlich? Alix Faßmann reflektiert in ihrem Reisetagebuch, das mit dem Eintritt ins Berufsleben beginnt, Anekdoten aus dem Alltag einer Parteizentrale umfasst und sie auf ihrer Selbstfindung nach der Kündigung quer durch Europa führt, darüber, welche Wahrheiten und welche Lügen das heutige Verständnis von Arbeit erzählt. Die 31-Jährige gibt Anregungen, wie man wieder zu einem eigenständigen Denken und Verständnis davon finden kann, was Leben eigentlich bedeutet, wenn die Arbeit nicht mehr das Leben ist. Sie hat jetzt zusammen mit dem Dramaturgen Anselm Lenz das „Haus Bartleby” gegründet – ein geistiger Ort im Internet. Dort sollen Geschichten entstehen, die einem neuen Verständnis von Arbeit folgen. Der Name des Ortes geht auf den den Arbeitsverweigerer Bartleby aus dem Roman von Herman Melville zurück, der den Satz „I would prefer not to“ prägte.

Für EDITION F habe ich sie interviewt.





Die Dänin Ida Tin ist Gründerin von BioWink und hat mit ihrem Unternehmen 2013 die Mobile-Health-App "Clue" auf den Markt gebraucht. Das Team hat seinen Sitz in Berlin und stellt die App derzeit in Deutsch, Englisch und Dänisch kostenlos zur Verfügung. Clue ist dabei mehr als ein moderner Menstruationskalender, der die nächste Periode berechnet. Man kann damit viele weitere Körpersignale tracken: Nutzerin und App lernen gemeinsam dazu.

Ida Tin will mit Clue eine Alternative zur Pille schaffen. Ein Gespräch über Big Data und technologiegestützte Verhütung.




Susanne Lang sagt: „Der Freundeskreis ist heute die bessere Familie”. In ihrem Buch beschreibt sie die Entstehung dieser neuen Haltung.

Mein Mann wurde immer gefragt: Und wann kommt jetzt die Familie nach? Ich kam mir fast komisch vor, als ich sagte: Ich will hier nicht weg”, erzählt die Journalistin Susanne Lang im Interview. Als der Mann der Wahlberlinerin beruflich nach Hamburg ging, machte sie eine Liste mit Dingen, die für und gegen den Umzug der Familie sprachen. Nicht pendeln zu müssen, die Höhe der Mietkosten, ob das Biertrinken in der U-Bahn erlaubt ist – das sind einige der Punkte, die sie gegeneinander abwog. Wenn sie mit den Kindern in Berlin bliebe, würde sie den Mann, den sie liebt, seltener sehen, das wusste sie – doch den Ausschlag gab es nicht. „Es sah nicht gut aus für Hamburg. Zu keinem Zeitpunkt”, erklärt sie im Einstiegskapitel ihres Buches, das gerade erschienen ist. Es gab einen Grund, der dick und fett an oberster Stelle ihrer Liste stand: FREUNDE.

Das Gefühl, die absolut richtige Entscheidung zu treffen, bei der sie sich manchmal fragte, ob die Haltung nicht vielleicht „kindisch” sei, hat Susanne Lang zum Anlass genommen, die Kulturgeschichte der Freundschaft und ihre Bedeutung heute in zehn Kapiteln zu entschlüsseln. „Ziemlich feste Freunde“ heißt das Buch, das so entstanden ist. Bei den Recherchen hat die Autorin festgestellt, dass sie nicht damit alleine ist, auf ihre Freunde nicht verzichten zu wollen. 85 Prozent der Deutschen finden es ganz besonders wichtig, gute Freunde zu haben. Das fand die Jacobs-Studie „Freunde fürs Leben” in diesem Jahr heraus. Das Bemerkenswerte: Gute Freunde sind wichtiger als Zeit für die Familie und eine erfüllende Partnerschaft.




Anna Bojic ist eine ungewöhnliche Unternehmerin: Die studierte Bildhauerin und Filmwissenschaftlerin sitzt mit ihrem Onlineshop Merisier in einer Remise und blickt in den Garten der Factory, dem neuen Berliner Startup-Zentrum, in dem Technunternehmen wie Google, Twitter und Soundcloud ihr neues Zuhause gefunden haben. In dem kleinen Gartenhaus stapeln sich Boxen und Packmaterial bis unter die Decke. Die Geschenke werden hier von Hand zusammengestellt und verpackt. Mit ihrem Versandunternehmen nimmt Anna Bojic sie nun großen Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen. Sei es die enge Familie, Freunde oder Geschäftspartner: Anna und ihr Partner Marc Lampe haben im Internet einen Ort geschaffen, an dem Kunden Geschenke finden, die eine ganze Geschichte erzählen.

Für EDITION F habe ich mit Anna Bojic über die Kunst des Schenkens und Kreativität im Unternehmertum gesprochen.

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endlich: ich schreibe wieder mehr. nach vier jahren als beraterin in der politik bin ich zu meinen wurzeln zurückgekehrt: onlinemedien. ich arbeite seit juni bei edition f, einer onlineplattform für frauen, die von nora-vanessa wohlert und susann hoffmann vor einigen monaten gegründet haben und mich nun als redaktionsleiterin ins team geholt haben. ich freue mich wahnsinnig. zum einen habe ich nach abschied vom freitag die journalistische arbeit immer vermisst: lebhafte redaktionskonferenzen, den austausch mit einer engagierten community, das konzeptionelle weiterdenken von onlineformaten und das experimentieren.

genau aus diesem grund musste es edition f sein. nach dem ersten treffen mit nora und susann war mir klar, dass es diese aufgabe sein musste. ich wollte etwas mit aufbauen, in das ich mich stark einbringen kann, in dem es ganz entscheidend auch mit an meiner arbeit liegen wird, wie erfolgreich das projekt wird, das aber vor allem offen ist für die ideen und kreativität aller teammitglieder und das mit uns gemeinsam wachsen wird.

ich habe in den tagen nach meiner kündigung in der spd-bundestagsfraktion viel über meinen bisherigen arbeitsort gelernt: "ist dir das risiko nicht zu groß", war eine der häufigsten fragen, die ich gestellt bekam. "was, wenn ihr damit auf die nase fallt?". und natürlich ist da ein korn wahrheit dran: ich habe einen relativ sicheren job mit regelmäßigen gehaltssteigerungen aufgegeben. ein job, der "nah an der macht" ist. was auch immer das heißen soll.

ich bin im märz 30 geworden – kein sehr einschneidendes ereignis, wie ich ein paar wochen später resümieren kann. dennoch hat mich dieser geburtstag dazu gebracht, mir einige fragen zu stellen und noch einmal genauer darüber nachzudenken, was mir wichtig ist. (30 kleine texte zum thema 30 werden erscheinen von mir in einem der nächsten zeitmagazine.)

sicherheit? sicherheit kann es nicht sein, denn als netzaktivistin setze ich freiheit vor sicherheit. und wenn mir meine arbeit zwar finanzielle stabilität bietet, aber nicht die möglichkeit zu lernen, wissen weiterzugeben und neue, bedeutsame beziehungen aufzubauen, führt das für mich nicht zu mehr selbstSICHERHEIT. ich bin mir hingegen ziemlich sicher, dass ich in meinem berufsleben noch oft den arbeitgeber wechseln werde oder formen der selbstständigkeit variieren werden. das ist jedes mal eine chance dazu zu lernen und neue perspektiven zu gewinnen.

prestige? große namen bringen anerkennung mit sich. das war in meiner arbeit für die spd so, und das signalisierten fragen, warum ich nicht für medienmarke xy arbeiten will. große namen sind wiederum sichere dächer, unter denen man es sich gemütlich machen kann und sicherlich auch ein hübsches zimmer ausstatten kann, doch wie sehr könnte ich  mich dort zum jetzigen zeitpunkt wirklich einbringen? ich wollte schon lange in ein startup und habe auf das richtige gewartet. ich würde es vergleichen damit, eine familie zu gründen, und auch dieser wunsch kommt irgendwann um die 30 herum. wie bei meiner hochzeit war es mir wichtig, meinen namen zu behalten, und nicht in eine familie mit namen einzuheiraten. und startups sind irgendwie auch wie kinder, die man gemeinsam erzieht.

(frauen)netzwerke! onlinejournalismus, neue arbeitsformen und gleichberechtigung verlangt neue strukturen. diese voraussetzungen können nur in jungen unternehmen geschaffen werden. die veränderung von innen heraus, der marsch durch die institutionen ... ich persönlich glaube daran nicht mehr. diversität im nachhinein zu schaffen, ist schwierig – einer der gründe, warum ich das projekt "krautreporter" so langweilig finde und mir davon keinen innovativen journalismus verspreche. wer 2014 den journalismus "heile" machen möchte und mit 22 männern und 6 frauen antritt, hat für mich seltsamen begriff von sowohl gegenwart als auch zukunft.
frauennetzwerke sind kein allheilmittel und nicht die einzige antwort auf die old-boys-clubs, aber die zusammenarbeit hier und das miteinander lernen hier halte ich persönlich für sehr wertvoll. zumal das eine das andere nicht ausschließt: ich bin teil von mehreren frauennetzwerken, gemischten communitys und auch eine von wenigen frauen in eher männlich dominierten netzwerken, in denen ich gern mitarbeite und überall viel lerne. den ansatz frauennetzwerke komplett zu verteufeln, wie theresia bäuerlein und friederike knüpling es in tussikratie tun, finde ich ziemlich platt.
ich halte die gedanken von annarosa buttarelli, eine italienische philosophin und differenzfeministin, für einen klugen anstoß, um über die potentiale von frauengemeinschaften und von frauen gegründeten orten und unternehmen nachzudenken:

»in der tat ist weibliche souveränität, wenn sie ausgeübt wird, schon für sich genommen unabhängigkeit von der irrealität, die die im todeskampf liegenden institutionen geschaffen haben. aie gewährleistet die rückkehr zur realität und zur möglichkeit, die wahrheit zu sagen, ohne die macht mit selbstmörderischem heroismus herauszufordern. weibliche souveränität kann uns helfen, an einer beziehung der differenz mit den männern zu arbeiten. indem wir sie praktizieren, können wir zeugnis dafür ablegen, dass wir durchaus in der lage sind, das männliche bedürfnis danach zu respektieren, institutionen und konstruktionen aufzubauen, in deren rahmen es bis heute nötig gewesen ist, sich jede sache einzuverleiben, die frei zur welt kommt.«

edition f ist unabhängig. die plattform gehört zu keinem verlag, sondern liegt in noras und susanns händen und bei allen mitarbeiterinnen und mitarbeitern, autor_innen und community-mitgliedern. ich bin selbst sehr gespannt, wohin die plattform sich entwickelt, wenn dort vor allem frauen* über die dinge schreiben, die ihnen wichtig sind, und sich hier unterschiedliche weibliche perspektiven sammeln. ich glaube nicht, dass es den weiblichen und den männlichen blick auf die welt gibt. aus diesem grund bin ich besonders gespannt darauf, wie sich die summe aus vielen weiblichen stimmen gestalten wird. denn insbesondere zu den so genannten 'harten' themen wir politik und wirtschaft gibt es zu wenige orte, an denen das unter der schirmherrschaft von frauen debattiert wird. 

mein wunsch ist, dass ihr euch anschließt das projekt mit leben, feedback und kritik weiterzuentwickeln. wenn ihr als expert_in einen beitrag verfassen wollt oder auch regelmäßig als autor_in dabei sein wollt, könnt ihr mir gern an teresa punkt buecker ät editionf punkt com schreiben.

die plattform ist gerade noch in der geschlossenen betaphase. dass heißt, dass ihr das erste mal dazu aufgefordert werdet, euch zu registrieren. danach könnt ihr alles lesen, kommentieren, bugs aufindig machen und feedback geben. später im sommer folgt der offene launch. und das ist auch so ein grund, warum ich zu edition f gegangen bin: die vorbereitungen des launchs vom freitag 2008/2009 waren mit meine lehrreichsten, aufregendsten und tollsten beruflichen erfahren. websites zu launchen ist eine meiner kleinen lieben. zumal wenn sie so wunderschön sind wie edition f.


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In meinem diesjährigen re:publica Vortrag habe ich über "Activist Burnout" und Möglichkeiten der besseren Inklusion für soziale Bewegungen gesprochen. Viel davon ist inspiriert von Julia Seranos Buch "Excluded – Making feminist and queer movements more inclusive", das für mich das spannendste feministische Sachbuch des letzten Jahres war. Die Folien des Vortrags finden sich hier.

Außerdem möchte ich euch die aktuelle Ausgabe der "Feministischen Studien" empfehlen, die Anna-Katharina Meßmer, Marianne Schmidbaur, Paula-Irene Villa zum Thema "Intimitäten – Wie politisch ist das Vertraute?" herausgegeben haben, und ich zu denen ich einen Text beigetragen habe. Im Vorwort heißt es dazu: "Auf die Unmöglichkeit einer solchen Grenzziehung [zwischen realer und virtueller Welt] in Zeiten von Smartphones, Tablets und permanenter virtueller Verfügbarkeit geht auch die Autorin und Aktivistin Teresa Bücker ein. In ihrem Beitrag über Onlinefeminismus widmet sie sich den emanzipatorischen Dimensionen von politisch gedachter Intimität und Post-Privacy. Dass dies jedoch keineswegs unproblematisch ist, scheint insbesondere in ihren Anmerkungen zum feminist burnout auf. Die Politisierung von Intimität bzw. die allzu enge Kopplung von Ideologie und Intimität schafft (neue) Formen der Verletzbarkeit und Verletzung und führt so – in Verbindung mit dem Fehlen von Schutz- und Rückzugsräumen in aktivistischen Kontexten – mittel- und langfristig zu psychischer und physischer Erschöpfung."


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Foto: Stephan Röhl (CC BY-SA 2.0)


Auf der re:pulica werde ich eine Session zu Activist Burnout und Netzdiskursen halten. Hier gibt es nun die Skizze der Session. Ihr seid herzlich eingeladen, euch vorab mit Kommentaren und anderem Input zu beteiligen. Ich kann mir auch vorstellen, dann noch jemanden als Speaker_in zur Session hinzuzuholen.
Einen ersten längeren Text von mir zu Online-Aktivismus gibt es im FAZ-Blog.

Burnout & Broken Comment Culture 

Soziale Bewegungen sind über Internetprotestformen zuletzt wieder sichtbarer geworden, haben Einfluss genommen und sind augenscheinlich gestärkt. Doch das Dilemma das Online-Aktivismus ist, dass Beteiligte unter Druck, Tempo und Gewalterfahrungen im Netz immer schneller ausbrennen, sich zurückziehen und ihren Communities verloren gehen.

Diskurse im Netz sind selten offen: Sie werden von meinungsstarken und gut vernetzten Nutzer_innen bestimmt. Ihre Richtung wird zudem stark geprägt von Aufmerksamkeit und Tenor großer Medien, die sie aufgreifen. Der Ton in Online-Debatten ist harsch und oft verletzend, Kommentare zu Texten in Blogs und Medien sind das Unkraut des Internets. So drehen sich Diskussionen im Kreis, sind abgeschlossen gegenüber wertvollem Input und lassen Teilnehmende frustriert zurück.

Wie können Diskurse gestaltet werden, aus denen Online.Bewegungen Schlagkraft entwickeln können? Wie können sich Aktivist_innen gegenseitig stützen und schützen? Wie öffnet man Onlinebewegungen für eine vielfältige Teilnehmerschaft? Wie schafft man ein Gegengewicht zu etablierten Meinungsmacher_innen und Medien?

Der Vortrag geht diesen Fragen nach und präsentiert Ideen dazu, Debatten im Netz neu zu organisieren und inklusiver zu gestalten, um Onlineaktivismus langfristig zu stärken.




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3/05/2014
 


Die Piratenpartei ist vielleicht nur ein Zusammenschluss von Aktivisten, die sich organisieren wollten und dafür die falsche Form gefunden haben. Auch andere Onlineaktivisten geben erschöpft auf. Die Piratenpartei liegt in Scherben. Die immer noch junge politische Gemeinschaft ist politisch nicht mehr handlungsfähig, im Netzrauschen fällt sie nur noch über Hashtags auf, hinter denen sich meist ein Gate verbirgt: ein Minieklat oder eine große Dummheit. Die Partei wirkt erratisch, ihr fehlen gemeinsame Werte, eine Strategie, der Wille zu Überleben und Personen, die eine Gemeinschaft zusammenhalten können. An diesem Punkt scheint sich eine frühe These über die Partei zu bestätigen: Sie war und ist vielleicht mehr ein loser Zusammenschluss von Aktivistinnen und Aktivisten, die sich organisieren wollten und dafür die falsche Form gefunden haben. Doch selbst als Aktivisten sind die Piraten nicht erfolgreich, denn auch politischer Aktivismus braucht einen gewissen Grad der Organisation und zu allererst ein Verständnis über die Anliegen der Gruppe und deren Priorisierung. Eine Partei, die für digitalen Aufbruch stehen wollte, aber ihren Mitgliedern über gezieltes Online-Mobbing das Selbstbewusstsein und die Lust auf Politik nimmt, beraubt sich selbst ihrer Grundlage für Glaubwürdigkeit. Sie beherrscht das Spielfeld nicht, was sie politisch gestalten wollte. Die Absurdität der parteiinternen Querelen gipfelten in einem „Warnstreik“ der IT-Abteilung, die aus Unzufriedenheit mit der Arbeit der Partei und dem jüngsten #Bombergate die digitale Infrastruktur der Partei vorübergehend außer Betrieb setzte.

Eine Bestandsaufnahme des Online-Aktivismus in Deutschland fällt zurzeit nicht besser aus. Es ist kaum messbar, was hängen bleibt von Kampagnen auf Twitter und Online-Petitionen. Dem Stillstand in beispielsweise der NSA-Affäre verleiht der Spiegel-Online-Redakteur Christian Stöcker, der seit Monaten den gleichen Tweet wiederholt in die Timelime gibt. „Immer noch wahr“, schreibt er vor den Link, der auf seinen Artikel „Global Surveillance: The Public Must Fight for its Right to Privacy“ führt, der Ende Juni auf Spiegel Online erschien. Die Autorin Anne Roth kritisierte in der vergangenen Woche Petitionsaktivismus am Beispiel der Hebammen, bei dem seit Jahren massenhaft Menschen ihre Unterschrift leisten, weil sie den Berufsstand der Hebammen erhalten wollen, sich jedoch politisch kaum etwas bewegt. Petitionen könnten nur ein erster Schritt sein, so Roth, doch weitergehende Strategien zeichnen sich derzeit nicht ab.

Spürbar sind auch für Aktivistinnen und Aktivisten zunächst nicht die Veränderungen, die sie mit anstoßen, sondern vor allem Frust und Anfeindungen. Ein Frust, der sich unter der Großen Koalition ausweiten wird, denn auf die Forderungen von Netzaktivist_innen, die eher im linken Spektrum zu verorten sind, werden in dieser Legislatur keine fortschrittlichen Antworten zu erwarten sein. CDU-Gesundheitsminister Gröhe ist der ‚last man standing’, der sich gegen die Rezeptfreiheit der „Pille danach“ stemmt, obwohl sie in 28 anderen EU-Staaten freigegeben ist und sich WHO und Pro Familia dafür aussprechen. Das gespielte Entsetzen von Regierung über die NSA-Massenüberwachung und das Festhalten an der Vorratsdatenspeicherung wirken schizophren. Online-Aktivist_innen, die sich in Deutschland vor allem zu netzpolitischen und geschlechterdemokratischen Fragen organisiert haben, können von dieser Koalition nicht viel erwarten. Sie müssen aktiv bleiben ­– aber vor allem ihre Strategien überdenken.

Weiter bei >> faz.net

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Für das ZEITmagazin 2/2014: 1994 – Ein Blick zurück nach vorn


Saskia de Brauw fällt das schwarz-rote Flanellhemd von der Schulter, nasse, wasserstoffblonde Strähnen auf ihrer Stirn zeichnen die Erinnerung an Kurt Cobain auf das Titelfoto des Vogue-Editorials „La fièvre Grunge“, das im September 2013 in der Pariser Ausgabe erschien. Jede Frau, die ihre Teenagergarderobe aufbewahrt hat, besitzt heute solch ein weiches Hemd, das hinweg tröstet über Cobains Tod im April 1994, über diffusen Weltschmerz oder über das Ausklingen der Musikrevolution der Mädchen. Denn auch die Hochzeit der weiblichen Punkbands ist 1994 vorbei, die First-Generation-Riot-Grrrls Bratmobile und Huggy Bear verabschieden sich von den Bühnen. Für die französische Vogue hat Chefredakteurin Emmanuelle Alt das Model Gisele Bündchen in eine Gaultier-Adaption von Cobains gestreiftem Kultpullover gehüllt, die Modestrecke ist neunzehn Jahre später eine klare Nirvana-Hommage. Obwohl auch die Musikerinnen Karen Elson und Sky Ferreira für das Magazin vor die Kamera getreten sind, stellen die Bilder keinen Bezug zu dem Stil der Frauen her, die den Punk der Neunziger geprägt haben und in Musik und Performance Geschlechterrollen laut in Frage stellten. Grunge lässt sich 20 Jahre später glamourös reproduzieren, die Riot Grrrls nicht. Das Vermächtnis der Musikerinnen, die zu Beginn der Neunziger Mädchen zur Revolution aufriefen (Bikini Kill taten dies 1991 mit ihrer ersten Kassette: „Revolution Girl Style Now!“) ist kein modisches. Riot Grrl ist eine Haltung. Über ein charakteristisches Kleidungsstück kommen sich die erwachsenen Riotfrauen und die neuen Riotmädchen der Nuller Jahre nur einmal nahe: Kathleen Hanna, Sängerin von Bikini Kill, vererbt der Bloggerin Tavi Gevinson 2010 ihren Pullover, in den das Wort „Feminist“ mehrfach eingestrickt ist. Gevinson gründet 2011 das Onlinemagazin Rookie, ein Gemeinschaftsmedium über Popkultur, Mädchenperspektiven und Role Models. Das Riot-Grrrl-Manifest erschien 1991 in einem kopierten Zine, Social-Networking in der Musikszene rund um Olympia geschah über Flyer. Heute bilden sich feministische Communitys über Blogs, Facebook und Twitter. Beide haben sich der Aufgabe angenommen, Feminismus in die Lebenswelt von Teenagern zu übersetzen. Der generationenübergreifende Dialog gelingt Feministinnen bis heute nicht. Bloggen erlaubt Mädchen nun gegen und in einer Kultur zu sprechen, die für sie oft keinen Platz bereit hält. Auch Zines sollten diese sicheren Orte mit eigenen Regeln sein.
„BECAUSE in every form of media I see us/myself objectified, (...) trivialized, (...) ignored, stereotyped“, schrieben die Bratmobile-Musikerinnen Allison Wolfe und Molly Neumann in einem anderen Manifest, „I am still dealing with internalized racism, sexism, classism, homophobia, etc., and I don’t want to do it. BECAUSE we need to talk to each other. Communication/inclusion is the key. We will never know if we don’t break the silence.“
Die DIY-Kulturtechniken von Mädchen, die männerdominierte Szenen satt haben, sind entlang neuer Technologien gewachsen, ihre Themen sind die gleichen geblieben. Die Anzahl junger Frauen, die heute weltweit über digitale Medien miteinander im Zeichen der Girl-Revolution in Kontakt stehen, ist sogar um ein vielfaches größer als die überschaubare Musikszene in den USA und Großbritannien in den frühen Neunziger Jahren. In Deutschland konnte die Riot-Grrrl-Bewegung nie Wurzeln schlagen, die popkulturelle Rezeption verschluckte sich an den ungehemmten Bands und präsentierte die verzuckerte Spielart des Grrrls für das einheimische Musikfernsehen: Für das einheimische Girlie bestand die Provokation schon darin, den Mädchenbegriff wieder besetzen zu wollen und den männlichen Hintern zu besingen. Die Gefälligkeitsschiene, die Lucilectric damit 1994 eröffnete, ebnete den Weg für internationale, gecastete Bands wie die Spice Girls, die den Typ „freches Mädchen“ verkörperten. Girl-Groups wollten Spaß, aber nicht die Machtfrage stellen. Girl Power sollte Feminismus sein, der endlich gut aussieht und niemandem zu nahe tritt. Konsumierbar. Diese Episode hinterließ nichts außer dem leeren Versprechen: Die Zukunft ist weiblich! Girl Power bremste die Gleichberechtigung. Denn Popgruppen regten ihre Fans nicht dazu an, sich auf Bühnen selbst auszuprobieren, Geschlechterrollen zu hinterfragen und einander zu unterstützen. Der Wesenszug hingegen, mit dem die Riot-Grrrl-Bewegung heute noch inspiriert, ist die „Girl Love“ gewesen, die den Zusammenhalt von Mädchen in den Vordergrund stellte. Kathleen Hanna schrieb damals: „Ich bin so sicher, dass sich viele andere Mädchen in einer Revolution befinden und wir wollen sie finden.“ Um postfeministisches Empowerment für den individuellen Erfolg – das Narrativ jüngerer Diskurse wie zum Beispiel der „Lean in“-Aufruf der Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg – geht es Riot-Mädchen nicht. Als gewaltigen Hunger auf eine „don’t give-a-damn-femaleness“ beschreibt die New York Times die fortbestehende Faszination der Riot Grrls. Die lokalen Communitys, die kleinen Konzerte versprühen selbst aus den Archiven mehr Revolutionsgeist als die global vernetzten Mädchenmannschaften der digitalen Ära. Denn obgleich man sich durch die Fülle von #aufschrei-Tweets im Januar 2013 beinahe physisch überrollt fühlte, hat die Verbindung von Feminismus mit Punkperformance eine körperliche Erfahrungswelt geschaffen, die mehr berührte – und online fehlt. Schreien, Springen, Schweiß hat die Beteiligten anders mitgerissen als Klicks und Tweets und Gifs. Die russischen Aktivistinnen von Pussy Riot nehmen mit ihren Körpern diesen entscheidenden physischen Raum heute wieder ein: In ihren Performances treten sie und schlagen, stehen auf Plattformen und Mauern erhaben über den Dingen. Die Punk-Gebete machen Putin Angst. Im Zuge ihrer Verhaftung und Verurteilung haben sich zahlreiche Feministinnen, Künstlerinnen und politisch Aktive solidarisiert. Auch Femen protestieren mit ihren Körpern. Die meist langhaarigen und schönen Frauen, die in Deutschland als neue Form des Feminismus gehandelt werden, erinnern jedoch mehr an die Girlies, die ebenfalls Blumen im Haar trugen und Männern gefielen. Die unbekleideten Brüste von Femen versagen im Transport politischer Botschaften. Um sie herum bilden sich keine Gemeinschaften.



Die Sehnsucht nach den Riot Grrrls ist berechtigt, denn Pop bleibt der Ort, von dem aus eine Frauenrevolution weitergehen kann: Mädchen erreichen einander hier. Sie können Rockstars sein und gleichzeitig Freundinnen. Die Bühnen sind immer offen. Kanzlerin und gleichzeitig ein Mädchen zu sein bleibt eine Utopie. Doch am wichtigsten ist, dass Frauen beginnen Bauch und Herz und anderen Frauen zu folgen, ohne darauf Rücksicht zu nehmen wie sie wirken und wie sie aussehen. Das Vermächtnis der Riot Grrls ist, dass zu radikal, zu wenig weiblich, zu laut oder zu leise keine Kategorien mehr sind.
“We didn’t give a shit,” sagt Kathleen Hanna über die Anfänge von Bikini Kill, “We weren’t making money; we knew we were never going to make money. And it was really important that we made our music. We were on a mission. We were going to do what we did whether we got attention or not.”
Die Mädchenrevolution muss 20 Jahre später nicht wieder neu ausgerufen werden. Sie hat niemals aufgehört. Und es ist ihr scheißegal, ob sie das Titelblatt einer Zeitung ziert. Es genügt ihr, die Mädchen zusammenzubringen, die in Aufruhr sind.

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Dieser Text ist zunächst erschienen in der Ausgabe des ZEITmagazins über das Jahr 1994. Die gekürzte Printfassung und weitere Texte über das Jahr finden sich hier.

Für mehr Informationen und Erinnerungen auch um Riot Grrrls in Deutschland (nach 1994) empfehle ich "Riot Grrrl Revisited" von Katja Peglow und Jonas Engelmann.

>> Kathleen Hannas neue Band "The Julie Ruin" spielt am 18. Mai in Berlin ein Konzert.

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12/22/2013


eines der dinge, die ich in diesem jahr wieder aufgenommen habe, ist das stöbern in musikblogs, das verlassen darauf, dass altbekannte bloggende mit deinen ohren mitgewachsen sind und du dem ersten track eines albums vertrauen kannst. dieses blog gäbe es nicht ohne knicken, bei dem wir fast ausschließlich über musik geschrieben haben, die wir in nischen und über internationale mailinglisten (grindin) aufgetan hatten und die künstler_innen ihre tracks legal zur verfügung stellten. ich fühle mich einen moment lang nostalgisch und an die zeiten in übergroßen flanellhemnden im picknick erinnert, wenn jemand einen alten track von the virgins kennt, und ich erschrecke, wenn ich feststelle, dass es tatsächlich 2007 war, als sie mir das erste mal begegneten. es fühlt sich näher an. im februar hätte ich sie endlich das erste mal live gesehen, sie veröffentlichten in diesem jahr ihr zweites album »strike gently«, doch bevor das geschehen könnte, lösten sie sich vor wenigen wochen auf. »flashbacks, memories and dreams« heißt ein song ihres letzten albums – all das, was ich lose fühle, wenn ich musik höre, die mich in zeiten begleitet hat, in denen gefühle diffus, gefesselt oder erstickt waren, und sie von einer stimme und einem beat jetzt wieder an die oberfläche gekitzelt werden. das hadern beendest du in dem moment, in dem du dich auf und durch die gefühlsfläche fallen lassen kannst, die ein lied eröffnet, ohne angst zu haben in diesem moment wieder aufwachen zu müssen. ich kann mir keine autobiographie vorstellen, die ohne musik auskommt.



das erste konzert, das ich im nächsten jahr besuchen werde, wird babyshambles sein, die ebenfalls ein neues album haben, das in dem indiesound verweilt, in dem ich mich wieder in den alten magnetclub in der greifswalderstraße zurückversetzt fühle, mit dem unterschied, dass ich heute keine fremde mehr unter meiner eigenen haut bin. das sind auch die momente, in denen ich gerne große schwester oder ältere freundin bin. zeit heilt, narben bleiben, und ohne sie ließe sich kaum verfolgen, woher wir gekommen sind.



johannes fragte mich eben, ob ich für das blank magazin zwei alben beitragen wollte, die mir in diesem jahr etwas bedeutet haben, was auslöser für diesen eintrag ist, da die beiden platten, die ich nun herausgesucht habe noch einige brüder und schwestern auf ihrer liste verdienen. sie brauchen dabei keine dramaturgie, denn zwischen chilly gonzales, der das mir liebste konzert gestaltete (und das ende 2012, nicht einmal 2013), und pusha t, der mich morgens in schwung bringt, besteht wenn überhaupt nur eine komplex verwinkelte beziehung in meinem kopf. here's an eclectic mix of music i like.



mein track des jahres ist in jedem falle »ebony sky« von den young fathers, die auch bereits an einem folgealbum zu »tape two« arbeiten. schottischer lo-fi-rap mit wurzeln in nigeria und liberia oder »everything suggests that, on the strength of this set, the land of the brave won’t need a referendum to prove its independence.«


den kontrast zu dem experimentellen hophop von den young fathers stellt pusha t's »my name is my name«, so pur, und oldschool, und geschliffener lyrics. so genial, dass ich es sogar meinem großen bruder schickte – früher war es andersherum. drittes lieblingsalbum: london grammar – if you wait.
  

noch zwei tracks, die ich gefühlt schon mehrere hundert mal gehört habe: cass mc combs - brighter! für und mit der in diesem jahr verstorbenen schauspielerin karen black vom album »big wheel and others«.



und »porno« vom arcade-fire-album »reflektor«.



weitere alben, die ich nur ans herz legen kann, und ein paar tracks habe ich auf soundcloud zusammengestellt. 

scott matthew – unlearned
iron and wine – ghost on ghost
white denim – corsica lemonade
magic arm – images rolling




// And thank you Daniel, music sounds so much better with the headphones you gave me.  // 

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