Ein typisches Beispiel von Rudeljournalismus: Die Meldung, dass Apple und Facebook ihren Mitarbeiter_innen anbieten, die Kosten für das Einfrieren von Eizellen zu übernehmen, wird als kapitalistisches Eigeninteresse interpretiert und skandalisiert. Kaum ein Medium berichtet, was die Silicon-Valley-Unternehmen für familienfreundliche Dinge tun, zum Beispiel Kinderbetreuung bezahlen, Elternzeit auf Firmenkosten, Unterstützung bei Adoptionsgebühren. Um als Arbeitgeber attraktiv zu sein, übernehmen amerikanische Konzerne zahlreiche Leistungen, die das amerikanische Gesundheitssystem nicht deckt. Elternzeit auf Staatskosten gibt es in den USA nicht, der Mutterschutz ist ein Witz. Da ist einer der Gründe dafür, warum sich die Debatte nicht auf Deutschland übertragen lässt. Was daran gut sein kann, über Social Freezing zu diskutieren, hab ich differenziert für EDITION F aufgeschrieben.

Über das Thema hab ich dann noch mit Kulturzeit gesprochen und gestern in der Phoenix-Runde. Als Talkshow-Format kann ich die Sendung nur empfehlen: Unaufgeregt, konstruktiv und der Moderator Alexander Kähler sorgte für eine gute Diskussionskultur ohne Unterbrechungen. Was er außerdem erzählte: Die Redaktion fragt oft junge Frauen an als Gäste, die in der Mehrzahl absagen, weil sie sich solch eine Sendung nicht zutrauen. Das finde ich schade, denn die Angst ist unbegründet – und man lernt nur dazu, wenn man sich solchen Herausforderungen stellt. Ich hoffe also, ich sehe in Zukunft dort mehr von euch.

Ich hätte übrigens auch nicht gedacht, dass ich meine erste Fernsehtalkshow ausgerechnet zu eingefrorenen Eizellen machen würde. Und das, während ich selbst in der 33. Schwangerschaftswoche bin, keine Hose mehr passt, kein Blazer mehr zugeht und das Baby in meinem Bauch für kleine Erdbeben sorgt ;)

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10/13/2014

Selfie mit Akt von Olivier Christinat.

Der Text ist in einer gekürzten Fassung unter dem Titel „Das nackte Selbst“ in DIE ZEIT 2014/42 erschienen.

Die Art und Weise, wie Menschen ihr leben miteinander teilen – freiwillig, zufällig und erzwungen – hat sich mit der Kommunikation in der digitalen Welt grundlegend gewandelt: Der Begriff Information-Overload zeichnet eine Welt, in der Menschen durch zu viele, zu schnelle Informationen letztendlich handlungsunfähig werden, Bundesminister Alexander Dobrindt sprach bei der Vorstellung der Digitalen Agenda von einem Daten-Tsunami, der gebändigt werden müsse, und auf der anderen Seite der zu schützenden Privatsphäre steht schließlich das Oversharing: das Phänomen, dass Menschen immer mehr über sich selbst öffentlich oder zumindest für Teilöffentlichkeiten über sich preisgeben – nicht nur mit Daten, in Worten, sondern vor allem auch in Bildern.

Die private Kommunikation unterscheidet sich hierbei wenig von Medien: Bilder sind wirkmächtiger als Text, sie wecken stärkere Gefühle bei den Konsumenten – seien es die ersten Fotos eines Royal-Babys oder die Ermordung einer ISIS-Geisel. Dass insbesondere Jugendliche in bildbasierten sozialen Netzwerken zuhause sind – in ihren eigenen YouTube-Sendungen, bei Instagram, Snapchat oder Slingshot – kann somit kaum als Kulturverlust unter Teenagern gelten, vielmehr bildet diese Tatsache die bestehende Medienkultur ab. Die Antwort darauf, warum schon 12-Jährige mit dem Sexting beginnen und sich gegenseitig Nacktbilder mit dem Handy schicken, müssen Erwachsene auch in der Welt suchen, die sie medial gestalten.

Während Eltern und Lehrer versuchen Schüler darüber aufzuklären, wie sehr ein verliebt versandtes Nacktbild sie verletzen kann, tun sie das gleiche und stolpern ebenfalls darüber, wie zum Beispiel der US-Politiker Anthony Weiner. Zudem haben Erwachsene auch das angezogene Selfie so fest in die Arme geschlossen, das es sogar aus der Politik kaum noch wegzudenken ist. Das WM-Selfie von Lukas Podolski und Angela Merkel war ein Lottogewinn für die Regierungskommunikation. Und kurz nach dem weltweit verbreiteten Oscar-Selfie mit Ellen DeGeneres und anderen Hollywood-Prominenten sah man plötzlich auch fröhliche Sozialdemokraten und Gewerkschaftler gemeinsam in eine Handykamera strahlen. Die Botschaft dieser Selbstporträts scheint immer die eine zu sein: Das sind meine Freunde und uns geht es prächtig.

Auf dem Oscar-Selfie ist zufälligerweise auch eine Frau, die Ende August erneut wegen selbstfotografierter Bilder in den Schlagzeilen war: Jennifer Lawrence. Ein Hacker hatte private Bilder von mehreren Hollywood-Schauspielerinnen digital erbeutet und veröffentlicht. Der Vorgang lief in Medien als „Nacktfoto-Skandal“, juristisch betrachtet handelte es sich um eine Persönlichkeitsrechtsverletzung. Nach deutschem Recht ist die Verletzung der Intimsphäre, zu der Nacktbilder zählen, immer unzulässig. Dennoch schloss sich an die Veröffentlichung dieser Fotos eine Debatte an, die vor allem bei den Opfern des Hackerangriffs nach einer Mitschuld suchte: Hatten sie ihre Fotos nicht ausreichend geschützt? Was ist eigentlich mit diesen Frauen los, dass sie immerzu Bilder von sich selbst machen müssen, dazu auch noch nackt?

Ich finde jedoch Fragen an die Täter wichtiger. Es geht bei der Verbreitung von Nacktbildern niemals um Sex und den Lustgewinn am schönen Körper. Kostenlos verfügbare Pornografie ist für jeden mit den schlichtesten Suchmaschinenkenntnissen binnen von Sekunden erhältlich. Die Frage muss eher sein, welche kulturelle Verrohung stattgefunden haben muss, damit Hacker, Ex-Partner und schon Jugendliche die starke Verletzung der Intimsphäre als etwas begreifen, das ihnen zusteht und das nur ein Spaß ist. Geleakte Selbstakte sind dabei vergleichsweise harmlos. Erst im Juli gingen Nacktbilder der bewusstlosen 16-jährigen Jada nach einer vermeintlichen Vergewaltigung im Freundeskreis viral über soziale Netzwerke. Jada hatte keinerlei Kontrolle darüber, ob diese Fotos von ihr überhaupt entstehen würden oder nicht. Zur Traumatisierung durch sexualisierte Gewalt kam der kollektive Hohn. Dass Frauen und Mädchen nun keine Nacktbilder mehr von sich machen, ist also keine Lösung, denn Aufnahmen können auch gegen ihren Willen oder heimlich entstehen.

Die Idee, erst gar nicht verletzbar zu werden, indem man sich nicht mehr fotografiert, vernachlässigt zudem einen wichtigen Aspekt von Selbstporträts: Die Macht über das eigene Bild. Die Geschichte des Nackt-Selfies beginnt schon weit vor dem Internet. Nachdem jahrhundertelang die künstlerische Dokumentation von Frauenkörpern in Männerhand lag, wagte Paula Modersohn-Becker 1906 einen radikalen Schritt, in dem sie ein Selbstgemälde von sich anfertigte. Nackt. Im vergangenen Jahr hat das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen dem weiblichen Selbstakt eine Ausstellung gewidmet. „Sie. Selbst. Nackt.“, hieß die Werkschau, bei der die Selbstbildnisse von Malerinnen, Fotografinnen und Videokünstlerinnen ausgestellt wurden. Darunter ist unter anderem ein 1933 entstandenes Foto der berühmten deutschen Fotografin Marianne Breslauer und die Videoarbeit „Cut Piece“ von Yoko Ono, in der sie sich die Kleidung vom Körper schneiden lässt.



In der Kunst ist das Selfie also zum einen ein feministischer Beitrag gewesen, damit Frauen selbst darüber Kontrolle erhielten, wie ihre Körper dargestellt wurden, zum anderen hat es die Blickwinkel auf diese Körper diversifiziert. Zu den gleichen Zwecken kann auch das Selfie in der Mainstreamkultur eingesetzt werden: Als Beitrag von Menschen, die sich in den Bildern der Medien nicht wiederfinden und damit Einfluss zurückgewinnen auf Fragen wie: Wie, und vor allem wie vielfältig werden Menschen in Medien dargestellt? Das Selfie als Narzissmus zu interpretieren ist daher eine einseitige Sicht. Zwar fasste die Bloggerin Olivia Muenter ihr Instagram-Verhalten unter der Überschrift zusammen: „Mein ganzes Leben ist eine Lüge“, dass Jugendliche Bildnetzwerke ausschließlich dafür nutzen, um eine perfekte Fassade abzubilden, stimmt so nicht. Als die Sängerin Beyoncé ihr neues Album veröffentlichte löste die Zeile „I woke up like this ... flawless“ bei Fans aus, sich direkt nach dem Aufstehen selbst zu fotografieren und diese Bilder zu teilen: Zerknautscht, zerzaust, ungeschminkt und: makellos.

Die traurige Seite dieser Selfies ist, dass schon Kinder und Jugendliche sich über den gesellschaftlichen Schönheitsdruck so bewusst sind, dass sie beginnen, sich zu wehren. Das Internet ist das erste Massenmedium, das junge Menschen dazu nutzen können, ihre eigenen Bilderwelten und damit eine alternative Orientierung zu schaffen – vor allem für Gleichaltrige. In ihren eigenen Communitys bekommen sie Bestätigung für ihr Aussehen, während Heidi Klum in der Primetime einem Mädchen sagen darf, dass sie fett sei.

Wenn Teenager soziale Netzwerke nutzen, zeigen sie dort ihre Hoffnungen, ihre Probleme, ihre Ideen – sie nutzen es als Weg, Teil des öffentlichen Lebens zu sein und ihren Platz in der Gesellschaft zu suchen. Selfies schaffen Selbstbewusstsein und Zugehörigkeit. Wer das kritisiert oder fordert „Hört auf, euch ständig zu fotografieren“, muss auch wissen, dass die extreme Selbstfotografie Einladung zu einem Tauschgeschäft ist: Welche Möglichkeiten, jenseits von Bildern gehört zu werden und mitzureden, bietet ihr an?

Wenn meine Tochter langsam erwachsen wird, würde ich ihr gern sagen können, dass das, was sie zu sagen hat, wichtiger ist und mehr Aufmerksamkeit bekommen wird, als ihr Aussehen. Würde ich diesen Satz heute an ein Mädchen formulieren, wäre es eine Lüge.

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Foto: Christian Werner

Mary Scherpe hat den Alptraum aufgeschrieben, den allein in Deutschland in jedem Jahr schätzungsweise 600.000 Frauen und Männer durchleben: Sie werden gestalkt. Manchmal über Jahre. In einigen Fällen nervt nur eine Flut von SMS, in anderen erzeugt die Nachstellung Angst und seelische Belastungen, die die Opfer nachhaltig beeinträchtigen.

In etwa 80 Prozent der Fälle sind die Betroffenen Frauen, die Täter sind in der großen Mehrheit Expartner. Auch Mary Scherpe verdächtigt einen Expartner, beweisen kann sie es bis heute nicht. Über 20.000 Fälle von Stalking wurden 2013 in Deutschland zur Anzeige gebracht, doch die Erfolgsaussichten, dass der Täter oder die Täterin verurteilt wird, sind sehr gering. Das haben sogar Union und SPD in ihrem Koaltionsvertrag anerkannt. Dort heißt es: „Beim Stalking stehen vielen Strafanzeigen auffällig wenige Verurteilungen gegenüber. Im Interesse der Opfer werden wir daher die tatbestandlichen Hürden für eine Verurteilung senken.“

Der Stalker von Mary Scherpe wählte zahlreiche Wege, Teil ihres Lebens zu sein: Er kommentierte ihr Blog, parodierte und beleidigte sie über Social-Media-Accounts, schrieb E-Mails in ihrem Namen, um ihr beruflich zu schaden und bestellte Dinge für sie im Netz. Bei ihr Zuhause kamen alle möglichen Dinge an: Broschüren über Brustvergrößerungen, Babynahrung, Dachziegel.

Das Stalking hat sie zunächst online dokumentiert, nun ist ein Buch daraus entstanden.
Ich habe mir ihr für EDITION F ein Interview darüber geführt und gefragt, warum sie zögerte, sich zu wehren, an welchen Stellen sie scheiterte und was getan werden kann, um die Betroffenen besser zu schützen. Hier entlang ...

Heute startete zudem eine Petition zur Änderung des Stalking-Paragraphen bei change.org.

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9/01/2014

Was niedlich ist, klickt gut. Doch Journalismus braucht mehr als das. Quelle: Jonas Nilsson Lee


Die „Zukunft des Journalismus“ klingt aktuell nur noch nach einer ausgewaschenen Phrase – alle arbeiten irgendwie daran, jeder hat Ideen, die dann mal „Spiegel 3.0“, Paid Content oder Listicles heißen. Worum es jedoch zu wenig geht, sind Werte. Die Haltung einer Redaktion und eine Haltung, die eine Branche vereinen könnte. Dass es darum geht, nicht nur möglichst viele Leser wild klicken zu lassen, sondern zum Nachdenken anzuregen, zu bilden und das Publikum entlang journalistischer Inhalte eigene Meinungen formen zu lassen.

Medienethische Debatten vermisse ich schon lange. Die Kritik an Unterhaltungsformaten wie Heidi Klums „Germany’s Next Top Model“ sind dabei nur müde Abwehrreflexe, die immer dann wach werden, wenn die Erwachsenwelt nicht versteht, was eigentlich mit „dieser Jugend“ los ist. Warum kotzt und hungert sie, warum werden trotz Ego-Shootern nicht alle zu Mördern?
Um zu verstehen, was die einstige Zielgruppe der Bravo bewegt, die sich längst von traditionellen Medien verabschiedet hat und sich lieber in hunderten von WhatsApp-Nachrichten täglich und beeindruckend erfolgreichen YouTube-Kanälen selbst unterhält, wären auch Positionen zu Jugendmedien unabdingbar. Die Chefredaktionen, die sich als intellektuelle Elite des Landes verstehen, müssten sich auch in diese Diskussion einklinken und ihre Zielgruppen von morgen kennen lernen wollen. Wenn man sich die jüngsten Wechsel in den Chefsesseln der großen Magazine anschaut und die Innovationen großer Verlage für jüngere Zielgruppen, festigt sich jedoch der Eindruck, dass die großen Medien ihre Zukunft vor allem in gleichaltrigen Männern sehen.

Ein Anlass mehr, nach dem ich mir stärkere Positionen zu der Verantwortung von Medien gewünscht habe, gab mir diese Woche bunte.de. Das Portal zeigte ein Foto von der dreijährigen Tochter von Victoria und David Beckham, die der Fußballspieler auf seinem Arm trug. Die Überschrift des Artikels lautet „Ist ihre kleine Harper zu dick?”. Doch allein dieses Fatshaming eines Kleinkindes reichte der Redaktion nicht, sie ließ die Leser der Klatschseite außerdem darüber abstimmen, was sie über das Gewicht des Mädchens denken. Mit einem Namen bürgt kein Redaktionsmitglied für diese Entgleisung – der Beitrag stammt von der „Bunte.de-Redaktion“. Vielleicht hat sich die Person, die diesen Text schrieb und ins Netz stellte, doch ein wenig geschämt.


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Foto: Lizzy Gadd via unsplash

Ein Jahr nach #Aufschrei ist es still geworden, viele Feministinnen haben Burn-out-Gefühle. Darüber hab ich für den Freitag geschrieben. Jetzt gibt es den Text auch hier.


Es fühlt sich an wie ein Kater. Zu viel Wodka und zu wenig Wasser in der Nacht zuvor, die Muskeln sind verspannt. Ein steifer Nacken, ein schmerzender Rücken, die Sonne lässt sich hinter der vorgezogenen Gardine vermuten, aber ich drehe mich um und schaue an die weiße Wand. Als ich später mein Laptop öffne, klicke ich den Text, den ich schon angefangen habe und eigentlich fertigschreiben wollte, gleich wieder weg. Jedes geöffnete Tab scheint zu viel, die Hashtags auf Twitter flirren vor meinen Augen. Ich fliege über einen Dialog zweier anderer User, die einen Artikel über Sexismus diskutieren, atme aus – und klappe den Computer wieder zu.

Feministischer Burn-out: Seit dem Frühjahr geistert dieser Begriff verstärkt durch Blogs und Foren. Und man sollte ihn ernst nehmen. Ein feministischer Burn-out ist mehr als eine temporäre Lustlosigkeit, mehr als angestauter Frust oder das Gefühl, in diesem einen Moment keine Idee zu haben, wie es weitergehen soll. Es ist die Depression der Aktivistin – eine Enttäuschung und Erschöpfung, die so manchem Betroffenen den Aktivismus schon verleidet hat.

Das Ausgebranntsein kann viele Ursachen haben. Und es trifft häufig Menschen in politischen Bewegungen. Das Erschöpfungssyndrom reißt die Betroffenen oft physisch, also ganz praktisch aus ihrem Alltag – und damit auch aus ihrem virtuellen Leben. Activist Burn-out wird das Phänomen international genannt. Es ereilt besonders diejenigen schnell und heftig, die sich gerade erst einer Bewegung angeschlossen haben. Dabei beruht der Burn-out, den Online-Aktivisten erfahren, zum Großteil auf virtueller Gewalt. Deren Existenz anzuerkennen und nach Wegen zu suchen, mit dieser Gewalt umzugehen und sie zu mindern, ist ein Auftrag an alle, die ein friedliches Zusammenleben und den Schutz vor Übergriffen als Werte begreifen. Internetfreiheit bedeutet mehr als die Freiheit von Überwachung und Zensur.

Wenn eine Aktivistin will, kann sie sich im Internet rund um die Uhr an Aktionen beteiligen. Das Netz, welches sie als Teenager noch als Freizeitraum kennengelernt hat, ist ein politischer Raum geworden, der intellektuell und seelisch fordernd sein kann. Oberflächlich betrachtet wirkt es gefahrlos: Man schreibt einen Blogpost, klickt auf die Teilnahmebestätigung einer Veranstaltung, schickt einen Tweet ab, postet ein lustiges Bewegtbild, ein Gif. Als „Klickaktivismus“ wird solches Engagement im Netz oft beschrieben oder auch: gescholten. Das mag für die Unterzeichnenden von Online-Petitionen gelten. Auch ein „Gefällt mir“-Häkchen ist schnell gesetzt.

Echte Online-Aktivisten und -Aktivistinnen ticken beziehungsweise klicken jedoch anders. Ihr Engagement ist langfristig angelegt, sie tun es mit Leidenschaft, oft unter persönlichen Opfern wie der vielen Zeit, die sie investieren. Langfristig kann ein solches Engagement nur funktionieren, wenn die Community, in der sich eine Aktivistin bewegt, ihr den nötigen Schutz bietet, wenn diese Community wächst und auch Strategien hat, um ihre Ziele zu erreichen.

Wie schwierig es ist, solche Gemeinschaften aufzubauen, ist an der #Aufschrei-Bewegung deutlich geworden. 2013 war das Jahr, in dem feministisches Engagement es nach langer Zeit endlich wieder einmal geschafft hatte, ein Thema medienwirksam in der Öffentlichkeit zu positionieren und eine breitflächige Sexismus-Debatte loszutreten. Aber jetzt, 2014, ist es erst einmal still geworden um den sogenannten jüngeren Feminismus. Anne Wizorek, die von Medien als Initiatorin und Sprecherin der Bewegung auserwählt worden war, bringt zwar in diesem Jahr ihr erstes Buch heraus, doch dass unter dem Titel Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute eine weitere breite gesellschaftliche Auseinandersetzung anbricht, scheint derzeit eher unwahrscheinlich. Nicht nur fehlt das konkrete Thema, der aktuelle Aufhänger, der auch Medien erneut mitreißen könnte; auch die Community, die dem heutigen Feminismus noch einmal einen solch durchschlagenden Schub geben könnte, ist im Moment nur schwer auszumachen.

#Aufschrei ist eine Legendenbildung gelungen: Noch immer hört man von Politikern und Journalisten, junge Feministinnen hätten mit der Sexismusdebatte die FDP aus dem Bundestag gekegelt. Dass Feministinnen als übermächtig wahrgenommen werden, ist ein verbreitetes Phänomen antiquierter Geister, die ihre eigene Macht kaum wahrnehmen. Genau dieses Phänomen schuf damals, in den Monaten vor den Bundestagswahlen, ein günstiges Klima, um eine Mediendebatte mit feministischen Stimmen in Gang zu bringen.

Nach den Bundestagswahlen ist die Situation aber ganz anders. Sozialdemokraten würden Feministinnen die Große Koalition gern als Fortschritt verkaufen. Gleicht man die geschlechterpolitischen Vorhaben der SPD aber mit den Forderungen ab, die jüngere Frauen auf Bühnen, in Blogs und Tweets formulieren, weiß man sehr genau, dass auch Manuela Schwesig von ihnen kaum ein gutes Zeugnis ausgestellt bekommen wird. Geschlechterpolitik war in den Koalitionsverhandlungen unwichtig. Von sozialdemokratischer Programmatik wird sich in den kommenden Regierungsjahren ohnehin kaum etwas in Gesetzen wiederfinden. Die Pille danach wird mit dem CDU-Gesundheitsminister Hermann Gröhe in dieser Legislatur nicht auf der Liste rezeptfreier Medikamente landen. Das Ehegattensplitting bleibt, gleichgeschlechtliche Paare werden weiterhin nicht adoptieren dürfen, beim Transsexuellengesetz sind keine Verbesserungen zu erwarten, und Staatsbürgerschafts- und Asylrecht senden keine deutlichen Zeichen für eine bessere Inklusion und weniger Rassismus. Feministinnen und Queer-Aktivisten müssen sich auf weitere vier frustrierende Jahre einrichten. Auch das ist ein Dämpfer fürs Engagement.

Die Freigabe der Pille danach zu bewirken: Das wäre einmal ein messbarer Erfolg. Und Erfolgsmomente sind wichtig, selbst für Aktivistinnen, die genau wissen, dass sie für einen sehr umfassenden gesellschaftlichen Wandel eintreten, der Zeit braucht, um zu greifen. Die amerikanische Feministin Jessica Valenti schrieb dazu in einem ihrer Texte über den feministischen Burn-out, dass sie von Jüngeren oft gefragt werde: „Wie bist du dazu in der Lage, dich weiterhin zu engagieren, wenn es doch so frustrierend ist?“ Genau diese Frage treibt auch in Deutschland Frauen und Mädchen um, insbesondere wohl auch solche, die sich bei der #Aufschrei-Bewegung vielleicht zum ersten Mal für ein feministisches Anliegen eingesetzt haben.

Die Debatte hat 2013 etwas Wichtiges geschafft: Sie ermöglichte Menschen, die genug hatten von Sexismus und sexueller Belästigung, ihre Wut herauszulassen und zu erleben, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine sind. Aber so schwierig es ist, entsprechende Anschlussprojekte schnell auf die Beine zu stellen, so schwierig ist es auch auszumachen, was die Initiative bewegt hat – ob sie überhaupt konkret etwas verändert hat. Die temporäre Gemeinschaft, die #Aufschrei war, gibt es so nicht mehr. Und viele damals neu dazugekommene Aktivistinnen haben seit ihrem Engagement längst schon wieder schlechte Erfahrungen gemacht. Manche mögen jetzt auch einfach enttäuscht sein von dem Versprechen, das #Aufschrei für sie vielleicht bedeutet hat.

Als bleibende Anlaufstellen rund um #Aufschrei kann man am ehesten noch bestimmte Blogs ausmachen – doch auch hier sind die Kontaktmöglichkeiten eingeschränkt und nicht besonders inklusiv, also: offen nach außen. Die gegenseitige Wertschätzung ist eine der wenigen Währungen, die der Aktivismus hat, um Menschen beieinander zu halten, damit eine Bewegung wachsen kann. Es geht also um die Nachwuchsarbeit – und diese erfordert es, aus der eigenen Filterblase hinauszutreten, neue Menschen einzuladen und gezielt nach denjenigen Ausschau zu halten, die auch gern mitmachen würden, aber vielleicht noch nicht genau wissen, wo und auf welche Weise und welches Vokabular sie benutzen sollen. „Wenn wir positive Veränderungen wollen in der gesamten Gesellschaft, können wir uns nicht auf aktivistischen Inseln abschotten. Wir müssen breite Bündnisse bilden mit Menschen, die noch keine Mitglieder unserer Gruppen sind“, so formuliert es die Trans-Aktivistin Julia Serano in ihrem Buch Excluded.


Es gibt keinen organisierten Kreis von (Online-)Feministinnen, keine zentrale, offizielle Anlaufstelle, die auf die Frage nach Folgeprojekten Antworten geben könnte – oder gar müsste. Das liegt auch daran, dass das Engagement für die Beteiligten nur eine Teilzeittätigkeit sein konnte. Jede kann unterschiedlich viel Zeit und Kraft aufbringen. Und es kommen ganz persönliche Voraussetzungen hinzu: Wer sich öffentlich für feministische Anliegen positioniert, sexistische Strukturen kritisiert und Fehlverhalten offen anspricht, ist mehr als nur Meinungsverschiedenheiten ausgesetzt. Beleidigungen sind der zarte Anfang der Skala der Reaktionen, die nach oben offen ist und manchmal bis zu heftigem Stalking, bis zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen reichen kann. Hassattacken über das Internet gewinnen leicht ein Ausmaß, das mit Alltagserfahrungen nicht vergleichbar ist und die Betroffenen unvorbereitet überrollt. Solche Anfeindungen, solche psychische Gewalt wegstecken zu können, hängt meist von sehr individuellen Ressourcen ab. Die eine lässt es kalt, die andere verletzt es stark. Die Aussichten auf erfolgreiche Strafverfolgung sind gering – die entstandenen seelischen Verletzungen bleiben. Sie werden momentan aber gesellschaftlich nicht anerkannt.

#Aufschrei war von außen betrachtet eine sehr selbstbewusste Bewegung und hat dieses Gefühl besonders durch die Gemeinschaftserfahrung auch hervorgerufen. Man muss aber bedenken, dass #Aufschrei vorher erfolgte Verletzungen thematisierte, und dass jene Verletzungen im Zuge des Engagements vielen Beteiligten erneut wehgetan haben. Zusammengenommen mit dem Hass, der den Aktivistinnen entgegengetragen wurde, entstand so eine Wucht von Verletzungen, die viele Frauen wieder verstummen ließ.

Als Aktivistin ist es wichtig, sich die eigenen Ansprüche bewusst zu machen – um sich selbst mit mehr Nachsicht zu begegnen und eine realistische Idee davon zu entwickeln, was man selbst leisten kann und was nicht. Wer sich mit Wut, vielen Ideen und einem unbändigen Drang, die Welt zu verändern, in einen politischen Kampf aufmacht, vergisst leicht, dass die Sorge um sich selbst – international Self Care genannt – mindestens so wichtig ist wie die Sorge um die Sache. Wer sich selbst verausgabt, kann auch der Bewegung nicht mehr nützen. Die Aktivistin und Lyrikerin Audre Lorde schrieb dazu schon 1988: „Selbst-Fürsorge ist nicht Selbstzufriedenheit, sondern gezielter Selbsterhalt, und das ist (als Feministin) ein Akt der politischen Kriegsführung.”

Von dieser Warte aus betrachtet, ist es vielleicht auch ein gutes Zeichen, dass es um den feministischen Aktivismus in diesem Jahr erst einmal wieder etwas ruhiger geworden ist. Die Kraft kann und sollte sich jetzt erst einmal nach innen richten. Wer einen Aktivistinnen-Burn-out bei sich oder anderen feststellt, sollte so streng mit sich oder den Betroffenen sein wie Ärzte mit jedem anderen Burn-out-Patienten: Einfach mal ein paar Monate etwas völlig anderes machen, auf den eigenen Bauch hören, Schlaf nachholen und wissen, dass nichts so wichtig ist, das es es wert ist, dafür kaputt zu gehen. „Kümmert euch um euch selbst, erkennt an, wie hart Aktivismus ist, und kommt dann zurück. Wir brauchen euch“, sagt die 35 Jahre alte US-Feministin Jessica Valenti.

Nachdem 2013 das Jahr des Agenda-Settings, der Medienpräsenz und der starken Außenwirkung war, kann 2014 also zum Jahr des Community-Buildings und der Self Care werden. Der Aktivismus verläuft erst mal nach innen, sorgt sich um sich selbst, regeneriert sich – bevor er wieder die Welt in Angriff nimmt.

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Wer mich diese Woche inspiriert hat: Katja Hentschel, die sich bewusst dafür entschied, ab der Geburt alleinerziehend zu sein, weil ihr viele andere Frauen Mut machten und Unterstützung anboten. Mein Porträt über sie lest ihr bei EDITION F.

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Hillary Clinton war am Sonntag in Berlin und hat im Schillertheater der Staatsoper mit Zeitmagazin Chefredakteur Christoph Amend gesprochen. Am Abend war sie dann zusammen mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und der Theologin Margot Käßmann zu Gast in der Talkshow von Günther Jauch zum Thema „Frauen an die Macht“.

Ich habe mir beides angesehen und für EDITION F darüber geschrieben. Heute müsst ihr euch noch anmelden und einloggen, um den Text lesen zu können. Ab Mittwoch ist die Seite dann offen.

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6/27/2014

Für EDITION F habe ich in den vergangenen Wochen viele tolle Frauen getroffen. Vier davon stelle ich hier heute vor, die Interviews und Texte über sie findet ihr auf der Website. (Da die Seite noch in der Betaphause ist, müsst ihr euch zum Lesen kurz anmelden. Ab August ist sie dann offen.)

Die Journalistin Alix Faßmann hat ein kluges Porträt über die Arbeitswelt von heute geschrieben. Ihr Buch „Arbeit ist nicht unser Leben: Anleitung zur Karriereverweigerung“ beginnt mit einem persönlichen Einstieg: Sie kündigt einen Job, in dem sie sich von sich selbst entfremdet hat. Doch ihr Buch ist vor allem ein politisches Buch. Ihre Geschichten erzählen von der Verlierern des Arbeitsmarktes: von Leih- und Zeitarbeit, von Hungerrenten, von Verdrängung von Menschen aus ihren Wohnvierteln und dem Karrierewahn, in dem Freunde, Gesundheit und Lebenszeit auf der Strecke bleiben. Doch wofür eigentlich? Alix Faßmann reflektiert in ihrem Reisetagebuch, das mit dem Eintritt ins Berufsleben beginnt, Anekdoten aus dem Alltag einer Parteizentrale umfasst und sie auf ihrer Selbstfindung nach der Kündigung quer durch Europa führt, darüber, welche Wahrheiten und welche Lügen das heutige Verständnis von Arbeit erzählt. Die 31-Jährige gibt Anregungen, wie man wieder zu einem eigenständigen Denken und Verständnis davon finden kann, was Leben eigentlich bedeutet, wenn die Arbeit nicht mehr das Leben ist. Sie hat jetzt zusammen mit dem Dramaturgen Anselm Lenz das „Haus Bartleby” gegründet – ein geistiger Ort im Internet. Dort sollen Geschichten entstehen, die einem neuen Verständnis von Arbeit folgen. Der Name des Ortes geht auf den den Arbeitsverweigerer Bartleby aus dem Roman von Herman Melville zurück, der den Satz „I would prefer not to“ prägte.

Für EDITION F habe ich sie interviewt.





Die Dänin Ida Tin ist Gründerin von BioWink und hat mit ihrem Unternehmen 2013 die Mobile-Health-App "Clue" auf den Markt gebraucht. Das Team hat seinen Sitz in Berlin und stellt die App derzeit in Deutsch, Englisch und Dänisch kostenlos zur Verfügung. Clue ist dabei mehr als ein moderner Menstruationskalender, der die nächste Periode berechnet. Man kann damit viele weitere Körpersignale tracken: Nutzerin und App lernen gemeinsam dazu.

Ida Tin will mit Clue eine Alternative zur Pille schaffen. Ein Gespräch über Big Data und technologiegestützte Verhütung.




Susanne Lang sagt: „Der Freundeskreis ist heute die bessere Familie”. In ihrem Buch beschreibt sie die Entstehung dieser neuen Haltung.

Mein Mann wurde immer gefragt: Und wann kommt jetzt die Familie nach? Ich kam mir fast komisch vor, als ich sagte: Ich will hier nicht weg”, erzählt die Journalistin Susanne Lang im Interview. Als der Mann der Wahlberlinerin beruflich nach Hamburg ging, machte sie eine Liste mit Dingen, die für und gegen den Umzug der Familie sprachen. Nicht pendeln zu müssen, die Höhe der Mietkosten, ob das Biertrinken in der U-Bahn erlaubt ist – das sind einige der Punkte, die sie gegeneinander abwog. Wenn sie mit den Kindern in Berlin bliebe, würde sie den Mann, den sie liebt, seltener sehen, das wusste sie – doch den Ausschlag gab es nicht. „Es sah nicht gut aus für Hamburg. Zu keinem Zeitpunkt”, erklärt sie im Einstiegskapitel ihres Buches, das gerade erschienen ist. Es gab einen Grund, der dick und fett an oberster Stelle ihrer Liste stand: FREUNDE.

Das Gefühl, die absolut richtige Entscheidung zu treffen, bei der sie sich manchmal fragte, ob die Haltung nicht vielleicht „kindisch” sei, hat Susanne Lang zum Anlass genommen, die Kulturgeschichte der Freundschaft und ihre Bedeutung heute in zehn Kapiteln zu entschlüsseln. „Ziemlich feste Freunde“ heißt das Buch, das so entstanden ist. Bei den Recherchen hat die Autorin festgestellt, dass sie nicht damit alleine ist, auf ihre Freunde nicht verzichten zu wollen. 85 Prozent der Deutschen finden es ganz besonders wichtig, gute Freunde zu haben. Das fand die Jacobs-Studie „Freunde fürs Leben” in diesem Jahr heraus. Das Bemerkenswerte: Gute Freunde sind wichtiger als Zeit für die Familie und eine erfüllende Partnerschaft.




Anna Bojic ist eine ungewöhnliche Unternehmerin: Die studierte Bildhauerin und Filmwissenschaftlerin sitzt mit ihrem Onlineshop Merisier in einer Remise und blickt in den Garten der Factory, dem neuen Berliner Startup-Zentrum, in dem Technunternehmen wie Google, Twitter und Soundcloud ihr neues Zuhause gefunden haben. In dem kleinen Gartenhaus stapeln sich Boxen und Packmaterial bis unter die Decke. Die Geschenke werden hier von Hand zusammengestellt und verpackt. Mit ihrem Versandunternehmen nimmt Anna Bojic sie nun großen Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen. Sei es die enge Familie, Freunde oder Geschäftspartner: Anna und ihr Partner Marc Lampe haben im Internet einen Ort geschaffen, an dem Kunden Geschenke finden, die eine ganze Geschichte erzählen.

Für EDITION F habe ich mit Anna Bojic über die Kunst des Schenkens und Kreativität im Unternehmertum gesprochen.

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