Foto: Stephan Röhl (CC BY-SA 2.0)


Auf der re:pulica werde ich eine Session zu Activist Burnout und Netzdiskursen halten. Hier gibt es nun die Skizze der Session. Ihr seid herzlich eingeladen, euch vorab mit Kommentaren und anderem Input zu beteiligen. Ich kann mir auch vorstellen, dann noch jemanden als Speaker_in zur Session hinzuzuholen.
Einen ersten längeren Text von mir zu Online-Aktivismus gibt es im FAZ-Blog.

Burnout & Broken Comment Culture 

Soziale Bewegungen sind über Internetprotestformen zuletzt wieder sichtbarer geworden, haben Einfluss genommen und sind augenscheinlich gestärkt. Doch das Dilemma das Online-Aktivismus ist, dass Beteiligte unter Druck, Tempo und Gewalterfahrungen im Netz immer schneller ausbrennen, sich zurückziehen und ihren Communities verloren gehen.

Diskurse im Netz sind selten offen: Sie werden von meinungsstarken und gut vernetzten Nutzer_innen bestimmt. Ihre Richtung wird zudem stark geprägt von Aufmerksamkeit und Tenor großer Medien, die sie aufgreifen. Der Ton in Online-Debatten ist harsch und oft verletzend, Kommentare zu Texten in Blogs und Medien sind das Unkraut des Internets. So drehen sich Diskussionen im Kreis, sind abgeschlossen gegenüber wertvollem Input und lassen Teilnehmende frustriert zurück.

Wie können Diskurse gestaltet werden, aus denen Online.Bewegungen Schlagkraft entwickeln können? Wie können sich Aktivist_innen gegenseitig stützen und schützen? Wie öffnet man Onlinebewegungen für eine vielfältige Teilnehmerschaft? Wie schafft man ein Gegengewicht zu etablierten Meinungsmacher_innen und Medien?

Der Vortrag geht diesen Fragen nach und präsentiert Ideen dazu, Debatten im Netz neu zu organisieren und inklusiver zu gestalten, um Onlineaktivismus langfristig zu stärken.




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3/05/2014
 


Die Piratenpartei ist vielleicht nur ein Zusammenschluss von Aktivisten, die sich organisieren wollten und dafür die falsche Form gefunden haben. Auch andere Onlineaktivisten geben erschöpft auf. Die Piratenpartei liegt in Scherben. Die immer noch junge politische Gemeinschaft ist politisch nicht mehr handlungsfähig, im Netzrauschen fällt sie nur noch über Hashtags auf, hinter denen sich meist ein Gate verbirgt: ein Minieklat oder eine große Dummheit. Die Partei wirkt erratisch, ihr fehlen gemeinsame Werte, eine Strategie, der Wille zu Überleben und Personen, die eine Gemeinschaft zusammenhalten können. An diesem Punkt scheint sich eine frühe These über die Partei zu bestätigen: Sie war und ist vielleicht mehr ein loser Zusammenschluss von Aktivistinnen und Aktivisten, die sich organisieren wollten und dafür die falsche Form gefunden haben. Doch selbst als Aktivisten sind die Piraten nicht erfolgreich, denn auch politischer Aktivismus braucht einen gewissen Grad der Organisation und zu allererst ein Verständnis über die Anliegen der Gruppe und deren Priorisierung. Eine Partei, die für digitalen Aufbruch stehen wollte, aber ihren Mitgliedern über gezieltes Online-Mobbing das Selbstbewusstsein und die Lust auf Politik nimmt, beraubt sich selbst ihrer Grundlage für Glaubwürdigkeit. Sie beherrscht das Spielfeld nicht, was sie politisch gestalten wollte. Die Absurdität der parteiinternen Querelen gipfelten in einem „Warnstreik“ der IT-Abteilung, die aus Unzufriedenheit mit der Arbeit der Partei und dem jüngsten #Bombergate die digitale Infrastruktur der Partei vorübergehend außer Betrieb setzte.

Eine Bestandsaufnahme des Online-Aktivismus in Deutschland fällt zurzeit nicht besser aus. Es ist kaum messbar, was hängen bleibt von Kampagnen auf Twitter und Online-Petitionen. Dem Stillstand in beispielsweise der NSA-Affäre verleiht der Spiegel-Online-Redakteur Christian Stöcker, der seit Monaten den gleichen Tweet wiederholt in die Timelime gibt. „Immer noch wahr“, schreibt er vor den Link, der auf seinen Artikel „Global Surveillance: The Public Must Fight for its Right to Privacy“ führt, der Ende Juni auf Spiegel Online erschien. Die Autorin Anne Roth kritisierte in der vergangenen Woche Petitionsaktivismus am Beispiel der Hebammen, bei dem seit Jahren massenhaft Menschen ihre Unterschrift leisten, weil sie den Berufsstand der Hebammen erhalten wollen, sich jedoch politisch kaum etwas bewegt. Petitionen könnten nur ein erster Schritt sein, so Roth, doch weitergehende Strategien zeichnen sich derzeit nicht ab.

Spürbar sind auch für Aktivistinnen und Aktivisten zunächst nicht die Veränderungen, die sie mit anstoßen, sondern vor allem Frust und Anfeindungen. Ein Frust, der sich unter der Großen Koalition ausweiten wird, denn auf die Forderungen von Netzaktivist_innen, die eher im linken Spektrum zu verorten sind, werden in dieser Legislatur keine fortschrittlichen Antworten zu erwarten sein. CDU-Gesundheitsminister Gröhe ist der ‚last man standing’, der sich gegen die Rezeptfreiheit der „Pille danach“ stemmt, obwohl sie in 28 anderen EU-Staaten freigegeben ist und sich WHO und Pro Familia dafür aussprechen. Das gespielte Entsetzen von Regierung über die NSA-Massenüberwachung und das Festhalten an der Vorratsdatenspeicherung wirken schizophren. Online-Aktivist_innen, die sich in Deutschland vor allem zu netzpolitischen und geschlechterdemokratischen Fragen organisiert haben, können von dieser Koalition nicht viel erwarten. Sie müssen aktiv bleiben ­– aber vor allem ihre Strategien überdenken.

Weiter bei >> faz.net

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Für das ZEITmagazin 2/2014: 1994 – Ein Blick zurück nach vorn


Saskia de Brauw fällt das schwarz-rote Flanellhemd von der Schulter, nasse, wasserstoffblonde Strähnen auf ihrer Stirn zeichnen die Erinnerung an Kurt Cobain auf das Titelfoto des Vogue-Editorials „La fièvre Grunge“, das im September 2013 in der Pariser Ausgabe erschien. Jede Frau, die ihre Teenagergarderobe aufbewahrt hat, besitzt heute solch ein weiches Hemd, das hinweg tröstet über Cobains Tod im April 1994, über diffusen Weltschmerz oder über das Ausklingen der Musikrevolution der Mädchen. Denn auch die Hochzeit der weiblichen Punkbands ist 1994 vorbei, die First-Generation-Riot-Grrrls Bratmobile und Huggy Bear verabschieden sich von den Bühnen. Für die französische Vogue hat Chefredakteurin Emmanuelle Alt das Model Gisele Bündchen in eine Gaultier-Adaption von Cobains gestreiftem Kultpullover gehüllt, die Modestrecke ist neunzehn Jahre später eine klare Nirvana-Hommage. Obwohl auch die Musikerinnen Karen Elson und Sky Ferreira für das Magazin vor die Kamera getreten sind, stellen die Bilder keinen Bezug zu dem Stil der Frauen her, die den Punk der Neunziger geprägt haben und in Musik und Performance Geschlechterrollen laut in Frage stellten. Grunge lässt sich 20 Jahre später glamourös reproduzieren, die Riot Grrrls nicht. Das Vermächtnis der Musikerinnen, die zu Beginn der Neunziger Mädchen zur Revolution aufriefen (Bikini Kill taten dies 1991 mit ihrer ersten Kassette: „Revolution Girl Style Now!“) ist kein modisches. Riot Grrl ist eine Haltung. Über ein charakteristisches Kleidungsstück kommen sich die erwachsenen Riotfrauen und die neuen Riotmädchen der Nuller Jahre nur einmal nahe: Kathleen Hanna, Sängerin von Bikini Kill, vererbt der Bloggerin Tavi Gevinson 2010 ihren Pullover, in den das Wort „Feminist“ mehrfach eingestrickt ist. Gevinson gründet 2011 das Onlinemagazin Rookie, ein Gemeinschaftsmedium über Popkultur, Mädchenperspektiven und Role Models. Das Riot-Grrrl-Manifest erschien 1991 in einem kopierten Zine, Social-Networking in der Musikszene rund um Olympia geschah über Flyer. Heute bilden sich feministische Communitys über Blogs, Facebook und Twitter. Beide haben sich der Aufgabe angenommen, Feminismus in die Lebenswelt von Teenagern zu übersetzen. Der generationenübergreifende Dialog gelingt Feministinnen bis heute nicht. Bloggen erlaubt Mädchen nun gegen und in einer Kultur zu sprechen, die für sie oft keinen Platz bereit hält. Auch Zines sollten diese sicheren Orte mit eigenen Regeln sein.
„BECAUSE in every form of media I see us/myself objectified, (...) trivialized, (...) ignored, stereotyped“, schrieben die Bratmobile-Musikerinnen Allison Wolfe und Molly Neumann in einem anderen Manifest, „I am still dealing with internalized racism, sexism, classism, homophobia, etc., and I don’t want to do it. BECAUSE we need to talk to each other. Communication/inclusion is the key. We will never know if we don’t break the silence.“
Die DIY-Kulturtechniken von Mädchen, die männerdominierte Szenen satt haben, sind entlang neuer Technologien gewachsen, ihre Themen sind die gleichen geblieben. Die Anzahl junger Frauen, die heute weltweit über digitale Medien miteinander im Zeichen der Girl-Revolution in Kontakt stehen, ist sogar um ein vielfaches größer als die überschaubare Musikszene in den USA und Großbritannien in den frühen Neunziger Jahren. In Deutschland konnte die Riot-Grrrl-Bewegung nie Wurzeln schlagen, die popkulturelle Rezeption verschluckte sich an den ungehemmten Bands und präsentierte die verzuckerte Spielart des Grrrls für das einheimische Musikfernsehen: Für das einheimische Girlie bestand die Provokation schon darin, den Mädchenbegriff wieder besetzen zu wollen und den männlichen Hintern zu besingen. Die Gefälligkeitsschiene, die Lucilectric damit 1994 eröffnete, ebnete den Weg für internationale, gecastete Bands wie die Spice Girls, die den Typ „freches Mädchen“ verkörperten. Girl-Groups wollten Spaß, aber nicht die Machtfrage stellen. Girl Power sollte Feminismus sein, der endlich gut aussieht und niemandem zu nahe tritt. Konsumierbar. Diese Episode hinterließ nichts außer dem leeren Versprechen: Die Zukunft ist weiblich! Girl Power bremste die Gleichberechtigung. Denn Popgruppen regten ihre Fans nicht dazu an, sich auf Bühnen selbst auszuprobieren, Geschlechterrollen zu hinterfragen und einander zu unterstützen. Der Wesenszug hingegen, mit dem die Riot-Grrrl-Bewegung heute noch inspiriert, ist die „Girl Love“ gewesen, die den Zusammenhalt von Mädchen in den Vordergrund stellte. Kathleen Hanna schrieb damals: „Ich bin so sicher, dass sich viele andere Mädchen in einer Revolution befinden und wir wollen sie finden.“ Um postfeministisches Empowerment für den individuellen Erfolg – das Narrativ jüngerer Diskurse wie zum Beispiel der „Lean in“-Aufruf der Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg – geht es Riot-Mädchen nicht. Als gewaltigen Hunger auf eine „don’t give-a-damn-femaleness“ beschreibt die New York Times die fortbestehende Faszination der Riot Grrls. Die lokalen Communitys, die kleinen Konzerte versprühen selbst aus den Archiven mehr Revolutionsgeist als die global vernetzten Mädchenmannschaften der digitalen Ära. Denn obgleich man sich durch die Fülle von #aufschrei-Tweets im Januar 2013 beinahe physisch überrollt fühlte, hat die Verbindung von Feminismus mit Punkperformance eine körperliche Erfahrungswelt geschaffen, die mehr berührte – und online fehlt. Schreien, Springen, Schweiß hat die Beteiligten anders mitgerissen als Klicks und Tweets und Gifs. Die russischen Aktivistinnen von Pussy Riot nehmen mit ihren Körpern diesen entscheidenden physischen Raum heute wieder ein: In ihren Performances treten sie und schlagen, stehen auf Plattformen und Mauern erhaben über den Dingen. Die Punk-Gebete machen Putin Angst. Im Zuge ihrer Verhaftung und Verurteilung haben sich zahlreiche Feministinnen, Künstlerinnen und politisch Aktive solidarisiert. Auch Femen protestieren mit ihren Körpern. Die meist langhaarigen und schönen Frauen, die in Deutschland als neue Form des Feminismus gehandelt werden, erinnern jedoch mehr an die Girlies, die ebenfalls Blumen im Haar trugen und Männern gefielen. Die unbekleideten Brüste von Femen versagen im Transport politischer Botschaften. Um sie herum bilden sich keine Gemeinschaften.



Die Sehnsucht nach den Riot Grrrls ist berechtigt, denn Pop bleibt der Ort, von dem aus eine Frauenrevolution weitergehen kann: Mädchen erreichen einander hier. Sie können Rockstars sein und gleichzeitig Freundinnen. Die Bühnen sind immer offen. Kanzlerin und gleichzeitig ein Mädchen zu sein bleibt eine Utopie. Doch am wichtigsten ist, dass Frauen beginnen Bauch und Herz und anderen Frauen zu folgen, ohne darauf Rücksicht zu nehmen wie sie wirken und wie sie aussehen. Das Vermächtnis der Riot Grrls ist, dass zu radikal, zu wenig weiblich, zu laut oder zu leise keine Kategorien mehr sind.
“We didn’t give a shit,” sagt Kathleen Hanna über die Anfänge von Bikini Kill, “We weren’t making money; we knew we were never going to make money. And it was really important that we made our music. We were on a mission. We were going to do what we did whether we got attention or not.”
Die Mädchenrevolution muss 20 Jahre später nicht wieder neu ausgerufen werden. Sie hat niemals aufgehört. Und es ist ihr scheißegal, ob sie das Titelblatt einer Zeitung ziert. Es genügt ihr, die Mädchen zusammenzubringen, die in Aufruhr sind.

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Dieser Text ist zunächst erschienen in der Ausgabe des ZEITmagazins über das Jahr 1994. Die gekürzte Printfassung und weitere Texte über das Jahr finden sich hier.

Für mehr Informationen und Erinnerungen auch um Riot Grrrls in Deutschland (nach 1994) empfehle ich "Riot Grrrl Revisited" von Katja Peglow und Jonas Engelmann.

>> Kathleen Hannas neue Band "The Julie Ruin" spielt am 18. Mai in Berlin ein Konzert.

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12/22/2013


eines der dinge, die ich in diesem jahr wieder aufgenommen habe, ist das stöbern in musikblogs, das verlassen darauf, dass altbekannte bloggende mit deinen ohren mitgewachsen sind und du dem ersten track eines albums vertrauen kannst. dieses blog gäbe es nicht ohne knicken, bei dem wir fast ausschließlich über musik geschrieben haben, die wir in nischen und über internationale mailinglisten (grindin) aufgetan hatten und die künstler_innen ihre tracks legal zur verfügung stellten. ich fühle mich einen moment lang nostalgisch und an die zeiten in übergroßen flanellhemnden im picknick erinnert, wenn jemand einen alten track von the virgins kennt, und ich erschrecke, wenn ich feststelle, dass es tatsächlich 2007 war, als sie mir das erste mal begegneten. es fühlt sich näher an. im februar hätte ich sie endlich das erste mal live gesehen, sie veröffentlichten in diesem jahr ihr zweites album »strike gently«, doch bevor das geschehen könnte, lösten sie sich vor wenigen wochen auf. »flashbacks, memories and dreams« heißt ein song ihres letzten albums – all das, was ich lose fühle, wenn ich musik höre, die mich in zeiten begleitet hat, in denen gefühle diffus, gefesselt oder erstickt waren, und sie von einer stimme und einem beat jetzt wieder an die oberfläche gekitzelt werden. das hadern beendest du in dem moment, in dem du dich auf und durch die gefühlsfläche fallen lassen kannst, die ein lied eröffnet, ohne angst zu haben in diesem moment wieder aufwachen zu müssen. ich kann mir keine autobiographie vorstellen, die ohne musik auskommt.



das erste konzert, das ich im nächsten jahr besuchen werde, wird babyshambles sein, die ebenfalls ein neues album haben, das in dem indiesound verweilt, in dem ich mich wieder in den alten magnetclub in der greifswalderstraße zurückversetzt fühle, mit dem unterschied, dass ich heute keine fremde mehr unter meiner eigenen haut bin. das sind auch die momente, in denen ich gerne große schwester oder ältere freundin bin. zeit heilt, narben bleiben, und ohne sie ließe sich kaum verfolgen, woher wir gekommen sind.



johannes fragte mich eben, ob ich für das blank magazin zwei alben beitragen wollte, die mir in diesem jahr etwas bedeutet haben, was auslöser für diesen eintrag ist, da die beiden platten, die ich nun herausgesucht habe noch einige brüder und schwestern auf ihrer liste verdienen. sie brauchen dabei keine dramaturgie, denn zwischen chilly gonzales, der das mir liebste konzert gestaltete (und das ende 2012, nicht einmal 2013), und pusha t, der mich morgens in schwung bringt, besteht wenn überhaupt nur eine komplex verwinkelte beziehung in meinem kopf. here's an eclectic mix of music i like.



mein track des jahres ist in jedem falle »ebony sky« von den young fathers, die auch bereits an einem folgealbum zu »tape two« arbeiten. schottischer lo-fi-rap mit wurzeln in nigeria und liberia oder »everything suggests that, on the strength of this set, the land of the brave won’t need a referendum to prove its independence.«


den kontrast zu dem experimentellen hophop von den young fathers stellt pusha t's »my name is my name«, so pur, und oldschool, und geschliffener lyrics. so genial, dass ich es sogar meinem großen bruder schickte – früher war es andersherum. drittes lieblingsalbum: london grammar – if you wait.
  

noch zwei tracks, die ich gefühlt schon mehrere hundert mal gehört habe: cass mc combs - brighter! für und mit der in diesem jahr verstorbenen schauspielerin karen black vom album »big wheel and others«.



und »porno« vom arcade-fire-album »reflektor«.



weitere alben, die ich nur ans herz legen kann, und ein paar tracks habe ich auf soundcloud zusammengestellt. 

scott matthew – unlearned
iron and wine – ghost on ghost
white denim – corsica lemonade
magic arm – images rolling




// And thank you Daniel, music sounds so much better with the headphones you gave me.  // 

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10/28/2013
[tw für essstörungen]


"I'm not gonna tell you that you're beautiful. You have not needed to know you're beauty so much as you've needed to see that you're capable." 

es ist eine unfreiwillige und traurige expertise, frauen ihre esstörungen anzusehen, sie zu spüren, wenn man miteinander zeit verbringt und isst, die spuren nachzulesen an wangenknochen, geplatzten kapillaren in den augen und die feinen formulierungen, wie sich selbst das stück schokolade zu erlauben. und es sticht jedes mal ins herz, besonders die vierzehnjährigen zu sehen, die sich schon aus der welt gehungert haben und deren gedanken und talent in den jahren dieser krankheit schmal werden. dass insbesondere frauen mit ihren körpern aus der welt verschwinden, ihre gefühle nicht verbalisieren sondern nur erbrechen können, den schmerz in tröstendem zucker stillen, ist eine wichtige feministische perspektive auf die machtverhältnisse der geschlechter.

wenn die gedanken immer nur um das essen und nicht essen, um den umfang der handgelenke, das hervorstechende schlüsselbein und negative kalorienbilanzen kreisen, die sich schon weit vor der quantified-self-bewegung leicht mit taschenrechnern und papier errechnen ließen, bleibt wenig kraft und zeit und kreativität, um die eigenen ideen jenseits des körpers in die welt zu bringen.

es sind nicht nur strukturelle diskriminierung oder traditionelle rollenverteilung, die frauen aus bestimmten gesellschaftsbereichen verdrängen, es ist zudem die strukturelle gewalt von magersucht, bulimie, binge-eating und anderen formen der entfremdung vom körper, die eine elegante lösung des patriarchats darstellt: essstörungen suggerieren, es stünde in der "macht" der betroffenen, sich aus ihnen zu befreien. sie seien selbst gewählt.

doch das sind sie nicht. ich nenne sie im interview mit dem "elektrischen reporter" die "kriegserfahrung der generation junger frauen", denn sie sind über uns hereingebrochen und lassen dabei wenig chance, sich ihnen zu entziehen, sie sind traumatisch und prägen lebenswege, selbst wenn sie heilen. und: wir schweigen. versuchen zu vergessen. tun so, als sei nie etwas geschehen. schauen weg. und doch sind sie eine kollektive erfahrung.

essstörungen sind in jeder form massive gewalt gegen den eigenen körper, keine von ihnen ist harmlos, keine ist chic und jede tut auf ihre art unendlich weh. auch, weil sie so oft in einsamkeit geschieht und die schuldfrage und ursachensuche keine adäquate antwort auf ihre entstehung sind. essstörungen sind komplexe erkrankungen, die selten einen einzelnen auslöser haben. dennoch halte ich die metapher des raumes für sehr geeignet, um die spur des hungerns aufzunehmen. finde ich meinen platz in dieser welt? gibt sie mir raum? oder muss ich erst in sie hineinpassen, als eine person, die ich nicht bin und sein will? daher darf bei essstörungen die sicht nicht verengt werden auf schönheitsnormen, sondern muss ebenso andere mechanismen des ausschlusses in den blick nehmen. sie treten auf, wenn zu wenig raum für 'anders' sein vorhanden ist.

die hälfte der macht zu wollen muss sich auch in neuen bildern ausdrücken. denn wenn gleichberechtigung aktuell vor allem entlang der quote und von erfolgreichen frauen erzählt wird, das sichtbarwerden von frauen jedoch nicht ohne schönheitsideale auskommt, kann eine parität entstehen, die noch lange keine freiheit bedeutet.

geschichten der heilung werden in der regel mit ehemals magersüchtigen frauen erzählt, denn hier können wir die genesung sehen. eine schrumpfende frau erobert sich ihren platz zurück in der welt. doch so wie die meisten essstörungen nahezu unsichtbar bleiben, bleibt es ihre heilung. die schäden, die ein körper nach dem martyrium einer essstörung behalten wird, die narben auf der seele, sie bleiben verborgen. genauso unsichtbar bleibt die verlorene zeit, die menschen im krieg mit dem eigenen körper verloren haben. in der sie nicht lernen und leben konnten, in der ihre kraft sich darauf richtete dem eigenen körper noch mehr zu schaden oder ihn am leben zu erhalten. in der ihr geistiges kapital eine pause machte.

"if all women on earth woke up tomorrow feeling truly positive and powerful in their own bodies, the economies of the globe would collapse overnight", schreibt laurie penny in "meat market". die weltwirtschaft würde auf der einen seite zusammenbrechen, da frauen die arbeit niederlegten. doch auf der anderen seite wissen wir nicht, was frauen in dem moment in die welt bringen würden, in dem sie sich frei machen könnten vom diktat der körper. vermutlich würde es unendlich groß.



Weiterlesen zu Medienethik und Verantwortung von Journalist_innen: Extrem schön, extrem misogyn.

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Der »Prager Frühling«, der nun ausschließlich digital erscheint, trat an mich heran mit der Gretchen-Frage zum Thema Papier. Die Frage wird außerdem von Bodo Ramelow (DIE LINKE), Daniel Leisegang (Redakteur der Blätter für Deutsche und internationale Politik) und Tom Strohschneider (Chefredakteur Neues Deutschland) beantwortet. In der begrenzten Zeichenzahl – Wieso nur, online ist doch endlos Platz? – schrieb ich folgende Miniatur nieder:


Ohne zwei Dinge kann ich nicht leben: Twitter und ein Bücherregal, das bis an die Decke reicht. Als Vertreterin der Gattung introvertierter Nerds, die gleichermaßen zwischen Büchertürmen und Computerspielen aufwuchsen, bin ich seltsam zufrieden zerrissen zwischen den Medien. Ich liebe das Digitale und das Gedruckte mit allen Zellen, die Geschriebenes erfassen können. Ich drucke Texte aus und tippe Zitate in ein Tumblr ab. Das kürzlich aufgetauchte Schlagwort „Print Pride” über das auf Twitter Journalisten die Zeitung verteidigen, halte ich für verschrobenes Machotum alter Männer, denen es nicht um edle Ausdrucke geht, sondern um Ego. Sprache schafft Realität, egal wo. Schadet, verzaubert, verklingt. Dennoch sind der Zettel auf dem Kopfkissen, die verstaubte Konzertkarte, das Konfetti im Haar und all die anderen Momente, in denen ein Fetzen Gemeinschaft dir unerwartet in die Hände fällt, die besten Gründe, dem Papier ein langes Leben zu wünschen. Nichts überrascht uns heute so sehr.


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Die Neon hat für ihren Jubliäumsausgabe zum 10. Geburtstag junge Menschen portraitiert zum Gedanken: "Die Alten regieren: im Parlament, im Büro, im Talkshowstudio. Unser Land braucht einen Personalwechsel. Und zwar mit diesen zehn Köpfen."

Mit dabei sind unter anderem der grüne Netzpolitiker Malte Spitz, Karla Paul ("die neue Marcel Reich-Ranicki") und der Hacker Stephan Urbach. Die erste iPad-Ausgabe des Neon-Magazins könnt ihr kostenlos herunterladen. Alle Fotos von Till Janz und Hendrik Schneider gibt es hier

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7/13/2013


Der Beginn der #aufschrei-Debatte liegt ein halbes Jahr zurück, vorbei ist sie nicht. Das Hashtag und seine Rezeption zeigen, wie neue politische Öffentlichkeiten entstehen – und neue Macht. 


Die Frage, was nach #aufschrei kommen solle, zieht die Linie. Die Linie zwischen denjenigen, die aus Distanz beobachten, was Feminismus in der Gegenwart bewegt, ob er noch etwas bewegt. Aus einer Distanz, die klar gewählt ist oder die entsteht, weil erst die Empathie und dann die Offenheit fehlen, andere Perspektiven einzunehmen. Diejenigen stehen dort an einem Zaun und warten.
Auf der anderen Seite bewegt sich etwas. Menschen schreiten im Kreis, drei Schritte vor und einen halben zurück. Sie grübeln, streiten, schreiben, wischen sich eine Träne von der Wange, halten einander die Hände und lachen. Die Fragen, was #aufschrei war und was darauf folgt, sind auf den Seiten des Feminismus nachrangig; es ist klar, dass es weitergehen muss. #Aufschrei ist keine Bewegung gewesen, keine Kampagne, und sicher kein Aktionsplan. Die Tweets, die unter dem Hashtag gesammelt wurden und werden, das Erfahrungen von Sexismus und Gewalt markiert, sind Zeichen der Zeit, die aufflackerten und weiterhin Funken sprühen. Von #aufschrei allein kann nur wenig über aktuelle feministische Bewegungen abgeleitet werden, zum einen, weil es „den Feminismus“ nicht gibt, zum anderen, da er viele Aktive nicht mit einbezog oder repräsentierte, zum anderen aber Menschen neu politisierte, für sie Feminismus erst öffnete. So ist #aufschrei ein Angelpunkt in mitten der Vielfalt des Feminismus, von dem wir vor allem über die Transformation von medialen Diskursen lernen können, über die neue politische Öffentlichkeiten entstehen.

Neue Online-Debattenkultur
Den Beginn dieses miteinander Lernens formulierte auch die Jury des „Grimme Online Awards“, die allen, „die sich konstruktiv an #aufschrei beteiligt haben“ am 21. Juni 2013 den Preis verlieh. Das erste Mal in der Geschichte des Awards war ein Hashtag nominiert, das eine so große Gruppe von Menschen zu einem medialen Ereignis und zu einer gesellschaftlichen Debatte mitgestaltet hatten, dass die Auszeichnung von konkreten Preisträgerinnen hinfällig wurde. In der Laudatio hieß es:
„Dabei belegt #aufschrei eindrucksvoll, wie der Brückenschlag zwischen digitalem Resonanzraum und arrondierenden publizistischen Leistungen gelingen kann. Der Wunsch der Jury, die diese Nominierung intensiv diskutierte: Weitere gesellschaftlich virulente Themen sollen eine digitale Diskussionsheimat finden, gestützt von einer neuen, verzahnten On- und Offline-Debattenkultur.“
Die Grimme-Jury fasste damit ebenfalls, dass die Preisvergabe keinen Abschluss einer Debatte feststellen sollte, vielmehr erkannte er die Debattenführung als eine Praxis an, die Zukunft haben soll.

Um zu verstehen, dass #aufschrei eher ein mitten drin im Feminismus als einen neuen Feminismus kennzeichnete, muss man innerfeministische Diskursräume betreten. In den „Feministischen Studien“ lobte Ulla Wischermann #aufschrei als Erfolg, da den Aktivistinnen etwas gelang, „was herkömmlichem feministischen Protest seit Jahrzehnten nicht mehr gelingt: frauenpolitische Themen in Mainstream-Medien unterzubringen“. Hier habe eine feministische Intervention „politische Gelegenheitsstrukturen“ genutzt und aktiv mitgestaltet. Im gleichen Text stellt Wischermann jedoch auch die Problematik am „Medienfeminismus“ heraus: er komme „weitgehend ohne Bezug zur Frauen- und Geschlechterforschung“ aus und suche die Abgrenzung zum so genannten „alten Feminismus“, von dem sich neuer Feminismus abgrenzen müsse, um erfolgreich zu sein. Wischermann bezieht diese Beobachtung auf neue Protagonistinnen des Feminismus, die ein Narrativ suchen, dass sich von Vorgängerinnen absetzt und sich in die Logik von Mainstreammedien und Gleichstellungsrhetorik einpasst. Die Konstruktion von Medienfeminismus ist jedoch komplexer, da die Glättung feministischer Forderungen und die Stilisierung „neuer Gesichter“ des Feminismus mitunter erst über das Zusammenspiel mit großen Medien geschieht, obgleich jüngere Strömungen des Feminismus existieren, die radikal sind und auf theoretisches Fundament aufbauen. Wie „neuer Feminismus“ konstruiert wird belegt beispielhaft eine große Reportage des „SPIEGEL“, die knappe drei Woche vor Verleihung des Grimme-Online-Awards erschien.

“Neuer Feminismus” im Spiegel der Medien
„Hände hoch!“ das titelte das Magazin erschrocken, als auch in den Redaktionsräumen angekommen war – vier Monate nach Beginn der #aufschrei-Debatte – dass Feminismus nicht leise und heimlich von der Bildfläche verschwunden war, sondern sich über neue Formen des politischen Widerstands mit einer Wucht an die mediale Oberfläche gehackt hatte, so dass auch der SPIEGEL das Thema besetzen musste. Kaum eine große Zeitung hat in der ersten Jahreshälfte 2013 darauf verzichtet, die entblößten Brüste der transnational agierenden Gruppe „FEMEN“ abzubilden, die auch der SPIEGEL als Vertreterinnen eines „feministischen Frühlings“ proträtierte. Doch die entscheidende Vorbereitung, feministische Forderungen einem größeren Publikum zugänglich zu machen, haben in Online-Öffentlichkeiten und deren Umfeldern stattgefunden.

Wo Mainstream-Medien und andere prominente Plätze lange kein Ort gewesen sind, an dem Feminismus sichtbar und laut gelebt wurde, haben sich Frauen über digitale Bündnisse selbst Bühnen geschaffen, die klassischen Präsentationsflächen gewachsen sind und diese herausfordern. Die Mechanismen des öffentlichen Diskurses haben sich mit der digitalen Vernetzung von Menschen gewandelt: Geschichten und Impulse für Debatten benötigen keine Nachrichtenagenturen oder Massenmedien, um etwas in Bewegung zu setzen; über soziale Netzwerke und selbst organisierte Publikationen wie Blogs, kann die Quelle einer Story sichtbar sein, die Nachricht sich von dort aus entwickeln und Knotenpunkt einer vernetzten Erzählung bleiben. Forterzählung in klassischen Medien kann ihre Verbreitung entscheidend unterstützen, Journalistinnen werden jedoch nicht mehr benötigt, um eine Geschichte zu legitimieren. Der Druck auf Medien, ein Geschehnis ebenfalls aufzugreifen, kann heute binnen Minuten von denjenigen Bürgerinnen ausgeübt werden, die lange Zeit ein vornehmlich passives Publikum gewesen sind. So wurde über den Brief von sieben Frauen, die Bundespräsident Gauck nicht durchgehen lassen wollten, dass er #aufschrei als »Tugendfuror« bezeichnet hatte, kurz nach Erscheinen als Topmeldung auf Spiegel-Online veröffentlicht.

Geschichte(n) selbst schreiben
Diese neue Möglichkeit selbst zum Medium zu werden, das große Mengen von Menschen leichter erreicht als ein Flugblatt oder ein Fanzine, fällt in das Selbstverständnis von Feministinnen: Sie wollen selbst handeln – nicht be_handelt werden. Als Feministin soziale Netzwerke zu nutzen und Blogs zu schreiben, gehört damit nicht nur zur Agency und zum Werkzeugkasten. Die Publikation von feministischem Wissen, Ideen, Forderungen und die virtuelle Organisation hat das Potential feministische Bewegungen sichtbarer, größer und durchsetzungsfähiger zu machen. Auch die Dokumentation und die damit entstehende Transparenz über feministisches Denken und Handeln kann die Bewegungen nachhaltig stärken: Klischees und Vorurteile können widerlegt werden, Feminismus kann in seiner Vielfalt dargestellt werden, aber vor allem Zugänge für Menschen eröffnen, die sich informieren und dann beteiligen wollen. Insbesondere kann online-basiertes Mitwirken zuvor existierende Hürden senken oder auflösen: Landes- und Sprachgrenzen werden überwunden, Mobilität ist nicht erforderlich, anonymes Engagement ist möglich. Zwar sind die Partizipationsmöglichkeiten über das Netz noch lange nicht vollständig barrierefrei und produzieren Exklusion, dennoch haben sie bereits bewiesen, dass feministische Bewegungen dank des Internets nun auch Menschen erreichen, die in der analogen Welt nicht auf Zugänge und Verbündete gestoßen sind.

#Aufschrei ist dabei auf mehreren Ebenen als feministische Intervention wirksam geworden: Menschen, die sich nicht als Feministin bezeichnet haben, traten für feministische Ziele ein und haben mitunter eine Identifikation mit Feminismus gefunden. Menschen, die zuvor nicht politisch aktiv waren, haben über das niedrigschwellige Engagement bei Twitter erleben können, dass ihr Handeln wirksam wird. Menschen, die sich allein mit ihren Erlebnissen gefühlt haben, haben Verständnis und Solidarität erfahren und vielleicht ähnlich Denkende und Fühlende gefunden. Feministische Blogs, Tweets und Online-Aktionen können die Eintrittstür für neue feministisch Aktive sein. Eine Stufe des Ziels, Frauen oder feministisch denkende Menschen zu einem handelnden (politischen) Kollektiv zusammenzuführen, haben #aufschrei und andere feministische Online-Angebote realisiert. Feministische Netzwerke im Internet speisen sich also von zwei Seiten: Menschen, die über Social Media mit Feministinnen in Berührung kommen, und Feministinnen, die online nach Verbündeten suchen.

Accessoires des Frühlings
Digitale Medien haben die öffentliche Sphäre für junge Feministinnen geöffnet, die zuvor gegen Unsichtbarkeit gekämpft haben. Transnationale Bewegungen wie die „Slut Walks“ oder die #aufschrei-Debatte in Deutschland wurden nicht über Nacht ins Leben gerufen, ihre Kraft basierte auf den Vernetzungen und Vorarbeiten, die über Jahre hinweg virtuell und vor Ort gemeinsam geschaffen wurden. Die Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie nannte die gesteigerte Aufmerksamkeit für das organisierte Engagement einen „feministischen Frühling“, ein Bild, das zunächst an den Überraschungseffekt der arabischen Revolution anknüpft, doch die grundlegende Gemeinsamkeit mit der ägyptischen Bewegung aufweist, die in der Nacherzählung oft vernachlässigt wird: Der Frühling schlug seine Knospen und Blüten aus Wurzeln, die unter der Oberfläche massenmedialer Aufmerksamkeit gesund und getränkt waren – basierend auf langjähriger Vorarbeit. Die Formulierung der SPIEGEL-Autorinnen „Feminismus ist das Thema der Saison“ legte diese Medienmechanismen unbewusst noch deutlicher offen: Wie in der Mode die Aufmerksamkeit für Farben, Schnitte und Materialien dem Willen der Designerinnen und dem Zusammenspiel mit Kritikerinnen unterliegt, ist Feminismus lange Zeit abhängig gewesen von Ideen, die kompatibel mit Nachrichtenwerten und Publikumstauglichkeit waren, sowie dem Interesse von Journalistinnen Feminismus zu einem Thema zu machen.

Brüste und Titeltauglichkeit
Dass in der Spielzeit 2012/13 feministische Teams und Torchancen titeltauglich wurden, lag nicht zuletzt daran, dass sich die Bewegung einfacher über Bilder vermitteln lässt, als in der Analyse ihrer Forderungen: So macht auch der SPIEGEL-Artikel auf mit einem Bild von drei FEMEN-Akvistinnen, die mit freiem Oberkörper für Menschenrechte protestieren. Selbst der ehemals linksintellektuelle „der Freitag“ bildete zwei FEMEN-Mitglieder und ihre unbedeckten Brüste auf seiner Titelseite ab; er wählte sogar eine der Protestaktionen aus, für die FEMEN als rassistisch und bevormundend gegenüber muslimischen Frauen kritisiert worden waren. Auf dem Oberkörper der weißen Frau steht der Spruch: „Muslim let’s get naked“. In dem journalistischen Glücksmoment den schönen weiblichen Körper als Instrument politischer Arbeit auf die erste Seite setzen zu können, blieb keine Aufmerksamkeit mehr für den problematischen Inhalt. Das Saisonthema hatte somit an Fläche in klassischen Medien gewonnen, die tiefere inhaltliche Auseinandersetzung ist jedoch ausgeblieben. Die Sozialwissenschaftlerin Zara Pfeiffer sagte in der letzten Woche auf einer Veranstaltung der Evangelischen Akademie Tutzing: „#aufschrei hat einen utopischen Überschuss produziert. In den Mainstream-Medien ist er jedoch nicht angekommen, dafür aber in Blogs und sozialen Netzwerken.“

Die Beteiligung und das Interesse an den digital organisierten Feministinnen zeigt jedoch sehr deutlich, dass Feminismus nicht out ist – im Gegensatz zu dem Schicksal, was jedem Saisonaccessoire droht. Im Netz und darüber hinaus sind belastbare Strukturen gewachsen, hier organisieren sich insbesondere Mädchen und junge Frauen, die im Feminismus bislang keinen Platz gefunden haben und aus diesem Grund ihre eigenen Orte und Aktionsformen selbst schaffen. In der medialen Konstruktion von Wirklichkeit mag wahrgenommen worden sein, dass #aufschrei ein zeitlich begrenztes Phänomen gewesen ist, dessen Beteiligte von der Massenwirkung wieder in viele, lose und wenig mächtige Einzelakteurinnen zerfallen sind. Doch erkennt man die digitalen Sphäre als eigenständigen Kulturraum an, lässt sich Online-Aktivismus als viel mehr begreifen, als punktuelles Engagement und spielerischen Widerstand: Blogs und die Schwester-Aktivitäten aller Formen des Publizierens im Netz sind von Jugend- und Subkulturen zu ernstzunehmenden Gegenöffentlichkeiten gewachsen. Die Medienagenda rotiert, die neuen politischen Öffentlichkeiten hingegen entwickeln gerade erst Dynamik und testen Strategien, um mit Ideen in den Mainstream zu stoßen und sie dort zu verankern.

Der SPIEGEL-Artikel – der aktuelle feministische Bewegungen staunend beschrieb und ratlos zurückblieb – ist beispielhaft für die Transformation des medialen, öffentlichen und politischen Diskurses, in denen sich langsam die Machtverhältnisse ändern und neue Akteurinnen Einfluss nehmen können und gehört werden. Forderten 2006 noch 15 prominente Frauen in einem ZEIT-Dossier „Wir brauchen einen neuen Feminismus“ finden Zusammenschlüsse von Frauen, die gemeinsam Texte und politische Ziele formulieren, jetzt immer häufiger in digitalen Medien statt, selbst publiziert und mit der letzten inhaltlichen Kontrolle bei den Autorinnen selbst. Die „Neofeministinnen“, die im SPIEGEL zu Wort kommen, sind nicht etwa die „Enkelinnen Schwarzers“, die von der EMMA geprägt wurden oder dort Autorinnen sind, sie stammen nicht aus Parteien oder etablierten Organisationen, sie sind Frauen, die über online Publiziertes – Blogtexte, kurze Tweets, offene Briefe und Äußerungen in virtuellen Diskussionen – auf die Fläche getreten sind und Eindruck hinterlassen haben. Die neuen Publizistinnen benötigen für Einfluss keine Chefredaktion mehr und keinen Verlag. Sie erhalten ihre Legitimation vor allen Dingen von anderen Frauen, die das Netz zusammengebracht hat und zusammenschweißt. So lässt sich auch die Beobachtung entkräften, es handele sich nicht um Frauenbewegungen sondern um Bewegungen von einzelnen Frauen. Die Masse wird jedoch in der Leserinnenschaft im Netz schwerer fassbar, hier lassen sich keine Bilder abgreifen; nur wer geschult ist, kann Daten auswerten und darstellen.

Feministische Blogs als Culture Jamming
Das bekannteste feministische Blog in Deutschland heißt „Mädchenmannschaft“ und wurde 2007 von den Autorinnen des Buches „Wir Alphamädchen“ gestartet. Bereits 2009 war die Autorinnengemeinschaft für den Grimme-Online-Award nominiert – ein weiterer Hinweis, dass die digitale Vernetzung von Feminismus nicht aus dem Nichts kam. Das Gemeinschaftsblog hat sechs Jahre später bereits mehrere Generationenwechsel hinter sich. Das Interesse, auf der Plattform über queer-feministische Themen zu bloggen ist groß. Über das Blog haben sich zahlreiche Autorinnen und Aktivistinnen auch jenseits des Netzes etabliert, es hat neue Blogs angestoßen und Menschen miteinander an virtuellen und physischen Orten miteinander in Kontakt gebracht. Der Abschied von Autorinnen und das Hinzukommen neuer hat innerfeministische Konflikte sichtbar gemacht und die Bandbreite der Themen erhöht: als Blog mit intersektionellem Anspruch werden bei der Mädchenmannschaft heute vor allem queere Perspektiven und Kritik an „Mainstream-Feminismus“ diskutiert, insbesondere sind antirassistische Arbeit und Texte gegen „Fat Shaming“ als Perspektiven hinzugekommen, die in der Verschränkung von jüngerem Feminismus und Medienöffentlichkeit bislang kaum vorgekommen sind.

Dass Frauen jeglichen Alters nach Medienangeboten verlangen, die Menschen in ihrer Diversität widerspiegeln, ist durch die zahlreichen Möglichkeiten des “Self Publishing” im Web sichtbarer geworden. Online Publiziertes trägt erheblich dazu bei, eine Medienvielfalt für und von Frauen herzustellen. Susanne Klingner, Mitgründerin der Mädchenmannschaft, beschrieb das Entdecken amerikanischer feministischer Blogs wie feministing.com, das seit 2004 exisitiert, in einem Gespräch 2009 als „regelrechte Offenbarung“. Im englischsprachigen Raum ist in den vergangenen Jahren ausgehend von Blogs eine kritische weibliche Medienlandschaft gewachsen, die neben großen eigenständigen Angeboten Einfluss in Medienkonzernen gewonnen hat, wie zum Beispiel Jezebel.com, das zu Gawker Media gehört, oder das Ressort „The Sexes“ von Atlantic.com, das sich seit 2012 Genderthemen widmet. Tavi Gevinson, die zunächst als Modebloggerin bekannt wurde und im Alter von 15 das erfolgreiche Onlinemagazin „Rookie Mag“ gründete, hat mit dem Klischee aufgeräumt, dass Teenager sich nicht für Feminismus interessieren könnten und dieser nicht mit offenkundigen Jugendthemen wie Mode, Popkultur und Makeup zusammengeht. Tavi Gevinson macht mit ihrer inhaltlichen Ausrichtung deutlich, dass der Horizont junger Mädchen weit über materielle Wünsche und den Stereotyp des verwöhnten Görs hinausragt – und kontert die fehlende Ansprache junger Mädchen mit einem eigenen Magazin. Denn die Seite, die sie mit anderen jungen Autorinnen und erfahrenen Medienproduzentinnen wie Cindy Gallop schreibt, soll sich von Mainstream-Publikationen unterscheiden, die, wie Tavi findet, vor allem darauf ausgerichtet sind das typische Teenage-Girl zu definieren und sie zum Konsum zu animieren:
“It seems that entire industries are based on answering these very questions. Who is the typical teenage girl? What does she want? And, a lot of the time, How can we get her allowance?”,
schreibt sie im Editorial ihrer Seite. Weiter sagte sie in einem Interview: “Our content respects a kind of intelligence in the readers that right now a lot of writing about teenage girls doesn’t.” Bloggen ist also eine Kulturtechnik, die es Mädchen und jungen Frauen erlaubt gegen und in einer Kultur zu sprechen, die für sie oft kaum Platz bereit hält.

Julie Zeilinger gründete mit 16 „The F-Bomb“, eine Community deren Selbstbeschreibung lautet: „The FBomb.org is a blog/community created by and for teenage girls who care about their rights as women and want to be heard“, das Projekt wird mittlerweile jeden Monat von mehreren einhundertausend Menschen in der ganzen Welt gelesen. Die beiden international bekannten Jungverlegerinnen haben gemeinsam mit anderen Blogs und Autorinnen Feminismus in vielen Formen von einem inneren Bedürfnis zu einer tragbaren Haltung gemacht, nicht als Accessoire der Saison, sondern als täglich getragenes Shirt, das junge Frauen sich mit der gleichen Selbstverständlichkeit überziehen, wie sie miteinander über TV-Serien, Schulprobleme und Liebeskummer sprechen. In dem junge Menschen lernen, dass sie Feministinnen sein können und sich gleichzeitig für Popkultur interessieren können, gibt ihnen das die soziale Erlaubnis, sich für Gleichberechtigung einzusetzen. Humor, kreatives Schreiben, engagierte, provokante Tweets und Memes, die von Feministinnen im Netz genutzt werden, seien effektive Mittel dafür, dass junge Menschen sich mit der Ernsthaftigkeit von Ungleichheit auseinandersetzen könnten, folgern Courtney E. Martin und Vanessa Valenti. Internetkultur gibt ihnen die Werkzeuge an die Hand, in Gegenöffentlichkeiten aktiv zu werden.

In der deutschen Blogosphäre hat sich seit Beginn der Mädchenmannschaft viel getan. Susanne Klingner kann sich über aktuelle feministische Diskussionen nun auch aus einer Vielzahl von deutschsprachigen Blogs informieren, die Lektüre der verschiedenen Angebote ermöglicht das Eintauchen in unterschiedlichste Perspektiven von Alltagserfahrungen bis hin zu akademischen Sichtweisen; sogar Sueddeutsche.de betreibt ein eigenes Blog, das sich Geschlechterthemen widmet. Die feministische, unabhängie Popkultur-Zeitschrift „Missy Magazine“ kann sich seit Launch 2008 aus Verkäufen und Abonenntinnen finanzieren. Zu Missys Erfolg hat die Wiederbelebung einer breiten feministischen Diskussion über selbst produzierte Onlinemedien und die Verknüpfung von Magazin, Blogs und Veranstaltungen entscheidend beigetragen.

Das Hashtag als neue Erzählform
Viel wichtiger jedoch als eigene Publikationen ist der Echtzeit-Austausch von Feministinnen geworden, den Blogs und soziale Netzwerke ermöglichen. Denn Reaktionen auf oder das aktive Einbringen von Themen in digitalen Kanälen entwickeln über das Zusammenbringen von vielen Interessierten eine Einflussgröße, die Agenda-Setting ermöglicht. Dass Feminismus kein bißchen gestern ist, sondern die Unzufriedenheit über Ungleichheiten und Sexismus lange brodelte, zeigte jene intensive Debatte, die im Januar 2013 über Tweets mit dem Hashtag #aufschrei angestoßen wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte kein anderes gesellschaftspolitisches Thema, nicht einmal die Internetsperren, die das Medium selbst unmittelbar betrafen, Internetnutzerinnen derart mobilisieren können. Die Menschen, die über Twitter tausende Fälle zusammentrugen, in denen sie sexuell belästigt, missbraucht oder aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Identität diskriminiert worden waren, leisteten zudem etwas, dass Journalismus nicht leisten kann. Einzelne sexualisierte Übergriffe oder Beleidigungen sind nach zeitgenössischen journalistischen Kriterien nur dann berichtenswert, wenn Prominente involviert sind. Als strukturelles und massenhaftes Problem lässt sich die Alltagssituation von Frauen in Deutschland jedoch von Medien kaum aufarbeiten. Über Twitter jedoch wurden binnen von Stunden tausende von Quellen zusammengetragen, die damit eine neue Erzählform für gesellschaftliche Probleme schufen. #Aufschrei mobilisierte so viele Internetnutzerinnen, da die Hürden für die Beteiligung extrem niedrig lagen: eine Person, die schon einen Twitter-Account hatte, konnte direkt beginnen zu schreiben, der Dienst lässt sich anonym benutzen, einzelne Postings sind auf 140 Zeichen begrenzt und damit meist prägnant formuliert und einfach und schnell zu konsumieren. Das Hashtag #aufschrei verknüpfte die Geschichten mit Links und schuf damit eine unendliche Geschichte, deren Forterzählung live beobachtet werden konnte. #Aufschrei gelang, weil viele Personen daran mitwirken wollten, weil tausende bereit waren, ihre Erlebnisse zu schildern, weil sie wütend genug waren, sie endlich herauszulassen, weil sie in der Gemeinschaft der anderen Erzählerinnen das Gefühl hatten, das Teilen der persönlichen Geschichten könne zunächst Ventil sein, und dann Anstoß für Veränderung.

Für die Medienlogik jedoch musste die Onlinebewegung an Personen gebunden werden, um sie für ein Publikum, dass fernab von Twitter jeden Tag im Fernsehen Geschlechterstereotype reproduziert sieht oder sich über das Seite-3-Mädchen der BILD-Zeitung freut, nachvollziehbar zu machen. Seither gelten Anne Wizorek und Nicole von Horst als Initiatorinnen; Nicole von Horst, weil sie begann Erlebnisse im späten Abend in dichter Reihenfolge zu twittern, Anne Wizorek, weil sie das Hashtag für die Kurzberichte vorgeschlagen hatte. Über Akteurinnen, die über Mainstream-Medien eine breite Bekanntheit erlangen, und von ihnen als Verkörperung eines „neuen Feminismus“ vorgestellt werden, haben feministische Diskurse zunächst insgesamt profitiert. Junge Frauen bekamen die Gelegenheit selbst zu erklären, was gerade geschah und warum. Die Teilnehmerinnen sind die Expertinnen, die von anderen Nutzerinnen aber auch von Journalistinnen direkt befragt werden können – damit verlieren ehemalige Wortführerinnen wie Alice Schwarzer im Diskurs an Bedeutung. Es ist also der Feminismus im Netz gewesen, der das lang bestehende mediale Narrativ gehackt hat, dass es in Deutschland nur eine einzige feministische Stimme gebe.
 


Personalisierung und Unsichtbarmachung

Die Personalisierung durch Medien hat jedoch auch dazu geführt, die Vielfalt der Bewegung unsichtbar zu machen, die Masse der beteiligten Personen zu verdecken und die ausgewählten Feministinnen zu überlasten. Um feministische Ziele zu realisieren – sei es über politische Entscheidungen wie zum Beispiel die Einführung von Geschlechterquoten, gesellschaftlichen Wandel für ein Ende von Homophobie und Transphobie – müssen diese Ziele im Mainstream diskutiert werden und eine kritische Masse von Menschen überzeugen. Noch braucht es dafür klassische Medien mit hoher Reichweite, auch wenn soziale Netzwerke mit der Akzeptanz von Facebook sowie Suchmaschinen wie Google schon zu einem eigenständigen Massenmedium geworden ist, die für Inhalte aus Blogs und Onlinedebatten durchlässiger werden.

DER SPIEGEL hat für eine Bestandsaufnahme des „neuen Feminismus“ bekannte Vertreterinnen jüngerer Strömungen ausgewählt: Anna-Katharina Meßmer, eine Soziologin, die den offenen Brief an den Bundespräsidenten Joachim Gauck mitschrieb, nachdem er die Sexismus-Debatte als “Tugendfuror” bezeichnet hatte, Klara Martens und Zana Ramadani, Mitgründerinnen von FEMEN Deutschland, und die Mädchenmannschaft, die als Vertreterinnen von „Critical Whiteness“ beschrieben werden, ohne das Blog oder Namen von Autorinnen wie Nadine Lantzsch oder Magda Albrecht zu nennen. Eine objektive Annäherung an die Thematik ist das nicht, die politischen Strategien der Feministinnen werden schon über Auslassung klar gewertet. Die „EMMA“ wird nur erwähnt, weil sie über FEMEN berichtet hat. Eine eigene Rolle im aktuellen Feminismus wird Alice Schwarzer und ihren Redakteurinnen im SPIEGEL-Bericht nicht zugewiesen. Das Stück von Wiebke Hollersen und Jan Fleischhauer ist überdies lustlos recherchiert, denn die einzig konkrete Forderung von Feminist_innen, die sie für ihren Artikel belegen können, ist die Strafbarkeit von Freiern, die Frauen für Sex bezahlen, so wie FEMEN es fordern. Dass #aufschrei nicht nur Artikulation von Wut bedeutete, sondern eine enorm große Forderung nach einer Welt ohne sexualisierte Gewalt und Sexismus, fällt den Autorinnen nicht auf. Oder Ziele wie Gesetzesänderungen, die gleichgeschlechtlichen Paaren die Adoption ermöglichen und ihnen Zugang zu künstlicher Befruchtung ermöglichen, Geschlechterquoten, Equal Pay, Schwangerschaftsabbruch von einer lediglich straffreien Tat hinüberzuführen zu einer regulären Gesundheitsmaßnahme, die freie Erhältlichkeit der „Pille danach“.

Diese konkreten Vorhaben bestehen zum Teil schon so lange und werden so breit geteilt, dass sie in parlamentarischen Initiativen und Parteiprogrammen zu finden sind. Ein weiterer Beleg für die stete politische Arbeit von Feministinnen und zugleich Beweis für die Notwendigkeit, das Engagement aufrecht zu erhalten, denn in der Legislaturperiode seit 2009 hat sich in diesen Fragen nichts getan.

Kilian Trotier kommentierte den Gewinn des Grimme-Awards von #aufschrei in der ZEIT: „Es siegte nicht nur die Empörungsdebatte über sexuelle Belästigungen, (…) Es siegte die Form. Das Prinzip. Die totale Reduktion, die das perfekte Mittel zur Debattenentzündung und Debattenfokussierung ist.“ Diese Form war neu – und lieferte damit den Nachrichtenwert, der #aufschrei mit Medienverstärkung in Gang setzte. Diese Neuartigkeit und die Bilder, die Femen liefert, funktionieren in der Medienöffentlichkeit gut und zeigen gleichzeitig, warum die SPIEGEL-Autorinnen in ihrem Text zu keiner Schlussfolgerung kamen, was dieser „neue“ Feminismus eigentlich will. Viele der jungen Feministinnen vertreten sehr alte Forderungen – die nach wie vor ihre Realisierung in der modernen Gesellschaft suchen. Journalismus, der Feminismus heute verstehen will, muss also die Geschichte der Frauenbewegung sowie Geschlechterforschung miteinbeziehen. Die Frage, was nach #aufschrei kommt, muss zu einer Beschäftigung mit den Fragen werden, warum Feminismus heute noch als notwendig erachtet wird, und an welchen politischen Zielen Feministinnen aktuell arbeiten. #Aufschrei war – wie Ulla Wischermann schreibt – eine Gelegenheitsstruktur um lang bestehende Ideen von weiblicher Freiheit ein Stück weiter Wirklichkeit werden zu lassen.

Mystifizierung des Tomatenwurfs
Statt das zu tun kritisierte DER SPIEGEL ein Verharren der Aktivistinnen in der Selbsterkenntnis und rät süffisant: „Irgendwann hat jemand mal einen Stein in die Hand genommen – oder zumindest eine Tomate.“ Ein Schlusssatz, der jegliche Ernsthaftigkeit der vorausgegangenen Zeilen wieder zurücknimmt und Engagement und Ziele de facto delegitimiert. Denn anders als der Tomatenwurf durch Sigrid Rüger 1968 zur damaligen Zeit für Aufsehen sorgte, würde eine Tomate dies heute nicht mehr bewirken können. Schon die nackten Brüste von FEMEN schocken nicht mehr, sie sind für feministische Anliegen sogar kontraproduktiv. Darüber hinaus sprach Sigrid Rüger sich später entschieden gegen die „Mystifizierung des Tomatenwurfs“ aus und legte dar, was auch für #aufschrei zutrifft: die Entrüstung und der Anstoß für gesellschaftliche Bewußtseinswerdung und Wandel schwelten schon länger. Rüger sagte in einer Diskussionsveranstaltung 1988:
„Also mystifizieren ist nie gut und deshalb habe ich mich auch gegen die Mystifizierung des Tomatenwurfs und der Frauenbewegung in dieser Zeit gewandt. Ich möchte deshalb meine Ausführungen eher übertiteln: “Entstehung der neuen Frauenbewegung” oder etwas lockerer “Die neue Frauenbewegung war überfällig und die Tomaten waren überreif”. Ich möchte also darlegen, daß die neue Frauenbewegung, so wie auch die Studentenbewegung benennbare Ursachen hatte und nicht plötzlich entstand, sondern sich als Bewegung und Bewußtwerdung von Menschen entwickelte.“
Die Forderung des SPIEGEL nach einem neuen Tomatenwurf kann interpretiert werden als: Die Ursachen eurer Wut erkennen wir nicht an, die Argumente für einen Wandel wollen wir nicht hören, erheitert uns doch mit ein wenig Show, deren Bilder Klickzahlen und Einschaltquoten steigern.

Unabhängigkeit
Mädchen und Frauen gehen ins Internet, weil ihnen dort nicht Raum und Stimme gewährt werden müssen, sie können sich diesen Raum eigens erschaffen – endlosen Raum, in dem sie eigene Regeln für den Umgang miteinander festlegen und verhandeln können. Diese Schaffung von Unabhängigkeit, hat die italienische Philosophin Annarosa Buttarelli in dem Band „Macht und Politik sind nicht dasselbe” beschrieben:
„In der Tat ist weibliche Souveränität, wenn sie ausgeübt wird, schon für sich genommen Unabhängigkeit von der Irrealität, die die im Todeskampf liegenden Institutionen geschaffen haben. Sie gewährleistet die Rückkehr zur Realität und zur Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen.“
Sie spricht sich damit dafür aus, die Institutionen, die von Männern geschaffen wurden, hinter sich zu lassen. Genau so lassen Menschen, die sich ihre Publikationen eigens im Netz schaffen, die Institutionen hinter sich, an deren Erstellung sie nicht beteiligt waren, in denen sie keinen Platz finden.
Buttarelli schreibt weiterhin: “Wir können heute Souveräninnen werden, weil die Zeiten dafür gut sind, und nicht, weil es unser Recht wäre.“

Genau diese Chance bietet auch das Internet – um davon ausgehend Frauenbewegungen zu stärken. Machtverhältnisse können sich ändern. Laut und deutlich. Blogs und soziale Netzwerke sind Belege dafür, dass Frauen und Mädchen wollen, dass ihre Stimmen, ihre Anliegen gehört werden. Sie brauchen lediglich eine Plattform, um sichtbar zu werden. Das Netz bietet uns heute die Möglichkeiten, die gemeinsamen Kräfte strategisch freizusetzen, wie nie zuvor.

Doch was zählt heute als politischer Widerstand? Ich denke, wir sollten das technologie-gestützte soziale und politische Engagement ernst nehmen, da es eine neue Richtung von Aktivismus ist. Es schafft neue Gemeinschaften, in denen Menschen mitwirken können. Online-Engagement schafft erweiterte Möglichkeiten, sich als öffentliche Person zu positionieren. Virtuelle Räume funktionieren ähnlich wie Subkulturen: hier können junge Menschen politisches Engagement an ihrer Lebenswirklichkeit ausrichten. Die Neudefinition des Internets als ein Ort der Möglichkeiten, des sozialen Engagements und Aktivismus kann uns vor allem auf Mädchen und junge Frauen schauen lassen als aktiv Handelnde, kulturell Beteiligte und Bürgerinnen, in Abgrenzung zu passiven Konsumenten und marginalisierten Gruppen. Feministisches Bloggen ist daher kein Trend, der vorbei geht, sondern eine bedeutsame Praxis für die Gegenwart und Zukunft des Feminismus.

Online-Aktivismus ist die Bewusstseinsbildung (“Consciuosness raising”) des 21. Jahrhunderts. “Wenn Feminstinnen es schaffen, radikale, intentionale und transformative Beziehungen zwischen allen Beteiligten von feministischen Strömungen zu schaffen, wenn wir uns gegenseitig antreiben und ermutigen können auf kreativen, respektvolle und wechselseitige Art und Weisen, kann über die gemeinsame Macht und Agenda-Setting gesellschaftlicher und sozialer Wandel geschehen”, schreiben Courtney E. Martin und Vanessa Valenti in ihrem Paper #FemFuture: Online Revolution.

Genau das wird sicherlich nicht einfach. Denn es gibt nicht die eine feministische Bewegung. Es gibt viele intersektionelle Bewegungen, die voneinander viel lernen können. Daher müssen die neuen Beziehungen grenzüberschreitend sein: generationenübergreifend, kulturübergreifend, klassenübergreifend – über jede Hürde hinweg, die Feministinnen aktuell noch voneinander trennen. 

Online-Feminismus wird jedoch Infrastruktur und Initiativen brauchen, damit Beziehungen wachsen können und damit aus den Stimmen, die hier hörbar werden, Einfluss erwächst. Denn noch leidet der Online-Feminismus vor allem daran, dass er zu den größten Teilen auf ehrenamtlicher Arbeit und Zeit beruht, die Menschen neben Ausbildung, Beruf und Familien investieren. Nicht selten führt das zu Diskontinuität, Frustration und das, was heute als „Feminist Burnout“ bezeichnet wird. 

Der utopische Überschuss 
Der utopische Überschuss von #aufschrei hat zunächst das Schweigen gebrochen über bestehende Strukturen, die Sexismus und sexualisierte Gewalt nähren. Ein weiteres Mal, doch in einer neuen Dimension. Dieser so klein wirkende Schritt ist unglaublich wichtig, für die Dinge, die kommen werden. Denn die Fähigkeit und der Mut über Geschehnisse zu sprechen, ist Voraussetzung um zu heilen, um das Vertrauen in die Welt und in andere wieder zu fassen. #aufschrei ist ein Anstoß und allein deswegen schon bedeutsam und wertvoll. Aktivistinnen und Betroffene wissen, dass die »Heilung« von den gesellschaftlichen Strukturen, die eine kranke Welt hervorbringen, Zeit brauchen wird. Dass es viel wichtiger als ein politischer Maßnahmenkatalog ist, einander zuzuhören und miteinander zu sprechen.

Als Frau nehme ich eine Welt wahr, die gespalten ist: in die Welt, in der wir funktionieren und sprechen können, und in die andere, in der wir verletzt sein dürfen und das aussprechen, worüber wir in der anderen Welt schweigen. Ich hoffe, dass #aufschrei die Bühne dafür eröffnet, darüber sprechen zu können, was uns krank macht, was uns traumatisiert hat, was wir fühlen und was wir wirklich wollen. Dass wir stolz sind auf Lebensläufe mit Ecken und Kanten, mit Brüchen, auf unsere Persönlichkeiten, die nicht auf Unangreifbarkeit getrimmt sind.

Frauen, sollen weniger Führungsqualitäten haben sollen, weil sie Erfahrung in der Familie gesammelt und nicht in einem Konferenzraum? Wie tough ist eine Person, wenn sie eine Depression überlebt hat? Eine Magersucht? Eine Vergewaltigung? Wie tough, wie klug, wie qualifiziert ist jemand, der Sexismus witzig findet? Der Frauen nicht ernst nehmen kann? Der sich schon bei einer Männerquote von 85 Prozent benachteiligt sieht?

Ulrike Lembke brachte es für für die Blätter im März auf den Punkt:
“Sexualität ist etwas Höchstpersönliches, aber sie hat auch eine politische Dimension. Wer sie entpolitisiert (und entkontextualisiert), verhilft dem Herrenwitz zu Wirksamkeit. Dies könnte der entscheidende Mehrwert der aktuellen Sexismusdebatte sein: Dass aus den gesammelten persönlichen Erfahrungen gesellschaftliche Strukturen und Muster erkennbar werden und die Bereitschaft zu ihrer Veränderung wächst. Spannend wird es genau dann, wenn das Privat(isiert)e auch wieder politisch wird.”
Mich hat #aufschrei nicht enttäuscht zurückgelassen, ganz im Gegenteil. Eine Öffentlichkeit, die auf Stärke und Unnahbarkeit als Fassade setzt, wird letztlich schwächer sein. Denn es fühlt sich machtvoller an heilen zu können, gemeinsam mit anderen, als ein abschätziger Kommentar eines „Mächtigen“ über die Bewegung. Es ist privat bedeutsam und damit politisch, denn hier – in Tweets, in Blogs und weit darüber hinaus entsteht Gemeinschaft – und eine neue politische Öffentlichkeit, in der wir verletzlich sein dürfen und gleichzeitig stark.


Anmerkung: Ich bin Co-Autorin des Briefs an Bundespräsident Gauck im Kontext der Sexismusdebatte und kenne einige der im Text erwähnten Personen persönlich. Der Artikel verwendet durchgängig die weibliche Form und meint damit alle jeweils beteiligten Geschlechter. Ein Teil dieses Textes wurde als Vortrag bei der Münchner Frauenkonferenz »next_generation« am 10. Juli 2013 vorgetragen. Er wurde zunächst im FAZ-Blog "Deus ex Machina" veröffentlicht. Anbei finden sich die Slides der Präsentation.


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