Mein letzter Tag als 30-Jährige geht hinter der Kita in der Gartenstraße unter. Es war ein gutes Jahr, eins voller Überraschungen, Neuanfänge, Höhen und Tiefen. Eines, das inmitten vieler toller Frauen begann, und heute mit einer ganz kleinen Frau auf dem Schoß ausklingt. Vielleicht habe ich das Bedürfnis, das Jahr zu bilanzieren, weil ich ihm vorausgegriffen hatte. Im Februar habe ich für das ZeitMagazin einen Text über „Das Leben mit dreißig“ geschrieben, der im Juni dann erschien. Als ich ihn schreibe, blicke ich melancholisch und doch zufrieden auf die 29 Jahre zuvor zurück. Ich finde mich okay, ich finde den Ort, an dem ich mich mit Kopf und Herz befindet, okay.

Ich wäre gern bis 30 Mutter geworden, doch das schreibe ich nicht, das war mir zu persönlich und das ist der Punkt, an dem ich verletzlich bin. Stattdessen schreibe ich einen sachlichen Text über Diskriminierung und Kinderwünsche in die 30 kleinen Gedankenfetzen, die den großen Text ergaben. Als ich im März dann 30 werde, denke ich: „Jetzt kommt noch ganz viel, aber vermutlich niemals ein Kind.“ Vielleicht würde das okay sein, dachte ich. Als Feministin müsste ich doch anders glücklich werden können. Wozu eigentlich in all dieses Chaos noch ein Kind?

Der Text für da ZeitMagazin endet mit diesem Absatz:

30 – Risiko
 40 ist nicht "das neue 30". Wir können nicht erwachsen werden, wenn wir zugleich alles dafür tun, jung zu bleiben. Erwachsen werden bedeutet, Dinge loszulassen, anstatt eine Lebensphase, die man schon sehr gut kennt, immer wieder zu verlängern. Es bedeutet, dass man aufhört, mit der Vergangenheit zu hadern, und sich damit anfreundet, dass wir nicht planen können, was passiert.



Kurz vor meinem Geburtstag bin ich mit Eddie und Simonne zurück in eine eigene Wohnung gezogen. Zurück nach Mitte, unweit der Torstraße, der Kiez, in dem ich in elf Jahren Berlin immer Mal wieder zuhause war. Geplant habe ich eigentlich in Kreuzberg zu bleiben, die Immobilienlotterie beschert mir dann diese wunderschöne Wohnung in einem alten, unsanierten Haus. Von außen brüchig, aber idyllisch und in der Sonne leuchtend.




Fast wie ein kleiner Sonnenbalkon ist der Platz am Fenster der neuen Wohnung. Im April ist dann der Montag, an dem ich den ganzen Tag kein anderes Wort denken kann als „krass“. Es leuchtet in Neonfarben vor meinem inneren Auge. Ich bin schwanger. Kurz zuvor hatte ich meine Stelle in der SPD-Bundestagsfraktion gekündigt und in einem Startup unterschrieben. Dieses Kind hat Humor.


Den Kopf frei bekommen in Sardinien. Den Urlaub habe ich schon ein paar Wochen vorher gebucht, ohne dass ich wusste, dass ich nun diesen Zellhaufen durchschütteln werde. Eine Woche lang reite ich auf Shenook, der wie eine Bergziege die Hänge hinauf und herunter klettert, durch die Berge. Ich habe zehn Jahre lang nicht im Sattel gesessen, aber das Galoppieren macht immer noch am meisten Spaß.


Die Übelkeit beginnt erst in Deutschland. Und dann wird es auch hier endlich grün. Meine erste lange Radfahrt ist an einem Sonntagmorgen zum Besuch von Hillary Clinton. I want her voice. (Actually, I want to work for her.) Scrunchies trage ich auch immer zum Sport. 





Im Juni fange ich bei Edition F als Redaktionsleiterin an. Schon beim ersten Treffen mit Nora und Susann im Frühjahr war ich mir sicher, dabei sein zu wollen. Zurück im Journalismus, mit einem Team, das durch und durch für Online brennt.


Das Alt-Berlin muss schließen. You'll be missed.


Eine Freundin begleitet mich zum Ultraschall und wird selbstverständlich für meine Partnerin gehalten. Auch dafür mag ich die Hauptstadt. Im August beginnt der Nestbautrieb, von dem ich mir so sicher war, ich bekäme ihn nicht.




Im Oktober widmen sich die Medien dem Thema Social Freezing, alle finden es irgendwie schlimm, ich nicht. Auf meinen Kommentar für Edition F folgen zahlreiche Interviews und ein paar Talkshow-Einladungen, unter anderem geht es dafür nach Wien zur Sendung "Im Zentrum". Ich darf mit dem Babybauch so gerade noch fliegen. Auch wenn ich ihn auf dem Foto unten gut tarne.



Als Anne ihn dann wenig später fotografiert, lässt er sich allerdings nicht mehr verstecken.



Im November gehe ich in Mutterschutz. Mir ist langweilig. Es ist oft einsam. Simonne solidarisiert sich und ist mal wieder scheinschwanger.



Mitte Dezember beginnt das Leben im Bademantel. Wenn ich das Baby heute, drei Monate später, beim Schlafen anschaue, ist es noch immer irreal, nicht in Worte zu fassen, wie  das Herz platzt. Gleichzeitig fühlt sich der neue Alltag ganz normal an. „Was haben wir vorher eigentlich die ganze Zeit gemacht?“, fragt F. nachdem wir ein paar Tage wieder Zuhause sind.



Seit einem Jahr wohne ich wieder in der Nähe des Nordbahnhofes. Die Baustelle auf der Invalidenstraße, ihr unergründliches Chaos, der abermals aufgerissene Asphalt, ist ein treuer Begleiter. Ich habe sie lieb gewonnen, sie passt zum Jahr, zum Leben. Denn fertig ist es nie.



Und immer um den 13. März herum wird es Frühling. Besonders, wenn er auf einen Freitag fällt, ist er ein Glückstag.

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Zehn Wochen bin ich schon Mutter – und noch kein einziges Mal zum Bloggen gekommen, trotz sehr viel Zeit in der Wohnung, auf dem Sofa, und Nächten ohne Schlaf.

Meinen ersten Text mit Baby habe ich für EDITION F aufgeschrieben und erzähle dort von der Erschöpfung, dem Glück, der Langeweile und warum ich bald wieder arbeiten gehen werde.

Der Text ist bereits am Dienstag erschienen und ich bin ganz überwältigt von den vielen Kommentaren und dem Feedback. Ich hatte mit eher negativen Reaktionen und „Rabenmutter“-Kommentaren gerechnet. Das Gegenteil war der Fall. Viele Mütter (und auch ein paar Väter) beschreiben, ganz ähnlich gefühlt zu haben und finden den Text ehrlich und mutig.

Ich freue mich natürlich, wenn ihr Lust habt eure Erfahrungen zu teilen, die beschreiben, wie die Elternzeit wirklich war. Ob sie zu lang war, oder zu kurz, wie ihr sie euch geteilt habt, was ihr vermisst habt, und was ihr nach der Elternzeit vermisst. Gern als Kommentar unter dem EDITION-F-Text – und wenn ihr ganz viel Zeit habt freuen wir uns dort auch über ganze Artikel. 

Ganz wichtig dabei: keine Perspektive ist falsch.Wir wollen dort eine Vielzahl von Erfahrungen sammeln, damit Austausch entsteht und Stereotype aufgebrochen werden können.

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11/25/2014

foto: anne koch

– kurz notiert –

Rückblickend auf die letzten 37 Wochen kann ich sagen: Ich wünsche jeder Schwangeren und allen, die miteinander ein Kind bekommen, die Begleitung durch eine Hebamme, der sie vertrauen. Dass Frauen in Deutschland ein Recht auf sie haben, hat gute Gründe. Was verloren ginge, wenn nur noch Gynäkolog_innen Schwangere beraten und untersuchen würden, lässt sich mit den Maßstäben des Gesundheitssystems nicht messen. Deswegen hat die Bewahrung des Hebammenberufes vor allem frauenpolitische Implikationen – und aus diesem Grund wird mir auch jedes Mal schlecht, wenn die Unionspolitiker Jens Spahn oder Hermann Gröhe über das Thema sprechen. In keiner ihrer Äußerungen haben sie gezeigt, dass sie verstehen (wollen), um was es geht und mein Eindruck ist zunehmend, dass Patient_innen als eine eigene Klasse von Menschen betrachtet wird, die nur noch aus ökonomischer Sicht behandelt wird, aber nicht aus einer menschlichen.

Das Vertrauensverhältnis, was zwischen einer Schwangeren und einer Hebamme in der Zeit der Geburtsvorbereitung entstehen kann, ist von unschätzbarem Wert. Sie kann von Gesundheitsdaten, die gesammelt und ausgewertet werden, um werdenden Eltern in der Form medizinischer Wahrscheinlichkeiten Sicherheit zu suggerieren, nicht ersetzt werden. Denn: Schwangerschaft ist nicht an erster Stelle ein Fall für die Medizin, sondern für die Gesellschaft. Eine gute psycho-soziale Begleitung kann schon in der Schwangerschaft viel für die spätere Beziehung von Eltern und Kindern tun – oder schlicht für die Schwangere wichtig sein. Seelische Gesundheit ist in aller Munde – doch Krankenkassen bezahlen nur die Blutdruckmessung, jedoch keine Zeit fürs Zuhören.

(Krankenkassen bezahlen auch keine psychologische Begleitung während Kinderwunschbehandlungen, was aus meiner Sicht unbedingt zu einer Kassenleistung werden sollte.)

Keine Ärztin und kein Arzt kann sich eine Stunde für eine Vorsorgeuntersuchung nehmen, die wenigsten sind auf dem Handy oder per Mail persönlich zu erreichen, die wenigsten tun das, was eine wirkliche Beratung ist, sondern arbeiten eben ab, was die Krankenkassen bezahlen. Hier machen Hebammen den wichtigen Unterschied.

Damit bin ich auch schon beim Punkt Wahlfreiheit: Denn Kassenleistungen und Wahlfreiheit widersprechen sich. Dieser komische Begriff, der von der ehemaligen Familienministerin Kristina Schröder geprägt wurde hätte das Prädikat „Unwort des Jahrzehnts“ verdient. Denn was auch im Kontext der Hebammenversorgung und die Entscheidung darüber, wie eine Frau ihr Kind bekommen will, klar wird, ist: Eine Wahl kostet. Meistens kostet sie Geld – und schließt darüber Menschen davon aus, sich frei für etwas zu entscheiden.

Eine wirkliche Wahl zu haben fängt schon dabei an, welche Informationen erhältlich sind und welche Bilder Vorstellungen von Geburten festigen. Die typische Frage, die werdenden Eltern gestellt wird, ist: „In welches Krankenhaus geht ihr?“ Babys werden in Deutschland in Krankenhäusern geboren. Das ist mit Sicherheit das dominierende Bild, wenn man Menschen jeglichen Alters auf der Straße befragen würde.

Ein Kind im Krankenhaus zu gebären ist in der Tat auch die Variante, die am leichtesten zu planen ist – und die kostengünstigste. Dass ein Krankenhaus der Geburtsort sein soll, ist damit eine nahe liegende Wahl, oder schlicht die einzig mögliche.

Ich bin im Laufe meiner Schwangerschaft zu der Entscheidung gekommen, dass ich mein Baby gern „außerklinisch“ bekommen würde – so heißt dann der Fachbegriff. Nachdem wir ein Geburtshaus gefunden hatten, das freie Plätze hatte (auch das wird mit der zunehmenden Berufsaufgabe von Hebammen schwieriger), ergab sich mit den Wochen außerdem der Wunsch, das Kind Zuhause zu bekommen.

Aus dieser Entscheidung ergeben sich Mehrkosten für mich: Ich brauche ein paar Dinge, um die Wohnung vorzubereiten, der größte Kostenpunkt ist jedoch die Rufbereitschaft der Hebamme, die von der 38. Schwangerschaftswoche bis zwei Wochen nach dem errechneten Entbindungstermin jederzeit für die Schwangere zu erreichen ist, und zur Geburt kommen wird. Die Rufbereitschaftspauschale müssen alle bezahlen, die entweder eine Hausgeburt möchten, eine Geburt im Geburtshaus oder eine Beleggeburt, also eine mit der Hebamme ihrer Wahl. Die Rufbereitschaftspauschale entfällt bei Krankenhausgeburten, bei denen den Gebärenden die diensthabende Hebamme zugeteilt wird.

Die Rufbereitschaftspauschale meiner Hebamme beträgt 450 Euro. Sie ist keine gesetzliche Kassenleistung, einige Krankenkassen übernehmen jedoch freiwillig eine Beteiligung daran. Ich habe Glück bei einer solchen Kasse zu sein, die 250 Euro von diesem Betrag übernehmen wird. 

Ob diese Summe als starke Belastung empfunden wird, hängt an den jeweiligen ökonomischen Situationen der Schwangeren oder der Eltern. Sie ist in jedem Fall eine Zusatzbelastung, bei all den anderen Anschaffungen für ein Baby, die schon vor der Geburt bezahlt werden müssen. Die Rufbereitschaftspauschale kann damit aber auch ein Kostenpunkt sein, den Eltern sich nicht leisten können. Damit endet dann auch die „Wahlfreiheit“ beim Geburtsort spätestens hier aus ökonomischen Gründen, wenn sie nicht schon zuvor daran gescheitert ist, dass am eigenen Wohnort keine Hebammen mehr tätig sind, die Hausgeburten anbieten und es auch keine Geburtshäuser gibt. Auch diese Einschränkungen sind eine Frage des Geldes – jedoch auf Seiten der Hebammen.

Was mich an der persönlichen Kostenbeteiligung an der Hausgeburt besonders irritiert: Meine Geburt – wenn sie Zuhause stattfinden kann und keine Verlegung in ein Krankenhaus erforderlich sein wird – wird meine Krankenkasse weitaus weniger Geld kosten als die Geburt in einer Klinik. Für eine Hausgeburt kann eine Hebamme aktuell gegenüber der Kasse 694,58 Euro abrechnen, für die Hausbesuche an den Tagen danach jeweils 31,28 Euro, für die Erstuntersuchung des Babys 8,59 Euro.

Bei komplikationsfreien Hausgeburten sparen Krankenkassen eine nicht unwesentliche Summe Geld ein – und verlangen trotzdem eine Kostenbeteiligung an der Rufbereitschaftspauschale. 

Eine Gesundheitspolitik also, die in Kauf nimmt, dass Hebammen nach und nach die Geburtshilfe aufgeben müssen und zudem Gebärende für ihre Entscheidung, wie sie Kinder bekommen möchten, unterschiedlich zur Kasse bittet, schafft keine Freiheit bei der Wahl des Geburtsortes, sondern wird letztlich nur noch eine Möglichkeit zulassen. Entscheiden können Frauen und werdende Eltern dann nicht mehr, wo sie ihr Kind bekommen möchten. Ob diese Entwicklung unbedingt mehr Lust darauf macht, überhaupt Kinder zu bekommen?

Zu den guten politischen Rahmenbedingungen für Eltern und Kinder gehört eben auch eine erstklassige Geburtshilfe, die in mit einem solidarischen Gesundheitssystem allen die gleichen Optionen gibt. Eine außerklinische Geburt darf kein Luxus sein. Geburten mehr und mehr und schließlich ganz in Krankenhäusern zu verorten, ist gesellschaftlich und medizinisch ein Rückschritt.




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(Foto: Anne Koch)

gewachsen ist er von ganz alleine, und ich an ihm: mein bauch. in einer schwangerschaft lernt man am besten, ihm ganz zu vertrauen. auf das eigene gefühl und nicht auf die ratschläge, die von allen seiten auf dich einprasseln.

das ist das wichtigste, das ich in den letzten monaten gelernt habe. auch, dass es sich nicht lohnt stärker zu spielen, als man wirklich ist, den wert von hebammen, wie wichtig es ist, die regeln zu hinterfragen und wie ebenso wichtig es ist, nicht alles allein mit sich auszumachen. ich habe gelernt, dass schwangerschaft trotz des babys im bauch einsam sein kann, verdammt einsam sogar. eigentlich kenne ich keine frau, die sagt, das war die schönste zeit ihres lebens. eine sehr aufregende vielleicht, nervenaufreibende, spannende. aber sicher nicht rosig.

zehn dinge, die ich weitergeben möchte an andere, die gerade schwanger sind, freundin oder freund einer werdenden mutter sind, habe ich für edition f aufgeschrieben. ein longread der auf etwa acht monate zurückblickt und vielleicht mein einziges gastspiel als mommy-blogger sein wird.

etwa fünf wochen noch, bis ich mich vom bauch verabschiede und einen kleinen menschen willkommen heiße. dass ich mich auf das grundgefühl der rundung verlassen kann, weiß ich jetzt. egal wie groß oder klein er bleibt.


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Ein typisches Beispiel von Rudeljournalismus: Die Meldung, dass Apple und Facebook ihren Mitarbeiter_innen anbieten, die Kosten für das Einfrieren von Eizellen zu übernehmen, wird als kapitalistisches Eigeninteresse interpretiert und skandalisiert. Kaum ein Medium berichtet, was die Silicon-Valley-Unternehmen für familienfreundliche Dinge tun, zum Beispiel Kinderbetreuung bezahlen, Elternzeit auf Firmenkosten, Unterstützung bei Adoptionsgebühren. Um als Arbeitgeber attraktiv zu sein, übernehmen amerikanische Konzerne zahlreiche Leistungen, die das amerikanische Gesundheitssystem nicht deckt. Elternzeit auf Staatskosten gibt es in den USA nicht, der Mutterschutz ist ein Witz. Da ist einer der Gründe dafür, warum sich die Debatte nicht auf Deutschland übertragen lässt. Was daran gut sein kann, über Social Freezing zu diskutieren, hab ich differenziert für EDITION F aufgeschrieben.

Über das Thema hab ich dann noch mit Kulturzeit gesprochen und gestern in der Phoenix-Runde. Als Talkshow-Format kann ich die Sendung nur empfehlen: Unaufgeregt, konstruktiv und der Moderator Alexander Kähler sorgte für eine gute Diskussionskultur ohne Unterbrechungen. Was er außerdem erzählte: Die Redaktion fragt oft junge Frauen an als Gäste, die in der Mehrzahl absagen, weil sie sich solch eine Sendung nicht zutrauen. Das finde ich schade, denn die Angst ist unbegründet – und man lernt nur dazu, wenn man sich solchen Herausforderungen stellt. Ich hoffe also, ich sehe in Zukunft dort mehr von euch.

Ich hätte übrigens auch nicht gedacht, dass ich meine erste Fernsehtalkshow ausgerechnet zu eingefrorenen Eizellen machen würde. Und das, während ich selbst in der 33. Schwangerschaftswoche bin, keine Hose mehr passt, kein Blazer mehr zugeht und das Baby in meinem Bauch für kleine Erdbeben sorgt ;)

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10/13/2014

Selfie mit Akt von Olivier Christinat.

Der Text ist in einer gekürzten Fassung unter dem Titel „Das nackte Selbst“ in DIE ZEIT 2014/42 erschienen.

Die Art und Weise, wie Menschen ihr leben miteinander teilen – freiwillig, zufällig und erzwungen – hat sich mit der Kommunikation in der digitalen Welt grundlegend gewandelt: Der Begriff Information-Overload zeichnet eine Welt, in der Menschen durch zu viele, zu schnelle Informationen letztendlich handlungsunfähig werden, Bundesminister Alexander Dobrindt sprach bei der Vorstellung der Digitalen Agenda von einem Daten-Tsunami, der gebändigt werden müsse, und auf der anderen Seite der zu schützenden Privatsphäre steht schließlich das Oversharing: das Phänomen, dass Menschen immer mehr über sich selbst öffentlich oder zumindest für Teilöffentlichkeiten über sich preisgeben – nicht nur mit Daten, in Worten, sondern vor allem auch in Bildern.

Die private Kommunikation unterscheidet sich hierbei wenig von Medien: Bilder sind wirkmächtiger als Text, sie wecken stärkere Gefühle bei den Konsumenten – seien es die ersten Fotos eines Royal-Babys oder die Ermordung einer ISIS-Geisel. Dass insbesondere Jugendliche in bildbasierten sozialen Netzwerken zuhause sind – in ihren eigenen YouTube-Sendungen, bei Instagram, Snapchat oder Slingshot – kann somit kaum als Kulturverlust unter Teenagern gelten, vielmehr bildet diese Tatsache die bestehende Medienkultur ab. Die Antwort darauf, warum schon 12-Jährige mit dem Sexting beginnen und sich gegenseitig Nacktbilder mit dem Handy schicken, müssen Erwachsene auch in der Welt suchen, die sie medial gestalten.

Während Eltern und Lehrer versuchen Schüler darüber aufzuklären, wie sehr ein verliebt versandtes Nacktbild sie verletzen kann, tun sie das gleiche und stolpern ebenfalls darüber, wie zum Beispiel der US-Politiker Anthony Weiner. Zudem haben Erwachsene auch das angezogene Selfie so fest in die Arme geschlossen, das es sogar aus der Politik kaum noch wegzudenken ist. Das WM-Selfie von Lukas Podolski und Angela Merkel war ein Lottogewinn für die Regierungskommunikation. Und kurz nach dem weltweit verbreiteten Oscar-Selfie mit Ellen DeGeneres und anderen Hollywood-Prominenten sah man plötzlich auch fröhliche Sozialdemokraten und Gewerkschaftler gemeinsam in eine Handykamera strahlen. Die Botschaft dieser Selbstporträts scheint immer die eine zu sein: Das sind meine Freunde und uns geht es prächtig.

Auf dem Oscar-Selfie ist zufälligerweise auch eine Frau, die Ende August erneut wegen selbstfotografierter Bilder in den Schlagzeilen war: Jennifer Lawrence. Ein Hacker hatte private Bilder von mehreren Hollywood-Schauspielerinnen digital erbeutet und veröffentlicht. Der Vorgang lief in Medien als „Nacktfoto-Skandal“, juristisch betrachtet handelte es sich um eine Persönlichkeitsrechtsverletzung. Nach deutschem Recht ist die Verletzung der Intimsphäre, zu der Nacktbilder zählen, immer unzulässig. Dennoch schloss sich an die Veröffentlichung dieser Fotos eine Debatte an, die vor allem bei den Opfern des Hackerangriffs nach einer Mitschuld suchte: Hatten sie ihre Fotos nicht ausreichend geschützt? Was ist eigentlich mit diesen Frauen los, dass sie immerzu Bilder von sich selbst machen müssen, dazu auch noch nackt?

Ich finde jedoch Fragen an die Täter wichtiger. Es geht bei der Verbreitung von Nacktbildern niemals um Sex und den Lustgewinn am schönen Körper. Kostenlos verfügbare Pornografie ist für jeden mit den schlichtesten Suchmaschinenkenntnissen binnen von Sekunden erhältlich. Die Frage muss eher sein, welche kulturelle Verrohung stattgefunden haben muss, damit Hacker, Ex-Partner und schon Jugendliche die starke Verletzung der Intimsphäre als etwas begreifen, das ihnen zusteht und das nur ein Spaß ist. Geleakte Selbstakte sind dabei vergleichsweise harmlos. Erst im Juli gingen Nacktbilder der bewusstlosen 16-jährigen Jada nach einer vermeintlichen Vergewaltigung im Freundeskreis viral über soziale Netzwerke. Jada hatte keinerlei Kontrolle darüber, ob diese Fotos von ihr überhaupt entstehen würden oder nicht. Zur Traumatisierung durch sexualisierte Gewalt kam der kollektive Hohn. Dass Frauen und Mädchen nun keine Nacktbilder mehr von sich machen, ist also keine Lösung, denn Aufnahmen können auch gegen ihren Willen oder heimlich entstehen.

Die Idee, erst gar nicht verletzbar zu werden, indem man sich nicht mehr fotografiert, vernachlässigt zudem einen wichtigen Aspekt von Selbstporträts: Die Macht über das eigene Bild. Die Geschichte des Nackt-Selfies beginnt schon weit vor dem Internet. Nachdem jahrhundertelang die künstlerische Dokumentation von Frauenkörpern in Männerhand lag, wagte Paula Modersohn-Becker 1906 einen radikalen Schritt, in dem sie ein Selbstgemälde von sich anfertigte. Nackt. Im vergangenen Jahr hat das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen dem weiblichen Selbstakt eine Ausstellung gewidmet. „Sie. Selbst. Nackt.“, hieß die Werkschau, bei der die Selbstbildnisse von Malerinnen, Fotografinnen und Videokünstlerinnen ausgestellt wurden. Darunter ist unter anderem ein 1933 entstandenes Foto der berühmten deutschen Fotografin Marianne Breslauer und die Videoarbeit „Cut Piece“ von Yoko Ono, in der sie sich die Kleidung vom Körper schneiden lässt.



In der Kunst ist das Selfie also zum einen ein feministischer Beitrag gewesen, damit Frauen selbst darüber Kontrolle erhielten, wie ihre Körper dargestellt wurden, zum anderen hat es die Blickwinkel auf diese Körper diversifiziert. Zu den gleichen Zwecken kann auch das Selfie in der Mainstreamkultur eingesetzt werden: Als Beitrag von Menschen, die sich in den Bildern der Medien nicht wiederfinden und damit Einfluss zurückgewinnen auf Fragen wie: Wie, und vor allem wie vielfältig werden Menschen in Medien dargestellt? Das Selfie als Narzissmus zu interpretieren ist daher eine einseitige Sicht. Zwar fasste die Bloggerin Olivia Muenter ihr Instagram-Verhalten unter der Überschrift zusammen: „Mein ganzes Leben ist eine Lüge“, dass Jugendliche Bildnetzwerke ausschließlich dafür nutzen, um eine perfekte Fassade abzubilden, stimmt so nicht. Als die Sängerin Beyoncé ihr neues Album veröffentlichte löste die Zeile „I woke up like this ... flawless“ bei Fans aus, sich direkt nach dem Aufstehen selbst zu fotografieren und diese Bilder zu teilen: Zerknautscht, zerzaust, ungeschminkt und: makellos.

Die traurige Seite dieser Selfies ist, dass schon Kinder und Jugendliche sich über den gesellschaftlichen Schönheitsdruck so bewusst sind, dass sie beginnen, sich zu wehren. Das Internet ist das erste Massenmedium, das junge Menschen dazu nutzen können, ihre eigenen Bilderwelten und damit eine alternative Orientierung zu schaffen – vor allem für Gleichaltrige. In ihren eigenen Communitys bekommen sie Bestätigung für ihr Aussehen, während Heidi Klum in der Primetime einem Mädchen sagen darf, dass sie fett sei.

Wenn Teenager soziale Netzwerke nutzen, zeigen sie dort ihre Hoffnungen, ihre Probleme, ihre Ideen – sie nutzen es als Weg, Teil des öffentlichen Lebens zu sein und ihren Platz in der Gesellschaft zu suchen. Selfies schaffen Selbstbewusstsein und Zugehörigkeit. Wer das kritisiert oder fordert „Hört auf, euch ständig zu fotografieren“, muss auch wissen, dass die extreme Selbstfotografie Einladung zu einem Tauschgeschäft ist: Welche Möglichkeiten, jenseits von Bildern gehört zu werden und mitzureden, bietet ihr an?

Wenn meine Tochter langsam erwachsen wird, würde ich ihr gern sagen können, dass das, was sie zu sagen hat, wichtiger ist und mehr Aufmerksamkeit bekommen wird, als ihr Aussehen. Würde ich diesen Satz heute an ein Mädchen formulieren, wäre es eine Lüge.

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Foto: Christian Werner

Mary Scherpe hat den Alptraum aufgeschrieben, den allein in Deutschland in jedem Jahr schätzungsweise 600.000 Frauen und Männer durchleben: Sie werden gestalkt. Manchmal über Jahre. In einigen Fällen nervt nur eine Flut von SMS, in anderen erzeugt die Nachstellung Angst und seelische Belastungen, die die Opfer nachhaltig beeinträchtigen.

In etwa 80 Prozent der Fälle sind die Betroffenen Frauen, die Täter sind in der großen Mehrheit Expartner. Auch Mary Scherpe verdächtigt einen Expartner, beweisen kann sie es bis heute nicht. Über 20.000 Fälle von Stalking wurden 2013 in Deutschland zur Anzeige gebracht, doch die Erfolgsaussichten, dass der Täter oder die Täterin verurteilt wird, sind sehr gering. Das haben sogar Union und SPD in ihrem Koaltionsvertrag anerkannt. Dort heißt es: „Beim Stalking stehen vielen Strafanzeigen auffällig wenige Verurteilungen gegenüber. Im Interesse der Opfer werden wir daher die tatbestandlichen Hürden für eine Verurteilung senken.“

Der Stalker von Mary Scherpe wählte zahlreiche Wege, Teil ihres Lebens zu sein: Er kommentierte ihr Blog, parodierte und beleidigte sie über Social-Media-Accounts, schrieb E-Mails in ihrem Namen, um ihr beruflich zu schaden und bestellte Dinge für sie im Netz. Bei ihr Zuhause kamen alle möglichen Dinge an: Broschüren über Brustvergrößerungen, Babynahrung, Dachziegel.

Das Stalking hat sie zunächst online dokumentiert, nun ist ein Buch daraus entstanden.
Ich habe mir ihr für EDITION F ein Interview darüber geführt und gefragt, warum sie zögerte, sich zu wehren, an welchen Stellen sie scheiterte und was getan werden kann, um die Betroffenen besser zu schützen. Hier entlang ...

Heute startete zudem eine Petition zur Änderung des Stalking-Paragraphen bei change.org.

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9/01/2014

Was niedlich ist, klickt gut. Doch Journalismus braucht mehr als das. Quelle: Jonas Nilsson Lee


Die „Zukunft des Journalismus“ klingt aktuell nur noch nach einer ausgewaschenen Phrase – alle arbeiten irgendwie daran, jeder hat Ideen, die dann mal „Spiegel 3.0“, Paid Content oder Listicles heißen. Worum es jedoch zu wenig geht, sind Werte. Die Haltung einer Redaktion und eine Haltung, die eine Branche vereinen könnte. Dass es darum geht, nicht nur möglichst viele Leser wild klicken zu lassen, sondern zum Nachdenken anzuregen, zu bilden und das Publikum entlang journalistischer Inhalte eigene Meinungen formen zu lassen.

Medienethische Debatten vermisse ich schon lange. Die Kritik an Unterhaltungsformaten wie Heidi Klums „Germany’s Next Top Model“ sind dabei nur müde Abwehrreflexe, die immer dann wach werden, wenn die Erwachsenwelt nicht versteht, was eigentlich mit „dieser Jugend“ los ist. Warum kotzt und hungert sie, warum werden trotz Ego-Shootern nicht alle zu Mördern?
Um zu verstehen, was die einstige Zielgruppe der Bravo bewegt, die sich längst von traditionellen Medien verabschiedet hat und sich lieber in hunderten von WhatsApp-Nachrichten täglich und beeindruckend erfolgreichen YouTube-Kanälen selbst unterhält, wären auch Positionen zu Jugendmedien unabdingbar. Die Chefredaktionen, die sich als intellektuelle Elite des Landes verstehen, müssten sich auch in diese Diskussion einklinken und ihre Zielgruppen von morgen kennen lernen wollen. Wenn man sich die jüngsten Wechsel in den Chefsesseln der großen Magazine anschaut und die Innovationen großer Verlage für jüngere Zielgruppen, festigt sich jedoch der Eindruck, dass die großen Medien ihre Zukunft vor allem in gleichaltrigen Männern sehen.

Ein Anlass mehr, nach dem ich mir stärkere Positionen zu der Verantwortung von Medien gewünscht habe, gab mir diese Woche bunte.de. Das Portal zeigte ein Foto von der dreijährigen Tochter von Victoria und David Beckham, die der Fußballspieler auf seinem Arm trug. Die Überschrift des Artikels lautet „Ist ihre kleine Harper zu dick?”. Doch allein dieses Fatshaming eines Kleinkindes reichte der Redaktion nicht, sie ließ die Leser der Klatschseite außerdem darüber abstimmen, was sie über das Gewicht des Mädchens denken. Mit einem Namen bürgt kein Redaktionsmitglied für diese Entgleisung – der Beitrag stammt von der „Bunte.de-Redaktion“. Vielleicht hat sich die Person, die diesen Text schrieb und ins Netz stellte, doch ein wenig geschämt.


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