das erste vice-heft, das mir in die hände fiel, irritierte und begeisterte mich zugleich. einen vergleichbaren provokant, schnodderig geschriebenen sextipp mit wirklichem nutzen habe ich so nie wieder in der hand gehalten. wir alle kennen die vermeintlich dreckigen ratgeber aus dem frauenmagazinsortiment: sie bieten weder innovatives, im kern ist die rede von blümchensex und es geht um leistung, nicht um genuss.
in der besagten ausgabe des vice magazines schrieb gavin mcinnes für seine geschlechtsgenossen also den vice guide to eating pussy. und siehe da, diese anleitung scheint nicht aus der rosa-roten softporno-luft gegriffen worden zu sein, sondern klingt sorgsam recherchiert und erprobt. zwar ist er nicht das maß aller dinge, aber den rang einer fahrerlaubnis könnte der guide einnehmen; sprich: die eckpunkte des aktionsplans sollte mann so verinnerlicht haben wie die abseitsregel, wenn er anstrebt, sein frauenwissen in die vorsichtige nähe seiner fußballkenntnisse zu bringen, und sie zum orgasmus.
um dieses schriftstück soll es an dieser stelle aber eigentlich gar nicht gehen; vielmehr erklärt es, warum ich das magazin regelmäßig aufschlage, obwohl meine lektüre meist flüchtigem durchblättern gleicht: ein bißchen substanz ist da, ein bißchen schönes bleibt für immer. die neue ausgabe hält ebenfalls ein paar texte parat, die verwertbare zeilen und denkanstöße servieren. die aktuelle fashion issue glänzt nicht nur mit modestrecken und nackten brüsten, sie glänzt mit gedanken.

das berlin kapitel des global trend reports 2008 bemerkt aufmerksam "diese omnipräsenten karierten flanellhemden" und "dass die in sachen mode recht unbeständigen deutschen immer noch von dieser hautengen-jeans-marotte gelangweilt sind". dem stimme ich zu, denn neue hosen braucht das land, und high-waist war nicht die lösung.
am meisten verzückt hat mich allerdings der gastbeitrag von tracie egan, herausgeberin von jezebel, unter dem dach des themas "ich hasse mode". natürlich hasst tracie mode nicht ganz und gar, sondern nur die verstörenden eigenheiten der abgründe von haute couture. der magerwahn ist eine seite der mode, die tracie nicht schmeckt. meine these aus dem fitting room, heterosexuelle männer könnten nicht allein für das streben nach knochigkeit verantwortlich gemacht werden, sondern vor allem ein beständiger bitchwar unter frauen, ergänzt sie noch mit einer dritten, auslösenden gruppe: die schwulen charaktere der modebranche. ich möchte sie niemals missen, doch selten habe ich den gedanken ihrer mitschuld an der skelett-epedemie der laufstege so trefflich formuliert gehört wie bei tracie egan: stockdürre, tittenlose models mit knabenhaften figuren trabten allein aus dem grund auf den catwalks, "weil sie das ästhetische empfinden irgendeines schwulen mannes ansprechen, der für frauen keine andere verwendung hat, als sie als wandelnden kleiderständer zu benutzen".

man kann nun weiter fragen: aus welchen irrwegen ist der gedanke entsprungen, brüste und ärsche könnten mit dem kollektionswechsel in form und größe variiert werden wie das schnittmuster eines rocks oder eine handtasche? kommen weibliche körper mit austauschbaren accessoires? möchten wir mode tragen, für die wir unsere hüften zuerst weghungern müssen oder unsere brüste flach schnüren? macht es meinem freund spaß, allein am küchentisch zu speisen, während ich ein salatblatt erbreche? ich meine weiterhin, die dezimierung des frauenkörpers wurde nicht von den männern angeregt, für die wir heute glauben fasten zu müssen.

wenn erfahrungsberichte über anorektische phasen also präventiv wirken wollen, brauchen sie einen anderen fokus als die gesundheitlichen folgen zu dramatisieren. wer dem festen glauben verfallen ist, nur zerbrechlich dünn mit mann und erleuchtung belohnt zu werden, nimmt gesundheitsschäden billigend in kauf. wer die letzte kurve hingegen geopfert hat, weiß aber neben einsamkeit und erschöpfung zusätzlich zu berichten, dass die herren der schöpfung nicht wohlwollend klatschen, sondern sich abwenden, und dies nicht zu knapp. am ende des hungers warten weder das glück und die schönheit, noch die liebe. dort wartet lediglich die nächste stufe des alleinseins.



umso schöner ist es, wenn modemacher nicht nur kleider schneidern, die nicht für knaben sondern frauen konzipiert sind, und deren zielgruppenbeschreibung gleich mitliefert, dass abenteuer, romatik und die kraft zum schlagzeug spielen für die trägerin gewollt sind.

die mädchen, für die paola ivana ihr herzblut in finnisches design gießt, denkt die chefin von ivana helsinki sich so: "they are charismatic drummer girls and girl women. they are the ones who love moonlight fields, pirates, dark forests, crummy motels, fragile butterflies, unstable relationships, cowboys and guardian angels. after all, i’m sure they are just after a love of their lives, just waiting to see whether he will be a rock star, a motor biker, a gnome, a cosmonaut or a sailor."

und diese mädchen haben ärsche, auch wenn das nur zwischen den zeilen steht.



mehr bilder der herbst/winter-kollektion 'birdring' vom finnischen laben ivana helsinki finden sich an dieser stelle bei knicken.

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4/20/2008


der neue feminismus war auch in dieser woche wieder schwer in mode. nachdem nahezu alle medien des print, tv und hörfunks charlotte roches neues buch und bestseller 'feuchtgebiete' in den vergangenen wochen in aller ausführlichkeit gewürdigt haben, gilt für "wir alphamädchen" seit der erscheinung ähnliches. die autorinnen meredith, susanne und barbara, die mit der mädchenmannschaft auch online ihre gedanken zu einer gerechteren gesellschaft verbreiten, kommen nun ebenfalls vermehrt auf den besten sendeplätzen zu wort. erst letzten sonntag kommentierte titel, thesen, temperamente feministische bewegungen, am donnerstag sendete polylux zum bösen f-wort einen gelungenen beitrag, und das sz-magazin erschien freitag als komplettes frauenheft. natürlich wählte die redaktion ein pinkes cover, aber dies auch nur um einen scharfen appell gegen barbie-orientiertes design dagegenzusetzen.

das sz-magazin deckt mit diesem heft wie selbstverständlich ein breites themenspektrum ab, das andere frauenmagazine erblassen lassen sollte. andrea nahles im sagen sie jetzt nichts-interview und ein portraitversuch zu chelsea clinton stillen den politischen wissendurst. ein mann versucht sich an der zicken-thematik, wie immer gibt es ein bißchen stil und mode, und der text "hübsche zugaben" widmet sich den boy toy-asseccoires der hollywood starletts. somit erkennt das heft schmunzelnd an, dass auch leserinnen der süddeutschen-zeitung eine tägliche portion klatsch & tratsch nicht verschmähen.
der feministische text zur lage der gleichberechtigung in deutschland rundet das aufgebot der frauenthemen ab und bringt auf den punkt, was der fundamentale denkfehler vieler frauen und männer ist, die feminismus und emanzipation bereits am ziel sehen. "die frauen von morgen werden nicht die männer von gestern sein", schreibt susanne schneider und spricht mir damit aus dem herzen. denn viele frauen, die zielstrebig in die chefetagen marschiert sind, haben auf dem weg dorthin ihre weiblichkeit gegen den zierlichen abklatsch eines mannes eingetauscht, um dann zu behaupten alles sei möglich, wenn man nur wolle. festzustellen bleibt hingegen, dass das komplette paket frau nicht im geringsten in die machtstrukturen von großunternehmen passt, ohne chaos zu verursachen. auf dem weg nach oben lassen frauen noch immer kräftig federn, und kleiden sich neu. aus diesem grund ist zu hoffen, dass die berichterstattung über den neuen feminismus nicht nur ein vorübergehender trend ist. am ende des jahres finden wir hoffentlich mehr spuren junger, kluger frauen überall um uns herum - und nicht nur in bestsellerlisten und tv-archiven.

als schups in diese richtung sollten sich die frauenmagazine ein beispiel an der sz-magazin-ausgabe dieser woche nehmen. gespannt warte ich daher auch auf die erste ausgabe des missy magazine's, deren macherinner auch im untenstehenden polylux-beitrag zu wort kommen.


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das belgische projekt outlandish versteht sich als think tank für fotografische und visuelle kreativität. die unter- schiedlichen stile und arbeitsweisen der sieben fotografen, die outlandish sorgsam selektiert hat und derzeit auf den ersten schritten ihres karriereweges unterstützt, fügen sich unter dem dach einer vergleichbar empfindsamen annäherung an die poesie ihrer bilder zusammen.

sarah van marcke reist für ihre fotografien um die ganze welt um gebäudekunst und landschaften - für sie zeugen moderner utopie - in ihre perzeption der welt einzubetten. ihre werken vereinen architektur- und fashion-fotografie, in denen sowohl der menschliche körper als auch die grauen riesen ihre funktionalität und realität verloren zu haben scheinen. gegenseitig reflektieren sie ihr wirken und hinterfragen die darstellung ihres seins. fast unmerklich hinterlassen sarah van marckes kompositionen spuren von humor, romantik und farbigkeit und in einer welt aus tristem beton; sie fesseln und stimmen nachdenklich.

außer im web kann man sarah und outlandish ab mai auch vor ort im zentrum der europäischen richtlinienflut besuchen. im mai 2008 bezieht das kollektiv eigene räume bei recyclart in brüssel. felix baumsteiger, jüngstes mitglied der belgischen kollaboration, habe vor kurzem bei knicken vorgestellt.













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das verständnis von girl power, das in den 90er jahren an vorderster front von den spice girls propagiert wurde, fuhr die in dem begriff verborgene idee schon damals vor die wand. emanzipiert, clever und nachhaltig erfolgreich waren emma, victoria, geri, melanie und melanie nicht, von glücklich ganz zu schweigen. heute tourt die um jahre gealterte, um einige kinder und neurosen reichere und von posh zum plastic spice mutierte mütterband im rahmen einer post-birth-crisis die welt, um ein letztes mal zu heucheln, den begriff girl power für die geschichtsbücher besetzt zu haben.

mädchen mit macht leben nicht einer einer welt aus pinkem plüsch, in der es anorektika zum frühstück, botox am wochenende und playback auf der bühne gibt. jede neunjährige würde bei dem gedanken, später einmal so schandhafte brüste wie victoria beckham ihr eigen zu nennen und die aktuellen bühnenoutfits der tanztruppe tragen zu müssen, in bitterliche tränen ausbrechen. doch weibliche role models, die das auf scheckengeschwindigkeit ausgebremste tempo der emanzipationsbewegung auf einen weg bringen, der mädchen in politik, wirtschaft und gesellschaft auf augenhöhe des anderen geschlechts verankern soll, ohne dass sie feminismus als kampfansage gegen männer verstehen, kinder als bedrohung des glücks einstufen oder zu weiblichkeitsfeindlichen hardlinern werden, sind nicht einfach aufzuspüren; im musikgeschäft sind sie die nadeln des heuhafens.

die mädchen der aktuellen pop-biz-generation haben sich gleich dazu entschieden, keinen feldzug für die anerkennung ihres geschlechts zu führen: die welt ist rosa, wir sind pink und mein bester freund ist ein chihuahua. mediale präsenz und akzeptanz inszenieren wir durch kräftiges pudern unserer korrigierten nasen, wir wählen pubertätsalkoholismus statt abitur und ein sextape macht uns mündig.

für den erfolg bei der masse sind talent und charisma nachrangig. amy winehouse trat zwar zunächst mit einer stimme in den ring, an deren allmächtige präsenz kein chor aus allen derzeitigen girlbands herankäme, doch erst als schatten ihrer selbst wurde sie mit grammys überschüttet. die töne, die sie im aufwind ihrer karriere aus ihrem eingefallenen brustkorb presst und ihre schwindende gestalt stehen heute in keiner beziehung zu dem phänomen, dass vor einigen monaten in jedem ersten satz als souldiva tituliert wurde.

die aufmerksamkeit der presse die nicht an amys exzesse verschwendet wird, fallen auf frauen, die noch nicht einmal musikalisches oder schauspielerisches talent anzubieten haben. lindsay lohan, paris hilton, sienna miller, kate bosworth und nicole richie kamen nur zu reichtum und bekanntheit, da frauen, die nichts zu bieten haben außer vorübergehende essstörungen, blondes haar und designerkleidung, wunderbar in die ebenso inhaltsleeren modemagazine eingebunden werden können und als werbeträger für jegliches produkt geeignet sind, da sie selbst keine botschaft haben.

wunderbar sichtbar wird in diesem kontext auch, wie eindimensional politiker im namen des schutzes der weiblichen jugend agieren. fast könnte man es als einen fall von sexismus unter frauen bezeichnen, dass die oberen beamtinnen des bundes am meisten um unsere körper besorgt sind. damen aller fraktionen melden sich vehement bestürzt zu wort, sobald in mailand magere schönheiten über den laufsteg wandeln und das privatfernsehen diese nun auch castet; dass sie pro ana websites und die allgegenwärtigkeit koksenden sternchen in gossip-blogs nicht kennen, kann man den beamtinnen in berlin dabei nicht unterstellen. lassen wir sie lieber netzfremd bleiben, bevor sie auf die idee kommen dort jugendliche lebenswelt zu beschneiden.

die abbildung unterernährter körper und die selbstverständlichkeit über den drogenkonsum von künstlern zu berichten sollte den ministerinnen dennoch weniger sorgen bereiten. zu behaupten, die sucht zu hungern und der durst auf rausch würde hauptsächlich von medien und mode ausgelöst, ist so verkümmertes psychologisches wissen wie die zeitschrift emotion für ihre leserinnen bereithält. politikerinnen, die sich der frauen- und gleichstellungspolitik verpflichtet fühlen, sollten sich eher fragen, warum sie tag für tag an plakatwänden vorbeifahren, auf denen großkonzerne mit den seelenlosen körpern so heller geister wie paris hilton, gülcan karahanci oder heidi klum werben.
deutschland fürchtet die pisa-studie, möchte frauen in vorständen und ingeneurberufen, und sieht dabei zu, wie die prallen werbeetats eine welt kreiren, in der frauen nicht nur ein ergebnis von retusche sind, sondern rosa, süß und immer ohne hirn. ob charlotte roche entschieden hat, ihr buch feuchtbiete in einen pinken einband zu geben, oder das marketing des verlags, da ein feministisches buch trotz allem frauengerecht gefärbt sein muss?
der holtzbrinck-verlag kaufte kürzlich anteile einer webcommunity für frauen: die erdbeerlounge. nicht nur sieht die seite so ekelhaft verzuckert aus wie industriell hergestellte marmelade schmeckt, sie bietet folgende themen: mode & trends, beauty & wellness, liebe & leidenschaft und stars & entertainment.

welche frau soll davon satt werden? sollte es nun verwundern, wenn wir essen verweigern, wenn wir kotzen – vor lauter langeweile, vor lauter zuckerguß, der unseren verstand verkleistern soll?

hat die musikhungrige neunjährige, die vor den lebenden plastic girls erschrak, vor dem cd-regal im kaufhaus überhaupt eine wahl, wenn das sortiment dort monrose, mariah carey, jeanette biedermann und all ihre abziehbildchen anbietet? und selbst dem mädchen ein album außerhalb des rosanen coversprektrums zu schenken, wird unschön enden. amy winehouse ist mitnichten ein mädchen des zuckerpops, doch wenn wir uns daran erinnern, welche welten für fans zusammenbrechen, trennt sich ihre liebste boyband, ist es für ein harmonisches familienleben sicherlich ratsam, der kleinen schwester keine cd einer künstlerin zu schenken, deren drogentod man in einem halben jahr kindgerecht in worte fassen muss.
aber müssen wir ihr nur erklären, junge frauen machten keine musik?

das vereinigte königreich hat sich dieses problems angenommen ein entzückendes damen-duo hervorgezaubert, deren künstlerisches produkt jeden geschenketisch aufwertet: peggy sue and the pirates – womit wir zum musikalischen anlass dieses textes kommen. rosa rex' und katy klaws gemeinsamkeit war vor gründung von peggy sue and the pirates ihre sammelleidenschaft für regina spektor bootlegs, und vergleiche mit der schönheit der stimme der russin, mit feist oder cat power können ohne furcht vor schwächerem abschneiden herangezogen werden. bibabidi führt zudem einen vergleich mit den moldy peaches und billie holiday ins bild.



ihre klaren vorteile sind das auftreten im doppelpack, lediglich bestückt mit der gitarre "stud", das fehlen der divenhaften unnahbarkeit der eben besprochenen künstlerinnen und die aus ihren augen sprühende, mädchenhafte herzlichkeit, die sie mit ihrer tourpartnerin kate nash teilen. girl power – da von kraftlosen frauen besetzt - ist als attribut für katy und rosa die gänzlich unpassende wortwahl; so bleibt die unbenannte eigenschaft ein konstrukt aus hochverdichteter weiblichkeit, talent, charme und scharfsinnigkeit.

das aus brighton stammende zweigespann spielt seine akkustikgitarre zu klugen, methapernreichen lyrics, und der text zu superman erzählt nicht nur die leidensgeschichte des superhelden aus einer völlig neuen perspektive, sondern kann auch als wunderbare persiflage auf das wesen der klassischen girlbands interpretiert werden. katy und rosa müssen sich selbst im geblümten kleid keine gedanken machen über das recht, das clark kent stellvertretend für die plastikpuppen des pops fordert:

"all i really want is to have the right to wear my pants underneath my tights!"

peggy sue and the pirates - the new song



wer für die sommermonate keinen kurztrip auf die insel plant um sich in dessen rahmen mit einem live-gig von peggy sue and the pirates zu beschenken, kann ihre single "the new song" hier als stream anhören; einen shot of tuacca gibt es hier für euch dazu.


peggy sue and the pirates - a shot of tuacca



mehr für die ohren (spare parts!) und augen findet ihr auf myspace und bald auch auf der website. und sorgt euch nicht um die zukunft der smarten mädchen im pop, es gibt sie – bloß wer der presse nicht mehr bietet, als gute musik, muss auf berichterstattung verzichten. doch im gegenzug darf das layout der website aber auf pastellfarben verzichten und die hosen bleiben an!

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here's the plan:
we want to heal the world, to make it a better place
for you and your friends, all together.
might sound cheesy but, always remember:

who's there for you when you're cold and alone?
the teenagers, the teenagers.


allein fühle ich mich zwar nicht, denn endlich schließe ich in glasgow den mann in die arme, dem ich bislang am bittersten hinterhergeweint habe, doch was daniel und ich uns tatsächlich vom konzertbesuch der teenagers erhoffen, ist unsere zu eis erstarrten körper wieder auf eine temperatur zu bringen, die einen entspannten gesichtsausdruck erlaubt. auf dem kurzen fußweg von der buchanan street zur dunklen seitenstraße, in der das stereo das konzert des londoner pop-trios beherbergen wird, ist unsere ausgehstimmung zu einer innigen sehnsucht nach wärmflaschen und heißer schokolade umgeschwungen. die schottische jugend ist im gegensatz zu uns mimosen vom festland schon im sommer angekommen: bierfidele mädchen balancieren ihre strumpfhosenlosen, wohlgenährten körper auf den schmalen absätzen silberner sandaletten. für einen moment denke ich, ich sei auf der oranienburgerstraße.

die orangegebräunten exemplare der glasgow-kids sind im clubraum des stereo allerdings nicht wiederzuentdecken; hier hat jemand ein abziehbild des rio's installiert. nicht nur die steintreppen auf dem weg in den kellerraum und das licht erinnern an den club in der chaussestraße, auch das publikum unterscheidet sich optisch kaum von den berliner nu rave-nachtgestalten. das vor wenigen wochen eröffnete american apparel hat fleissig laméhaarbänder and die kundschaft gebracht; karos hier, leggins dort. so fashionable wie das publikum präsentiert sich dann auch die vorband fangs, die mit ihrer typisch rotzigen electro punk-attitüde zumindest zu soviel bewegung anregen, dass wir unsere mäntel nicht mehr brauchen.

so cool, nonchalant und schrill wie die mascarabekleisterten bandmitglieder von fangs betreten die londoner sweethearts von den teenagern die bühne nicht. vielleicht muss nicht nur ihr selbstbewusstsein ein wenig auftauen, denn schließlich saß quentin noch kurz vor beginn des gigs in seiner winterjacke im cafébereich des stereo. die schottischen frühlingstemperaturen hatten sich die jungs vermutlich auch anders vorgestellt.
dorian lächelt verlegen, quentin grinst und michael steht schon jetzt die anspannung ins gesicht geschrieben, die er später in hochkonzentrierte arbeit am bass umsetzen wird. da stehen sie, die drei: das kindchenschema des pop. aus vier meter entfernung bleibt von dem flegelhaften image, dass die frechen lyrics und der starke französische akzent der band kreirt haben, wenig übrig. man möchte sie vor ihrem auftritt kurz in den arm nehmen, übers haar streichen und einen mütterlichen ratschlag mit auf den weg vor die fans geben. auf welche weise auch immer dorian sein "i love fall out boy"-shirt ergattert hat, so unbedarft und unbeweglich wie er auf der bühne verharrt, verfehlt dieses statement seine ironische absicht; pete wentz wirkt gegen den verschreckten bassisten der franzosen nahezu wie eine testosteronbombe.



für quentin ist es nun relativ einfach, die rolle des frontmans auszufüllen und alle aufmerksamkeit auf seine tanzeinlagen zu richten. doch er wird den erwartungen gerecht: für die realen teenager bietet der sänger der band die projektionsfläche für die mädchenträume ihrer pubertierender seelen. dunkle knopfaugen, ein unablässig verschmitztes lächeln sowie ein körper, der zweifellos die skinny leg policy erfüllt, an der vince noir in der mighty boosh folge the chokes scheiterte, machen quentin zu deinem every-day-indie-frontman, der zweifellos im internen wettstreit immer die meisten herzen gewinnt. quentin delafons lausbubencharme gepaart mit der verletzlichen ausstrahlung von dorian und michael und dem altbekannten trick, mit extrastarken französischen akzent zu becircen, lässt die weiblichen fans der vorderenen reihen an eine erste liebe glauben, die mehr romatik bietet als die problemorientierten zusammentreffen von männlein und weiblein, die in homecoming, sunset beach oder love no geschildert werden.
doch auch für die andere hälfte des konzertpublikums halten the teenagers etwas auf der bühne bereit: rebecca und antonia. allein als eye candy sind die beiden nicht dabei, auch wenn die mädels durchaus dieses prädikat verdienen – an der gitarre und am schlagzeug tragen die zwei schon seit der us-tour dazu bei, dass the teenagers die qualität ihrer live-shows aufstocken können, waren erste konzertkritiken doch vornehmlich vernichtender natur.

vom niveau einer schülerband haben sich michael, dorian und quentin mittlerweile emanzipiert und sollten nach dieser uk-tour auf dem level einer indie-band angekommen sein, die ihre ersten musikalischen schritte ambitioniert im proberaum und nicht mit laptop unter dem weihnachtsbaum unternommen hat. das punktgenaue treffen jedes tons kann man jedoch getrost den gedrillten orchestern und chören britischer privatschulen überlassen -ein fehlerloses, hochprofessionelles zusammenspiel würde den bandnamen ad absurdum führen. ihr anliegen abseits von musikalischer genialität legen the teenagers in all ihren texten dar: es geht ihnen um unbeschwertheit, junge liebe und eine bessere welt.



und ein bisschen von all dem geben sie auch ans publikum zurück. zwar wirkt die band bereits überfordert, als quentin bei der ersten performance von 'homecoming' vier mädchen auf die bühne bittet, damit sie den weiblichen part singen, die jungs lassen es sich aber trotzdem nicht nehmen 'homecoming' bei der zugabe abermals zu spielen und die bühne für alle fans zu öffnen. für drei minuten kann man die band aus london weder hören noch sehen - seelig verlassen aber sowohl die schottischen, als auch die französischen teenager die bühne.

aber wo bleiben die küsse? skandalös dürfte man es fast nennen, den besten song des debutalbums zu unterschlagen. wer 'french kiss' hören will muss für diesen abend und für die nahe zukunft auf track neun von 'reality check' zurückgreifen, denn die neue single wird das eingangs zitierte 'feeling better'.

doch auch ohne die musikalischen küsse der franzosen hüpft das herz, uns ist wieder warm und die klamotten sind rauchfrei. was gibt es zu soviel glück & zufriedenheit noch hinzuzufügen? den wunderbaren metronomy remix von goldfrapps 'happiness'? das weltbeste interview mit den teens von hipsterrunoff? you bet.


goldfrapp - happiness (metronomy remix feat. the teenagers) (dl) (ysi)



danke an jenny aus glasgow für die fotos.

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