"Das Problem der Generation Praktikum ist weniger, dass sie eine falsche Welt vorfindet, sondern dass sie fordert, diese falsche Welt möge sie so schnell wie möglich aufnehmen."








A Lesson in Tailoring: Max Rogers by Weston Wells.

Art Director: Eric Coles @ Red Coles
Grooming: Nevio Ragazzini @ Oliver Piro
Tailor: Erin Hogen-Braker



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Im Zweifel für den Zweifel, das Zaudern und den Zorn,
im Zweifel fürs Zerreißen der eigenen Uniform.
Im Zweifel für den Zweifel und für die Pubertät,
im Zweifel gegen Zweisamkeit und Normativität.

Im Zweifel für den Zweifel, und gegen allen Zwang,
im Zweifel für den Teufel und den zügellosen Drang.


Einen zügellosen Standardschritt weit falle ich hinein in seinen Arm, aufgefangen von einem gelösten Zwinkern: „Ich möchte heute noch richtig Ärger bekommen“, sagt das ältere Semester an meiner Hand und dreht mich geschwind zurück in den melodischen Teil des Abends. Der Mann, mein Mann, kann mich in spielerischem, silbernen Geleit wähnen und belauscht das trunkene Treiben aus dem sicheren Sitz einer Holzbank. Tanzen ist die galantere Spielart der Gespräche, wenn eine Schar Männlein und Weiblein um den Torschluss herum gemeinsam die Martinsgans verzehrt. Höchst galant, in diesem Fall. Von einem Werber aus der Hauptstadt könnte ich nicht erwarten, dass er mich führen kann. Der Ältestenrat hingegen bringt mich sogar zum Lachen.

Es gibt an Abenden wie diesen Männer von zweierlei Wesenart: diejenigen, die ein Mädchen in Gedanken schon zwei Mal gefickt haben, wenn sie die Wegbegleitung zum Pudern der naturbelassenen Nase in die Hinterzimmer ist und in den biederen Reigen einwilligt - eine Nase lang. Die anderen Helden lassen die Gabel mit Hummer immer wieder vor ihrem Mund kreisen bis sie zuschnappt. Sie kann sich in seinen Blick fallen lassen weich wie in frisch geschorene Angorawolle, weil er nur ihrer Worte wegen an ihren Lippen klebt. Von der Taille, zurück auf die Lippen, vor in den Kopf prescht die Gunst. Ein Mindfuck ist ein samtig süßes Dessert, eine nikotinbenetzte Hand am Arsch das fahle Weizen.
Der seniore Tänzer an meinem Handgelenk ist selten, wohl erzogen und satt gesehen. Ein rares Stück. Die Meister der zweiten Machart werden irgendwann wie er. Mit ihm jetzt zu tanzen und später mit seinem Aspiranten den Heimweg zu teilen, ist eine vornehme Wahl.

credit: diego diaz

Bis dahin ist es ein grobschlächtiger Abend. Fleischige Rücken und lederumspannte Schenkel formen die Reminiszenz an die Geschichte des weiß gefliesten Gastraumes, in dessen Samstagabenddunkel eine beschwingte Trauerfeier für die Jugend der Zusammenkunft ihren Lauf nimmt. In der blutentleerten Metzgerei schwirren samtweiche Fliegen an den wohlgenährten Hälsen der Herren umher auf der Suche nach etwas Saft, der hier nur in den Karaffen ruht, nicht in der Schar. Verblasste Frauen zieren sich am Frackzipfel der feisten Fliegenträger. Ihre Kleiderwahl ist das Resultat von einem dicken, nicht selbst befüllten Konto. Die goldene Kreditkarte des Gatten hat eine nachlässige, da zügellos ergänzte Garderobe zur Folge. Shoppen bis zum Erbrechen im Namen der emotionalen Einsamkeit. Die gebräunten Begleitdamen scheinen so festgewebt in ihrer Rolle als alterndes Schmuckstück der Herren, dass die nervöse Stutenbissigkeit sie aus der Lage versetzt, mehr als schwarze Designerstücke schneidig miteinander zu kombinieren. Nichts mehr als die Schminke sitzt fest im Sattel. An diesem Abend sind die Lippenstifte der Kosmetikindustrie einen Wimpernschlag voraus: 72 Stunden Super Stay; zuhause prustet und schüttelt sich eine verschnupfte Pariser Bulldogge und reibt ihre Lefzen immer wieder an der Rauhfasertapete, die nun ein modernes, rot gestreiftes Muster aus Sabber schmückt. An einem Lebewesen musste der Lippenlack getestet werden. Tierisch, diese Zuneigung. Die endlosen Nächte des Konzepterlebens unter Einfluss agenturtypischer Substanzen, Tabletten für den Tennisarm und dem 5-Uhr-Champagner, haben den Eileitern der glossigen Ladies derartig den Kopf verdreht, dass die Farbe für das Plappermaul nun nicht mit einem blond gelockten Engel namens Mia, sondern mit dem treuen, kastrierten Leonidas geteilt werden muss. Der kleine Muskelprotz verlangt mehr Verhätschelung als ein Kind. Sein edler Stammbaum verbuchte die gleiche Summe in den Ersparnissen, wie die Dame zur Rechten der Hundemutter zum Wochenanfang wieder in der höhnende Petrischale versenken wird. Doch Jahre entfernt von der Einschulung des ersehnten Erstgeborenen macht die Zellteilung schlapp.

Der kläffende Köter konnte schon mit fünf Monaten seinen Namen tanzen.

So sammeln sich die Halterinnen der Pelztiere glucksend an der rechten Seite der Bar. Hundesitter sind in diesem Winter teuer geworden. Hundesichere Badschlösser, homöopathische Sedativa und in Folge der befremdlichen Anforderungen an den Viehdoktor nun in die in Weiterbildungsangebote für Supervision, um ihren praktizierenden Kollegen beizustehen. Die Pädiatrie wäre ein Zuckerschlecken gegenüber einer Kleintierpraxis, würden die müden Besitzerinnen der vierpfötigen Patienten nicht fünfzehn lange Jahre überlegen, ob rosiger Nachwuchs den Abschied von einer Jeansgröße 26 erträglich erscheinen lässt.
Gehetzt vom Quengeln eines hungrigen Fleischfressers misslingt an jenem grausamen Samstagabend aus diesem Grund die schnelle Garderobe aus zarten, schwarzen Einzelfetzen. Gedeckter Gardinenstoff drappiert entlang von Federn, Taft und geteertem Hermelin gesellt sich zu Lack-Stilettos, die wie der erschlaffende Hals noch ein paar kitschige Klunker auftragen. Je mehr Schmuck die Frau zur Steigerung ihres Wertes am Körper trägt, umso mehr würde sie vermutlich dafür geben, von etwas anderem geleckt zur werden als dem befriedigenden Gefühl, das sich einstellt, als sie das Seidepapier von den neuen Schuhen im Karton schlägt. Der Begriff Shoeporn ist keine reine Metapher.


An welchen Kaffeekränzen nur getuschelt wird, eine Designerrobe belebe eine Beziehung. Die Luft schmeckt klamm nach weingetränktem Atem, dem Lechzen nach Affären und schlüpfrigen Gedankengut, dass die wenigen Mädchen ausgelöst haben, die sich zu diesem Dinner gesellt haben. Unaufgeregt, weitaus bekleideter und blass stehen sie so an dem Graben, den das Alter durch den Raum schlägt. Mit den üppigen Kurven der Ehefrauen kann hier keine mithalten. Doch es sind auch nie vorrangig die kleinen festen Brüste, die erklären, warum die Jungs mit den ergrauten Schläfen einer halb so alten Frau verfallen. Wache Augen fallen auf die Waagschale. Noch sperren Lachfalten die gequälten Stirnschluchten der späteren Jahre hinter den Vorhang. Dass nun schon fünf Männer dem gleichen Mädchen ins Ohr geraunt haben, sie sei die schönste Frau des Abends, ist tatsächlich zum Lachen. Die Komplimente werden universell, peinlich, mutlos. Vielleicht sollten die Mädchen jetzt ihren Kopf leicht kippen und mit Rehaugen fragen: „Bist du der reichste Mann im Raum?“ Wir hatten schon bissiger geflirtet, bevor wir das Seufzen tief im Chablis ertränkten. Gemeinsames Speisen mit hervorragend situierten Männern lohnt sich nie für das zarte Rind und den Ring am Finger, sondern rein aufgrund der krotesken Anekdoten, die in das das eigene Geschichtenrepertoire fließen. Verlegen lächeln, getting laid, verlegt werden. Eine Reihenfolge so reich und schön.

Ariane und Esma haben diese Geschichten aufgeschrieben. Für Damen ziemt sich eine Verarbeitung im Schoß der Schreibmaschine, keine prahlende Plauderei bei Wodka und Koks. Selbst auf dem Papier wirkt es schlüpfrig. Detaillierte Einblicke in die Sexualeskapaden von Freundinnen berühren mich nicht. Wir werden ja schon nervös, wenn uns das gleiche Kleid gefällt. In der Fiktion lassen sich Liebhaber schöner teilen. Zu den Streifzügen und Begegnungen an Tagen und Nächten haben die Erzählerinnen viel Sex hinzuerfunden und drei Generationen Burschenschaft die Herzen zertreten. Unauffällig fügt sich eine bulimische Beichte zwischen die Seiten. Kotzen und Hungern gehört wohl zum Auskosten des Lebens dazu. Es ist kein Makel, denn dieser Suizid auf Raten gehört zu der intellektuellen Gattung der Süchte, und zu den ganz einsamen, die weit entfernt des Kontrollverlustes zuhause sind. Ariane gehört zu den viel zu Klugen, und schafft deswegen auch das, was biographisches Schreiben über den Suppenkasper in den wenigstens Fällen schafft: die Sucht nicht begehrlich erscheinen zu lassen. Über Essstörungen eigene Bücher zu schreiben und damit Kerners Quoten zu bumsen muss hingegen Frauen überlassen werden, die glauben, ihr Kampf mit dem Essen sei sowohl eine literarische als auch eine Lebensleistung. Fernseher und Boulevardbuch spucken zwischen TV-Tray und Remote Control.

Ich, blass, wäre gerade auch lieber in L.A..


Dem Nebentisch springen die Spuren des postadoleszenten Kotzens aus den geplatzten Kapillaren. Man plaudert über Kastration. Die Schwielen an meinen Fingerknöcheln nach unappetitlichen Begegnungen zu pflegen, habe ich mir abgewöhnt. Ich sinniere mit wenig Ernst über das Kinderkriegen. Liebe heilt schneller als Geld. Doch fürs letztere belügt man den Standesbeamten, während die inbrünstig getuschten Wimpern klimpernd flattern. Es war eine Donnerstagnacht im Oktober, in der mir jemand sagte, seine gute Freundin sei mir einst ähnlich gewesen. „Sie hat dann doch noch einen Springer-Manager kennengelernt und geheiratet. Der ist sogar nett. Mittlerweile haben sie vier Kinder.“ Ich versuche mir vorzustellen, mit jemandem zu schlafen, dessen Hauptaufgabe darin besteht, einen Anzug zu tragen. Ich stelle mir vor mit jemandem zu schlafen, der denkt, ich würde feucht, wenn ich seine Konten kännte. Ich stelle mir lieber vor, mit jemandem zu schlafen, der einen Bart trägt. Ich stelle mir vor, mit jemandem alt zu werden, der mich mit einer Zeile zu Tränen rühren kann. Ich frage mich, warum mein Abend daraus besteht, mich mit prätentiösen Männern zu unterhalten, deren Hemd über dem Bauchansatz spannt, obwohl die runde Vier noch in der Ferne weilt. Meine Hand zuckt mitleidsvoll um auszuholen und sie zu kraulen wie meine Zwergrussenkaninchen, die sich daraufhin stets entspannt im Heu ausstreckten. Doch schon in meiner Kindheit gab es nur ein Langohr, das mein Liebstes war. Die blaublütigen Rassekaninchen tragen Tätowierungen in beiden ihrer hübschen Lauscher. Mein Schöner hat eines, ich verzeichne 51 davon. Rassig und überzüchtet ist für dieses Zusammenspiel ein mildes Etikett.

Ich zwirbele meine volle Locke um den Zeigefinger und schmecke den Wein mit dem Wissen, dass er sich um meine Hüften schmiegt. In den Schwung einer Kurve, die in kleinen Wellen zittert, wenn sie einen liebevollen Schlag wegsteckt. Was sind das für Sorgen, wenn gegenüber von mir Männer sitzen, deren Leber zwickt, denen die Haare schwinden, die sich an Zigaretten klammern, die zwischen Schreibtisch und Reinigung pendeln? Die nicht kommen, wenn sie wissen, dass die Frau unter ihnen auf dem Laken mehr verdient. Die nur aus dem sicheren Versteck hinter getönten Gläsern ein Lächeln in den Augen aufblitzen lassen, wenn sie Kinder sehen, da ein Kinderwunsch nichts ist, dass Karrieren-Milestones markiert oder den Chef beeindruckt. Großkotzig Karriere zu machen bedeutet wohl, nicht aussprechen zu können, dass es anderes gibt, was zählt. Die Belohnung ist also die kahle Neubauwohnung in den kinderreichen Bezirken Berlins. Minimalistisch nennt er sie, da er weder die Zeit hat, sie im Hellen zu sehen und zu bestücken, noch eine Gemütlichkeit erträgt, die den Finger in eine kalte Wunde drücken würde. Vielleicht lockt er eines Tages eine dröge, blonde Katze an seine Seite. Sie ist die fahle körperliche Belohnung des monetären Erfolges. Diese fragilen Partnerschaften zwischen Mann und Frau und zwischen Double Income und No Kids aufrecht zu erhalten, ist die einzige Herausforderung, die nach dem Bonus lauert. Die wachen Frauen schlafen nur noch mit Künstlern, mit Tätowierten, und mit Männern die nicht in Bullet Points einer sauber gebundenen Präsentation denken. Keinem Springer-Manager, noch nicht einmal der Springer-Presse laufen sie in den Nächten vor die Flinten der Linsen, wenn sie die rosigen Wangen an Jungschauspieler schmiegen.

credit: diego diaz

Das behagliche Paarungsverhalten sieht der mit einer amerikanisch nichtssagenden Jobbezeichnung geläuterte Tiger auf den Zusammenkünften im Namen der Kunst, des Kinos und des Alters jeden zweiten Abend. Doch nicht der kribbelnde Rachen nach dem Gang zur Toilette und das Prickeln des Champagners auf der Spitze der Zunge sind die Suchtstoffe der Großstadtnächte, die den Bogen weit um sein Bett schlagen. Irgendwann lässt ihn nicht mehr los, wer dort mit wem erscheint, wer dort mit wem verschwindet und wen die Jugend oder das Geld verlässt. Wem vielleicht der Verstand zum Abschied zaghaft winkt. Die Einsamkeit der anderen ist ein warmes, weiches Pflaster. Das Glas der Gäste mit Ring an der Pfote zieht die Blicke am tiefsten in sich hinein.

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Der Glaube, dass ein Ring und ein neuer Steuerstatus das Glück bis auf den Grabstein spucken, hält sich wacker. Doch das störrische Schnauben eines vom Jetzt entfernten Staates und die bedachte Lockerung der Wertvorstellungen haben die Ehe zu einem trostlosen Ding degradiert, dass der Liebe den buckligen Rücken zukehrt. Eine lebenslange Liebe, ein Kind und ein zweites, Betrug so schmerzhaft wie das Brechen des sechsten Gebots, das alles funktioniert ohne den Segen von Staat und Kirche. Und auf der anderen Seite stehen Ehen, die den Namen nicht tragen dürfen, da Maria und Magdalena den Ring tauschen wollten. Ehen, die das Alleinernährermodell fördern, Ehen, die strenge Verträge regeln und die schnell geschlossen werden, bevor das Erbe am Lover vorbeigeht. Ehen, die den gleichen Bräutigam das fünfte Mal vor den Standesbeamten zerren. Wenn Geburtenzahlen und Eheschließungen zurückgehen, aber der Anteil von unehelich geborenen Kindern steigt, ist die Frage des Wertewandels des Schutzraumes Ehe für das Familienministerium vielleicht ähnlich prekär wie die Kinderarmut des Landes. Dass ausgerechnet bübische Minister, dressiert an der Kandare einer geistigen Menopause, ihr eigenes Gesellschaftsbild für einen kleinsten Kreis verwalten, zeugt von einer Elitenrekrutierung, die senil auf ihrem Krückstock kaut.

Die Ehe scheint wie ein Selbstzweck zur Eingliederung in den Zirkel der konservativen Gespielen, die sich mit einem weißen Kleid den Hauch von frommer Jungfräulichkeit suggerieren; sie mündet als Gelage am Buffet einer Hochzeit, an dessen Rande sich Schwiegereltern zuprosten und sich ein Stück weit sicherer auf der Seite des Genuss des eigenen Alterns fühlen; sie ist das Vollfüllen der Schwachsinnsidee, ein kaum erschwingliches Kleid zu tragen, dass die Fotos des kitschigsten Tags im Leben tunkt in biedere Uniformität. Die Ehe lockt zu Gunsten von Steuererleichterungen die Liebe einzutauschen gegen ein vertraglich geregeltes Lebensmodell, verwirft die intellektuelle Leistung den anderen zu lieben, weil man es will - nicht weil man sollte. Sie beschwert Herz und Vernunft wenn es Zeit ist zu gehen und täuscht vor, man hätte das eine Leben verspielt, wenn die Romanze vorbei ist.

Liebe, das ist vor allem wenn wir uns anschreien und die Argumente um die Ohren knallen. Ein grollender Streit belohnt mit einem Bad in hellem Schlagabtausch, viel mehr als ein bedächtiger Alltag. Ich werde niemals sagen: „Hätte ich dich doch nie geheiratet.“ Ich will ihn immer wissen als meinen besten Freund. Als den Mann, den ich liebe. Nicht als den, den ich versprochen habe zu lieben.

Ich sitze mittlerweile an einem Tisch mit ihm und den Herren, die sich gelangweilt die Fliege gegen den glattrasierten Kehlkopf schnellen lassen. Stocksteif getrocknetes Gel bildet die festen Bahnen der Leben im hohen Steuersatz. Die Gemahlinnen wurden an einem anderen Drehpunkt des Raumes, des Abends und des Lebens abgelegt.
Würden Sie jemandem den Chefsessel meiner Firma anvertrauen, der jemandem versprochen hat zu ehren für alle Zeit, doch nun sein Leben mit ihm aus Gründen teilt, die selbst nach Schütteln, und Schlagen und Puzzeln nur Worte ergeben, die von Vertrauen, Liebe und Verantwortung weit weit entfernt sind? Ob das Verletzen eines Menschen, dem man zumindest bisweilen sehr nah war, leichter von der Hand geht als der Treuebruch zu einem Vertrag, der sich in Geld aufwiegt? Freundschaft unter Männern, lallt es von links. Semantisch ist das grob ungenau.

Der schwarze Labrador, der sich sogar in der Samstagnacht zu Füßen einer der Fliegenträger an unserem Tisch legt, übersetzt in den Kronleuchterschein, wo hier die Wunden klaffen.





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Meine erste Hochzeit begab sich im Garten meiner Eltern. Eine Gardine aus der Karnevalskiste verschleierte die kleine Braut. Zwei Wochen später wurde ich eingeschult. Mein zweiter Eheschluss folgte mit 23 und war durchaus ernster, obgleich ohne Brautkleid, ohne Pfarrer, und ohne Gäste. Ein Klick und der Ring saß am Finger. Ich stellte meinen Beziehungsstatus in meinem StudiVZ-Profil auf verheiratet. Der Überfluss an Oxytocin in meinen Adern ließ mich glauben, dieses Mal sei es für immer. Aber noch mehr schwingt mit als ein impulsiver Glücksmoment, wenn junge Menschen in sozialen Netzwerken ihrer Beziehung virtuell Gewicht verleihen. Die Preisgabe im Internet, ob der Herr oder die Dame Single, in einer Beziehung, verheiratet oder geschieden sind, ist Selbstdefinition, dient der schmerzlosen Kommunikation und ist nicht zuletzt ein Status, sondern oftmals Statussymbol.

„Du hast geheiratet?“ Natürlich hatte ich das nicht. Auch die Umstellung des Status von vergeben auf Single muss im Netz nicht bedeuten, dass die Beziehung am Ende ist. Zu den schier unbegrenzten Möglichkeiten sich im Social Web ein eigenes Ich nach Maß zu stricken, tritt die Möglichkeit Beziehungen neu zu definieren und mit vertrauten Menschen zu kommunizieren.

Den roten Teppich für die Bekenntnis zum Liebeslebenswandel haben die sozialen Netzwerke selbst ausgerollt. Obgleich die von jungen Menschen genutzten Netzwerkangebote nicht explizit der Partnersuche dienen, sonder zunächst auf den Wunsch zurückgehen, sich in den schon existierenden Freundeskreis nun auch im Web einzureihen, enthält das Formular zur Selbstdarstellung stets die Möglichkeit, etwas über die sexuelle Orientierung und den Fortschritt auf dem Weg zum Hafen der Ehe anzugeben. Die Nutzer haben die Formularvorgabe schnell von dem spröden Charme der Steuererklärung und Auskunft über die Paarungsbereitschaft befreit und sich zu eigen gemacht. Die Angaben zu Beziehungen sind für statistische Erhebungen uninteressant, da sie im Netz in vielen Fällen eine andere Sprache sprechen. Das Vorhandensein eines Partners auf einer Profilseite mag nur Schutz vor ungewollten Anfragen sein. Bei Facebook heiraten die besten Freundinnen einander, als Ausdruck starker Freundschaft, aus Sorge um das leere Feld. Was wir im Netz über Zwischenmenschliches berichten und wie wir mit Partnern kommunizieren, eröffnet ein neues Feld für die Beziehungs- und Kommunikationsforschung.


Eine breit akzeptierte Umgangsform mit dem Beziehungsleben hat sich in sozialen Netzwerken noch nicht etabliert. Schon die Haltungen gegenüber der Eintrittsfrage: „Äußere ich mich dazu, ob und in welcher Art von Beziehung ich lebe?“, wird völlig unterschiedlich bewertet. Für wen eine intim gelebte Partnerschaft von hoher Wichtigkeit ist und diese sich im kleinen Kreis zweier Menschen bewegen soll, mag von vorneherein auf die Angabe verzichten. Nicht jedem Aspekt des eigenen Lebens muss Virtualität verliehen werden: „Meine Freunde wissen doch, dass ich einen Freund habe und kennen ihn. Wozu sollte ich das ins Netz stellen?“ Doch was für den einen die Diskretion des Glücks bedeutet, kann für den anderen verletzend sein. Ein Nicht-Bekenntnis zur besseren Hälfte im Netz kann als Nicht-Bekenntnis zur Beziehung im Alltag gewertet werden; eine Aufwertung des Beziehungsstandes von in a relationship zu married mag den anderen bedrängen; und was passiert eigentlich, wenn man sich ganz oder vorübergehend trennt? Ersetzt heutzutage die Löschung des Ex per Mausklick das über eine Trennung Hinwegkommen in Rekordzeit? – Das Web schwenkt seine soziale Fahne: Das Miteinander leicht gemacht. Bisweilen bedarf es kurz nach der Statusaktualisierung klärenden Worten im direkten Austausch. Die Kommunikation über und mit der Beziehung ist ein Tanz auf dem Glatteis – zumindest, wenn der Partner mitliest.

Das netzbasierte Beziehungsmanagement geschieht nun aber nicht nur in den vier Wänden der eigenen Profilseiten, sondern in den viele Ecken des Social Web. Es betrifft neben dem Partner nicht nur den besten Kumpel oder die große Schwester, sondern mehrere Dutzend Freunde, Bekannte, vergessene Schulkameraden und Kollegen. Doch ganz anders als die Selbstverständlichkeit, kompromittierende Partyfotos nicht im Netz zu teilen, sollten Zeilen zur Liebe oder zur Einsamkeit kein Tabu sein. Dass wir uns daran gewöhnen Erlebnisse, Gedanken und in Worte gefasste Gefühle nicht gezielt mit einer Person zu besprechen, sondern offen für den Kreis der Freunde im Netz zur Kommentierung freigeben, bedeutet keine generelle Verflachung von intensiven Freundschaften, sondern ergänzt diese mit Menschen, die einander digital besser kennen und verstehen lernen. Egal ob Freude oder Frust, ein Tippen des Gemütszustandes ins Netz ermöglicht ein kleine Abbitte, auch wenn ansonsten jeder schläft. Ein rührend geschrieben verliebter Gedanke mag seinen Weg ein Stück weiter ins Netz beschreiten, zu Tränen rühren, Ablehnung erfahren, flüchtig am Leser vorbeirauschen. Das in Tinte getränkte Tagebuch schweigt im Dunkeln auch Tage später.


Gehören Gefühle in die Weiten des Netzes? Sie tun es, denn auf digitalen Bahnen muss weitaus mehr statt finden, als Nachrichten- und Informationsfluss, um die Kanäle lebendig zu halten. Twitter fand seinen Weg in die öffentliche Wahrnehmung und Medien außerhalb des Internets, als der Journalismus begann den Wert des Microbloggingdienstes als Nachrichtenquelle und Recherchemöglichkeit zu entdecken. Doch ein Großteil der ins Web gesandten Kurztexte informieren nicht sachlich, sondern sehr persönlich. Zum Strom der Nachrichten und Meinungen gesellen sich Gefühle, Begegnungen und Dialog. So überrascht es nicht, dass die Umarmung des getickerten Lebens aus der Ecke der schreibenden Zunft vorangetrieben wird, die aus dem Verständnis ihrer Berufung heraus seit jeher mehr Emotion und Wortgewalt in Texte schossen, als die Journalisten: Schriftsteller.

Jeder Mensch ein Wortkünstler; jeder verliebte, jeder verlassene Mensch ein Autor, der seine Tweets mit Herzblut pflanzt. Nähert man sich einer Typologie der Akteure im Social Web, die es mit Liebesbekundungen, Kinderwünschen und den resignativen Seufzern der Langzeitsingles befüllen, fällt schnell auf, dass die Literarizität dieser meist kurzen Auswürfe begeistern kann. Für den Liebsten, für den Ex, werden die Tasten weichgeklopft. Aber mehr noch: der sprachliche Anspruch ergänzt die Erklärung des freigiebigen Erzählens um ein weiteres Element: Neben das Herzklopfen, das mit loser Zunge schreiben lässt, tritt die erzählerische Perspektive des Absenders, der seine Liebesgeschichte als Fortsetzungsroman in 140 Zeichen oder Blogeinträgen verfasst. Partner und Selbstbild flüchten sich in die dritte Person, sprechen lauter, sprechen freizügiger und treten auf unter Namen, die sie als Figur inszenieren, anonymisieren und austauschbar machen. Der Mann, der Begleiter, Frau X und der Ex. Die Wahrung der Identität hinter abstrakten Begriffen beruhigt das Gewissen des freigiebigen Autors und gewährleistet zudem die Unendlichkeit der Geschichte: die nächste Frau, wird wiederum „die Frau“ getauft.

Doch der Roman unseres Liebeslebens verwischt die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion noch weit reichender, als es die Darstellung des eigenen Ichs im Netz bisweilen tut. Das Biotop der Beziehung kann nach Belieben fernab des Tatsächlichen bespielt werden, ohne Herzen zu brechen. Dies aber ist vorrangig der Fall, wenn der Partner das Netzwerk der Wahl entweder gar nicht oder wenig intensiv nutzt, oder erst noch gefunden werden will. Direkt adressierte Liebesbekundungen sind selten und verlaufen zumeist über private Bahnen. Die Erklärung der Liebe geschieht vor den Augen der mitlesenden Netzbewohner oft indirekt. Das verklärt verliebte Grinsen, das ein frisch in den rosa Schleier getauchter Mensch nicht verstecken kann, wird ungehemmt ins Netz geschrieben. Eine Ausformulierung des Glückes zu zweit, als würde jede weitere Verewigung im Web die Partnerschaft schützen vor der Schnelllebigkeit der Liebe; jedes einsam notierte Zubettgehen der Partnerlosen die bessere Hälfte ein Stück näher rücken. Für manche mögen das Zeichen emotionaler Verwahrlosung sein, doch das Teilen der Gedanken im Netz kann ebenso die Aufarbeitung von Gefühlen als Äquivalent zum Gespräch mit Freunden in trauter Kneipenrunde leisten. Wo Menschen einander zuhören, kann kein Ort sozialer Kälte sein.

Dennoch, bei all der katalysierenden Wirkung, die ein in digitale Häppchen aufgefächertes Gefühlsleben sinnvoll erscheinen lässt, kann ein Blick auf das unterschiedliche Verständnis von sozialen Netzwerken und dem Maß des sich Mitteilens nicht schaden. Neben der Beziehung, die im Netz ihre Darstellung findet, pflegt ein Mitglied eines Netzwerkes mehr oder weniger enge Bindungen zu anderen Usern. Entscheidend ist hier das weniger – vielleicht. Der Begriff des ‚Oversharings’ – das Teilen von mehr persönlichen oder intimen Informationen als Adressaten als angebracht und angenehm empfinden – ist vielleicht derzeit eine der spannendsten Konfliktlinien innerhalb des Social Web. Für manche Nutzer sind das #beischlaftweets, laute Parteibekenntnisse vor einer Wahl oder suizidale Gedanken. Durch diese unterschiedlichen Präferenzen aber gruppieren sich Menschen im Web nicht nur entlang tatsächlich bestehender Bekanntschaften und Interessensgebieten, sondern auch entlang empathischer Fähigkeiten, Toleranz und Schmerzgrenzen.

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Wer dies alles unter Mädchenkram ablegt, irrt. Das Feld der großen Gefühle wird im Bereich der Statuts-Updates auch immer mehr von den männlichen Teilnehmern befüllt. Die Autorin Elisabeth Rank fragte noch im Rahmen der re:publica 2009 „Wieso bloggen so wenig Männer über ihre Gefühle?“ Es scheint für Männer leichter dies im stark begrenzten Rahmen der Status-Aktualisierungen zu tun. Es scheint nahezu verlockend. Auch wenn es im Bereich der Blogs und längeren Texte weniger evident ist, das Bekenntnis zu Gefühlen ist chic, das Veröffentlichen eines Beziehungsstatus dabei nur der erste Schritt. In sozialen Netzwerken stellt sich mehr und mehr für unterschiedliche Bereiche das Phänomen der sozialen Erwünschtheit ein, der nachgegeben wird. In den Wochen und Tagen vor der Bundestagswahl erschienen Status-Updates stark politisiert; das reichte von Kommentierung der Wahlprogramme über Aufforderungen Wählen zu gehen bis zum Offenlegen von Erst- und Zweitstimme. Für die Romantik des Alltags scheint sich Ähnliches einzustellen. Als gute Freundin oder treuer Ehemann erwähnt man die bessere Hälfte ab und an auch digital. Ebenso wichtig scheint dies für den letzten Schliff der Selbstdarstellung: eine glückliche Partnerschaft gehört zu einem erfüllten Leben dazu so wie ein gut bezahlter Job und das entsprechende Auto. Selbstgeschrieben erreicht die Liebes- und Lebensgeschichte den gewünschten Grad der Perfektion. Und in Zeiten, in denen Beziehungen loser geführt, Ehen später oder nie geschlossen werden und die Erstgebärenden 40 sind, beruhigt der elektronische Ring am Finger und das digitale Treuegelöbnis vorerst das Gemüt.

Heiratsanträge gestellt über Twitter, der erste Schritt zur Trennung über das Löschen des Liebsten aus der Friend-List, die Anbahnung einer Romanze über einen nobel geschriebenen Pinnwandeintrag – auf den ersten Blick scheint dies neu, fremd und ein wenig zu einfach, und dennoch voller Poesie. Es bleibt Geschmacksfrage, wem die Liebe gelten soll: Nur ihm oder ihr, oder einem Teil der Welt. Doch Liebe scheint mehr und mehr für alle da. Gefühle lauern im Netz an jeder Ecke. Sie umarmen elf Jungs auf dem Platz, gelten Politischem oder der Band auf der Bühne. Wer sagt schon, dass die ganz großen Gefühle immer die von der rosaroten Wolke sein müssen?



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