9/09/2011
Illustration: Mel Kadel

Für Dich


Wer heute ein Paar ist, erlebt nur seltene Momente der tatsächlichen Trennung. Nach dem Abschiedskuss am Morgen sorgen die Gadgets in den Taschen, das Blinken auf den blanken Displays und das rostige Klingeln des Telefons für zahllose Berührungspunkte fern der Haut, die Liebende untrennbar zusammenschweißen. Am Abend, am Ende einer Woche oder bei jeglichem Wiedersehen nach einer Zeit der physischen Distanz entfällt die Nacherzählung des belanglos Erlebten. Die Frage „Wie war dein Tag, Schatz?“ darf als Relikt des Gattensmalltalks angesehen werden, das aus einer Zeit stammt, bevor Menschen begannen ihren Alltag zu jeder Zeit miteinander zu teilen. Frustfetzen aus dem Büro, zuckersüße Welpenvideos und Tratsch aus dem Freundeskreis sind über den Tag hinweg in digitalen Nachrichten auf den Bildschirm des Partners gesickert. Gedanken, Gefühle und Gespräche mit anderen werden auf diesen Wegen für den Gefährten sichtbar. Und obgleich die elektronischen Informationsfragmente zu Missverständnissen und Eifersucht führen können, bieten sie aber vor allem eine Chance: den anderen besser zu verstehen.

Partnerschaften gewähren ihren Mitspielern heute größere Freiheit voneinander, ohne die Bindung aneinander zu schwächen. Das gemeinsame Leben ist immer seltener an die häusliche Zweisamkeit und den gleichen geographischen Standort als Lebensmittelpunkt gebunden. Eine Beziehung mit getrennten Wohnungen, als Wochenendehe oder über den Atlantik hinweg zu gestalten, erfährt eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz und verliert das Etikett, kompliziert oder zum Scheitern verurteilt zu sein. Das Zusammenleben als Paar ist schon heute virtuell – und kann dennoch intensiv erlebt werden. Denn über soziale Netzwerke teilen wir nicht nur Informationen, sondern einen Großteil unseres Lebens mit dem anderen. Die Werkzeuge der digitalen Welt verstärken diese Verbundenheit noch ein Stück weiter. Das Handy, das iPad, ein @-reply auf Twitter oder der Beziehungsstatus auf Facebook ersetzen für Paare in der digitalen Gesellschaft den Ehering: sie lassen uns niemals vergessen, dass wir vergeben sind. Diese zahlreichen neuen Bekenntnismöglichkeiten zu einer anderen Person können als neue Steigerungsphasen der Zuneigung betrachtet werden, die eine Beziehung stützen. Vielleicht erklären sie sogar den Bedeutungsverlust der traditionellen Ehe.

Liebe, so schreibt Hannelore Schlaffer in “Die intellektuelle Ehe”, sei ein Gefühl mit großer Tradition und geringer Zuverlässigkeit. So zerbricht das Verbrechen des pompös inszenierten Brauches immer öfter mit seiner tristen Auflösung in der Scheidung zweier ehemals Vertrauten. Die Größe des Festes schütz nicht davor. Denn nichts verrät heute weniger über die Liebe eines Paares, als das entromantisierte Bündnisritual, das in weitreichenster Öffentlichkeit zelebriert wird: eine Adelshochzeit – über Livestream gespeist auf Fernseher und Leinwände in der ganzen Welt. Ein Augenblick und ein Versprechen, die das engste Glück zweier Menschen auf Dauer verbinden sollen, verwischen unter den Blicken tausender Unbeteiligter und gehen unter in Server füllenden digitalen Kommentaren, die nichtige, nette und hämische Zeilen in die Waagschale dieser Ehe werfen.

Verglichen mit dem Lippenbekenntnis in dieser alten Öffentlichkeit - in der ein Trauerspiel als Märchenhochzeit verkauft wird, in der ein fremder Beamter den staatlichen Seegen ausspricht, in der ferne Verwandte die Hochzeitstorte herunterschlingen - scheinen ein liebestrunkener Tweet, der Beziehungsstatus in einem Online-Profil oder ein buchstabierter Kuss im kleinen Kreis der GooglePlus-Kontakte nahezu diskret verhüllt unter der Decke digitaler Freundschaften. Virtuelle Verbundenheit braucht keinen Paukenschlag. Das Leben und Lieben in der Öffentlichkeit des Internets ist definiert durch zarte Kontinuität und zahllose Spielarten des Ausdrucks. Liebesbriefe sind nicht mehr beschränkt auf Seidenpapier und Text; Telefonate erfahren durch Bewegtbild, das iPad im FaceTime-Modus auf dem Schoß, über das gemeinsame Stoßen des Rotweinglases an den Schirm eine neue Intimität. Emotionen in Momenten der räumlichen Trennung raumgreifender sprechen zu lassen, nährt das Fundament der vermeintlich mobilen, wackligen und unverbindlichen Beziehungen, denen die Betrachtung von außen nur eine geringe Lebenserwartung zuspricht.

Die gegenseitige Zuneigung jeden Tag auf ein Neues zu benennen und das Glück ins Netz zu schreiben, ist nicht weniger als der gemeinsam verfasste Liebesroman - in Tweets, in Blogs, in einem gemeinsamen GoogleDoc. Die virtuelle Welt strotzt vor Romantik! Die Selbstdarstellung im Web als Paar ist nicht weniger als das fortwährende Bekenntnis zum anderen, vor einer Schar von Trauzeugen. Die digital Verliebten nennen das - ohne altes Sakrament und starre Versprechen - die Echtzeitehe.


Dies ist die ungekürzte Version meiner Kolumne für die deutschsprachige Ausgabe der Wired, die seit gestern im Handel ist.

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1 Comments:
Anonymous Sammelmappe said...
Die Liebe trägt sich durch alle Medien. Schwieriger ist es, die Zeiten des Konflikts auf diese Weise zu bestehen.
Schreibt die, die dieses Leben seit mehr als zwei Jahrzehnten lebt.

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