Das Luxusproblem jeden Tag etwas zu verpassen, lastet auch auf dem Terminkalender des Onlinelebens. Immer neue Netzwerke verstreuen Geschichten, Gespräche und Freunde an andere Orte. Ist es an der Zeit für eine Entscheidung?


Menschen können nicht mehr als 3 Sozialnetzwerke parallel bearbeiten.
(#naturgesetz:
Heiko Hebig)


Unaufhörlich tropft der Regen auf mein Dachfenster und die Benachrichtigungen prasseln gegen das Bildschirmglas. 36 ungelesene Event-Einladungen zeigt die Sidebar meines Facebook-Accounts an, vermutlich sind Partys darunter. Doch niemand weiß, wer pünktlich ist, oder ob überhaupt jemand auf diesen Facebook-Partys erscheint. Keiner kann sagen, ob die Wutjugendlichen Gutes im Schilde führen, oder nur nebensächlich feiern möchten. Am Ende, eigentlich immer, steht man ganz allein an der Bar. Denn die coolen Jungs sind auf Modeblog-Partys, die Mädchen geben sich noch immer gemeinsam Schminktipps im Gruppenvideochat von Google+, und haben darüber die Zeit vergessen. Im Hangout ist auch beinahe mehr los als in den hippen Zirkeln der Hauptstadt. Im Minutentakt informiert mich das neue Google-Angebot nunmehr über Menschen, die mich in ihre Kreise aufgenommen haben. Von den 473 Personen im neuen Netzwerk kenne ich vielleicht ein Viertel; die Namen, die nun nachschwappen, sagen mir nichts.

In meinem Kalender puzzle ich Einladungen zu Modenschauen, Vernissagen, Buchvorstellungen hin und her; sie überschneiden sich mit netzpolitischen Abendveranstaltungen, Kerzenlichtpicknicks. Sogar die PR-Agenturen, die sicherlich ihre Excellisten mit größerer Sorgfalt führen, als ich die Flyer für beliebige Fashionshows beachte, scheinen den Überblick zu verlieren. Die "Save the Dates" kommen zwei Mal, drei Mal, eines der Einladungsschreiben zur Fashionweek informiert mich sogar unverhofft darüber, dass ein Hotelzimmer bereits für mich gebucht sei. Doch ich lebe schon seit fast acht Jahren in Berlin, ich reise nicht an. Doch als ich die E-Mail lösche, rinnt Wasser über einen Balken meiner Wohnungsdecke in Richtung des Eichenparketts. Vielleicht sollte ich mein Heim eine Nacht lang gegen ein Hauptstadthotelzimmer eintauschen. Ich würde zumindest die weiße gestärkte Bettwäsche, die ich so liebe, verpassen. Zudem billiges Shampoo, niedlich verpackt. Mein eigenes Bett in der gleichen Stadt, vermutlich sogar im gleichen Stadtteil, würde mich wohl kaum vermissen. In irgendeiner Ecke des fremden Raums lauert bestimmt ein Motiv, das geschnürt in ein digitales Polaroid eine Kurzgeschichte erzählen könnte. Wer der Party in diesem Hotelzimmer nicht beiwohnen kann, da er die Twitter-, die Facebook, die SMS- oder die mit einem feuchten Kuss auf die Wange gehauchte Einladung vergessen hat, kann über das kleine, quadratische Instagram-Foto – die Hand fest ans iPhone geklammert – sehen, was er verpasst hat. Er kann sich am grauen Morgen danach eigens dazu dichten, wie großartig es gewesen sein muss. Auf dem Boden klebt schließlich Konfetti.

Das Echtzeitnetz zerreißt Kopf und Herz nicht auf der Stelle, sondern in kleinen Fetzen Richtung Zukunft. Daten über uns verlieren sich in sozialen Netzwerken, kein Radiergummi holt sie jemals zurück. Dafür fällt uns ein Date nach dem anderen in den Schoß. Vornamen, Nachnamen, Pseudonyme stürmen aufmüpfig die Mailbox und bemühen das Erinnerungsvermögen mit ihnen ein Gesicht zu verknüpfen. Seit einigen Tagen dissoziieren unsere virtuellen Persönlichkeitsabbilder in eben dieses weiteres soziales Netzwerk: GooglePlus. Neue Menschen, neue Kontakte, neue Möglichkeiten, neue Ranglisten und vielleicht auch ein Stück Ratlosigkeit darüber, was das eigentlich soll und wem es nützt. Doch am Dabeisein führt kein Weg vorbei, man könnte schließlich etwas verpassen.

Dieses Gefühl, das die Gedanken in Städten, innerhalb von Landesgrenzen und über Kontinente hinweg immer an die Orte treibt, an denen die eigenen Füße gerade nicht den Boden beschreiten, hat sich durch die Ausfächerung unseres digitalen Lebens in verschiedene Netzwerke sicherlich verstärkt. Es ist eine tückische Prioritätenfrage, welche Netzpräsenzen man wann, wie oft, und mit welcher losen oder diffizilen Zielsetzung mit neuen Inhalten bestückt. Es bleibt eine andere Frage, ob man diese Orte als Bestandteile eines Gesamtkunstwerkes begreift, die am Ende in einem Strom und an deiner Stelle gebündelt werden müssen, damit keine Lücken klaffen in der digitalen Selbstdarstellung.

Auf welcher Hochzeit man auch immer tanzt und welchen Mann man von der Bettkante stößt um den anderen zu küssen, irgendetwas fehlt immer. Irgendwo ist das Gras sattgrüner und es gab womöglich Champagner und keinen süßlichen Sekt aus Plastikkelchen. Am Ende des Internets ist vielleicht keines der Bekanntschaftsnetze und Businessflechtwerke die alleinherrschende Plattform, die alle Sorgen und Freunde behende sortiert und das Leben leichter macht. Vielmehr formen sich allmählich und immer neue Stadtteile heraus, die tröstliche Kneipen und drakonische Schulen bieten; Viertel, in denen die Early-Adopting-Moms einkaufen und die intellektuellen Lustwandler verdreckte Straßenkunst aufsaugen, in denen man vor allem zufällig einander begegnet, da man den Lebensschwerpunkt der Bekannten und vergessenen Freunde in einem anderen Kiez vermutet hätte. Und wer in einer Ecke der Stadt der treue Nachbar ist und anderswo der wortkarge Schürzenjäger, kann auch an einem Fleck des Webs eine ganz andere Rolle wahren als auf der Plattform, die ein paar Klicks weiter ihre Wurzeln schlägt. Auf den Streifzügen durch neue, antike oder fein kuratierte Onlineorte begegnen wir uns nun auch nur noch zufällig und unerwartet, wenn wir nach Wochen einmal wieder vorbeisurfen.

Weder auf der Straße noch im Virtuellen gibt es die Realität, ein akkurates Abbild von ihr oder die letzte Wahrheit. Entscheidend ist für all die vielen Orte, dass es gelingt eine Geschichte zu erzählen, der jemand lauscht, die eine Zeit lang verweilt und vielleicht eine Fortsetzung findet. Denn ohne Geschichte oder die Möglichkeit eine solche zu werden, bleibt das meiste wertlos: seien es Produkte, Ereignisse, Politik, Charaktere oder Paare.

Ob das digitale Story Telling am besten aufgehoben ist in Blogs, die endlose Märchen und nimmer endende Kommentarschlaufen zulassen, in animierten, interaktiven Bildergeschichten für das iPad, in Tweetfortsetzungsnovellen, an denen unzählige Nutzer über Hashtag mitschreiben können, oder in Instagram, wo sich Fotoromane in einem Nutzerkonto versammeln und die Deutung der Bilder dem Zuschauer obliegt - all das entscheidet letztendlich das Geschickt des Geschichtenerzählers, der seine Gedanken so arrangiert, dass seine Rezipienten ihre Zeit in guten Händen wissen, und das Gefühl verblasst, in der Zeit des Zuhörens etwas anderes verpasst zu haben.

Da von Facebookpartys getwittert wird, im Google+ Hangout ein Teilnehmer von einer Buchvorstellung aus mit den anderen chattet, während der nächste virtuelle Gesprächspartner in der Badewanne planscht, und wir in Texten, Tönen und Bildern die verflogenen Nächte noch Tage später erleben können, ist die Angst davor, dass etwas an uns unbemerkt vorübergehen könnte, nahezu obsolet geworden.

Deswegen können wir Autoren nun am Schreibtisch sitzen, für den wir das Dunkel der Bar verfrüht verließen, um den Abend zu verpassen und eine Idee davon niederzuschreiben. Das Konfetti des Partyregens klebt verlässlich nur als Geschichte im blonden Haar meiner Netzbekanntschaft. Das Foto rufe ich auf und drucke es aus, wenn ich das bunte Treiben am Boden meiner Wohnung vermisse.


Der Text ist zunächst erschienen im meinem FAZ-Blog "Deus ex Machina". In der Vorwoche zudem "Vernetzen verboten" über die so genannten Facebook-Partys.

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Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre

"Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre galten in der Nachkriegszeit, mehr aber noch in den 1960er Jahren und in der Studentenbewegung als das ideale Paar. Sie blieben gleichberechtigt, unverheiratet und unzertrennlich von ihrer ersten Begegnung im Jahre 1928 bis zu Sartres Tod 1980. Ein Leben lang widmeten sie sich gemeinsam literarischen, philosophischen und politischen Aufgaben und trugen ihre Zusammengehörigkeit bis zum letzten Augenblick öffentlich zur Schau. [...]

Ihre politischen Ziele mochten wechseln, einer Obsession aber oblagen sie gemeinsam: zu zeigen, wie sehr sie ein Paar waren. Dabei wiesen sie alle institutionellen Sicherungen, die ihnen hätten zu Hilfe kommen können, verächtlich von sich. Nicht allein, dass sie nie heirateten: jeglichen Anklang an die bürgerliche Ehe vermieden sie. Der Stil ihres Zusammenlebens gehorchte einem gemeinsamen Entwurf, der ihrer beiden Charaktere entsprach, nicht gesellschaftlicher Erwartung. Nie hatten sie eine gemeinsame Wohnung, schon zu treffen bedurfte es also eines Entschlusses, lebenslang behielten sie das "Sie" als Anrede bei, und schon kurz nach der ersten Begegnung an der Hochschule verpflichteten sie, die ein "amour nécessaire" verband, sich auf eine "amour contigent", auf das Zugeständnis zu erotischen Beziehungen auch mit anderen Partnern; das heißt, sie verständigten sich von Anfang an auf eine verlässliche Liebe, die mit freier Liebe gepaart sein sollte, auf Treue, die den Seitensprung erlaubte, auf eine Liebe also, die auch die Liebe des Partners zu anderen liebte [...]

Die Ehelichkeit des Verhältnisses bestand in der Negation der Ehe. Sartres und Beauvoirs Zusammengehörigkeit äußerte sich in der Selbstdarstellung als Paar und in nichts sonst. In den vielen Stammcafés, wo jeder von ihnen einen eigenen Freundeskreis um sich scharte, statteten sie einander Stippvisiten ab und zelebrierten mit diesem Ritual ihre Freiheit voneinander und die Nähe zueinander, die solch kleine, aber auch große Trennungen überstand."


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