1/20/2012

Der Knochen knirscht unter der gespannten Haut als mein Augenblick scharf über die gegenüber ruhende Spiegelfläche des schweißnassen Schlüsselbeins streicht, in der dein Abglanz mir mitten ins Herz sieht. Der andere liegt dort, denkt nicht, streitet nicht und schläft den Schlaf des jetzt zu Verlassenden. Du, den ich an die Zimmerwand gelehnt zu sehen glaube – deine Reflexion im Nass – streichst Dir das Salzwasser von den Wangenknochen zurück in das graublonde Haar. Du bläst gegen deine Stirnlocke, die dem Luftstoß stoisch trotzt und nur kurz in Richtung der Decke wippt, von der sich deine Mundwinkel abgekehrt haben. Du warst der Verlassene. Jetzt bist du Spiegelbild auf der Haut eines Mannes in meinem Bett, der eine Lücke schließen sollte und noch nicht einmal einen Abdruck im Laken hinterlassen wird, geschweige denn irgendwo dort in mir.

Von Männern bin ich zu keiner Zeit satt geworden. Der unstillbare Appetit, einen von ihnen zu jeder Nacht bei mir zu haben um den Kreis des Paares zu schließen. Es ist der Hunger auf jemanden, der mehr ist als ein Mensch mit Bart. Er bettelt um mehr als jemanden, den du in den nackten Nacken beißen darfst. Bei Nacht sind viele Gespielen nie mehr als der regelmäßige Atemzug neben deinem Ohr: ein Grundrauschen, das beruhigt. Ein Geräusch, das nach ein paar Stunden gewaltig nervt. Bei Tag sind diese Männer ein jemand, der entzückt auf deinen hübschen Rücken schaut und darin die Zukunft sieht. Sie lesen die Worte nicht von deinen Lippen, sortieren deine Gedanken ein in ihr Weltbild, pudern es zurück auf deine Brust. Sie widersprechen nicht, aus einer Furcht, das Bequeme und Schöne damit in eine andere Form zu drängen. Und dann erzählen sie selbst Geschichten aus Hülsen, die verfliegen und so wenig an meinen Nerven schürfen, dass ich bisweilen schon geglaubt habe, diese Männer seien eine Halluzination. Viele Beziehungen, Affären, Begegnungen bleiben zurück in zarten Kratzern – nur geträumt. Sie heilen, sobald man einmal tief darüber schläft. Die bedingungslose Liebe aber ist kein fortwährender Applaus. Sich gegenseitig zu hypen, die Verliebtheit zu beschwören und der sexuellen Anziehung als Treueschwur zu vertrauen ist modern und kennt ein jähes Ende. Liebe, Sex und Freundschaft leiden, wenn die geistige Reibung sich auf unbeholfene Komplimente und treues Nicken beschränkt. Interesse muss ein Angriff sein, der den Partner von sich stößt und mit derselben Wucht wieder auffängt.

Ich blicke durch die Männer der letzten Monate hindurch, zurück auf meinem Rocksaum, der Straßenstaub von den Stiefeln aufnimmt und lose am Leder klebt. Die Tritte, die ich Dir mit diesen Stiefeln versetzt hatte, spürte ich nach ein paar Wochen auch in meinem Bauch. Ich hatte ja nicht Dich getreten, sondern das, was wir gemeinsam hatten.

Innere Leere lässt sich nicht damit füllen plus eins zu sein, nicht im Hautkontakt oder einem Brillantring. Zu zweit war ich schon oft allein und der Raum stiller, als wenn ich von der Matratze aus meine Gedanken in Zeilen in die Zimmerdecke brenne. Es ist das Männchen in deinem Kopf, die kleine Frau in deinem Ohr, die den Schalter anschubst, um über die Lücke im Leben ein Netz zu werfen. Den Schwung für den Sprung auf den Schalter gabst Du damals mit einem Händedruck ab an meinen Kopf. Die Sicherung löste sich, als ich drei Jahre später wieder ging. Dieser eine superromantische Rehaugenblick, wenn Du mit deinen verhangenen blauen Augen meine scheue Iris streift und jede Sommersprosse ringsum für eine Sekunde in grellgelbes Scheinwerferlicht tauchst. Ein kurzer Moment, der selbst die zuvor im Rotwein ertränkten Gehirnzellen zündet und den Knoten in ihrer Zunge lockert.

Sich gegenseitig maximal weh tun, obgleich man den anderen ganz und gar liebt – oder gerade deswegen. Weil es die letzte Chance ist, einander zu wecken.

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1 Comments:
Blogger Herr Schmitz said...
"Was she told when she was young that pain would lead to pleasure?"

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