1/21/2012


____ Eine ausgedachte
_____Entfernung,

_____________>_______ die es nicht gibt:

eines Morgens kam ich mit irgend etwas nach
Haus zurück,

_________jetzt

steht es auf der Fensterbank, und ich komme
ins Zimmer, ich wasche mir die Hände, ich trockne
mir die Hände ab,

_______ ich gehe wieder aus.

_______"Warum" ist eine
_______ _ Frage,

die nur ein Idiot beantworten könnte, und er
wird sie beantworten,

_______ wenn er um die Ecke
_______ eines solchen
_______ Bildes blickt,

_________kühl

_________und

_________beherrscht.

Ich komme nach Haus, gehe zur Fensterbank,
die Fensterbank ist leer.
___________Ich selbst
___________in der Entfernung
___________mitten im Tageslicht.


(aus: Rolf Dieter Brinkmann: Künstliches Licht)

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1/20/2012

Der Knochen knirscht unter der gespannten Haut als mein Augenblick scharf über die gegenüber ruhende Spiegelfläche des schweißnassen Schlüsselbeins streicht, in der dein Abglanz mir mitten ins Herz sieht. Der andere liegt dort, denkt nicht, streitet nicht und schläft den Schlaf des jetzt zu Verlassenden. Du, den ich an die Zimmerwand gelehnt zu sehen glaube – deine Reflexion im Nass – streichst Dir das Salzwasser von den Wangenknochen zurück in das graublonde Haar. Du bläst gegen deine Stirnlocke, die dem Luftstoß stoisch trotzt und nur kurz in Richtung der Decke wippt, von der sich deine Mundwinkel abgekehrt haben. Du warst der Verlassene. Jetzt bist du Spiegelbild auf der Haut eines Mannes in meinem Bett, der eine Lücke schließen sollte und noch nicht einmal einen Abdruck im Laken hinterlassen wird, geschweige denn irgendwo dort in mir.

Von Männern bin ich zu keiner Zeit satt geworden. Der unstillbare Appetit, einen von ihnen zu jeder Nacht bei mir zu haben um den Kreis des Paares zu schließen. Es ist der Hunger auf jemanden, der mehr ist als ein Mensch mit Bart. Er bettelt um mehr als jemanden, den du in den nackten Nacken beißen darfst. Bei Nacht sind viele Gespielen nie mehr als der regelmäßige Atemzug neben deinem Ohr: ein Grundrauschen, das beruhigt. Ein Geräusch, das nach ein paar Stunden gewaltig nervt. Bei Tag sind diese Männer ein jemand, der entzückt auf deinen hübschen Rücken schaut und darin die Zukunft sieht. Sie lesen die Worte nicht von deinen Lippen, sortieren deine Gedanken ein in ihr Weltbild, pudern es zurück auf deine Brust. Sie widersprechen nicht, aus einer Furcht, das Bequeme und Schöne damit in eine andere Form zu drängen. Und dann erzählen sie selbst Geschichten aus Hülsen, die verfliegen und so wenig an meinen Nerven schürfen, dass ich bisweilen schon geglaubt habe, diese Männer seien eine Halluzination. Viele Beziehungen, Affären, Begegnungen bleiben zurück in zarten Kratzern – nur geträumt. Sie heilen, sobald man einmal tief darüber schläft. Die bedingungslose Liebe aber ist kein fortwährender Applaus. Sich gegenseitig zu hypen, die Verliebtheit zu beschwören und der sexuellen Anziehung als Treueschwur zu vertrauen ist modern und kennt ein jähes Ende. Liebe, Sex und Freundschaft leiden, wenn die geistige Reibung sich auf unbeholfene Komplimente und treues Nicken beschränkt. Interesse muss ein Angriff sein, der den Partner von sich stößt und mit derselben Wucht wieder auffängt.

Ich blicke durch die Männer der letzten Monate hindurch, zurück auf meinem Rocksaum, der Straßenstaub von den Stiefeln aufnimmt und lose am Leder klebt. Die Tritte, die ich Dir mit diesen Stiefeln versetzt hatte, spürte ich nach ein paar Wochen auch in meinem Bauch. Ich hatte ja nicht Dich getreten, sondern das, was wir gemeinsam hatten.

Innere Leere lässt sich nicht damit füllen plus eins zu sein, nicht im Hautkontakt oder einem Brillantring. Zu zweit war ich schon oft allein und der Raum stiller, als wenn ich von der Matratze aus meine Gedanken in Zeilen in die Zimmerdecke brenne. Es ist das Männchen in deinem Kopf, die kleine Frau in deinem Ohr, die den Schalter anschubst, um über die Lücke im Leben ein Netz zu werfen. Den Schwung für den Sprung auf den Schalter gabst Du damals mit einem Händedruck ab an meinen Kopf. Die Sicherung löste sich, als ich drei Jahre später wieder ging. Dieser eine superromantische Rehaugenblick, wenn Du mit deinen verhangenen blauen Augen meine scheue Iris streift und jede Sommersprosse ringsum für eine Sekunde in grellgelbes Scheinwerferlicht tauchst. Ein kurzer Moment, der selbst die zuvor im Rotwein ertränkten Gehirnzellen zündet und den Knoten in ihrer Zunge lockert.

Sich gegenseitig maximal weh tun, obgleich man den anderen ganz und gar liebt – oder gerade deswegen. Weil es die letzte Chance ist, einander zu wecken.

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1/15/2012

Zu Katinkas Erwiderung auf Nina Pauers "Die Schmerzensmänner" habe ich kommentiert:

Mich hat in den Reaktionen, die ich zu Pauers Text beobachtet habe, besonders irritiert, wie viele Männer ihr zustimmten und einstimmten in einem Kanon à la: “Nur Arschlöcher bekommen Frauen ab, die netten Jungs nicht.” (Schuld daran sind natürlich die bösen Frauen)

Das Gelabere von der “Krise der Männlichkeit” (Wir erinnern uns: The Atlantic: “The End of Men”, oder Claudius Seidl, der in der FAS gar vom “November der Männer" sprach) verschleiert eine Kernaussage unter einer versuchten Mitleidserregung für “weichere” Männer: durch den Wandel der Geschlechterrollen und das Erstarken von Frauen in der Gesellschaft seien Männer in Zweifel an ihrer Rolle geraten. Um diese wieder zu stabilisieren, braucht es eine Rückkehr in traditionelle Rollenmuster << das ist die Hidden Agenda.

Wo aber bleibt der Diskurs unter Männern über die vielfältigen Rollen, die sie einnehmen könnten (und auch schon immer tun).

Eine Rückkehr in alte Rollenmuster wünscht sich scheinbar auch Nina Pauer. Schade. Wir sind immer alle so emanzipiert (in der Theorie) und sobald es hart auf hart kommt, nämlich in Beziehungen, wenn Menschen Familien gründen, bröckelt es. Ja, da können Frauen sich fragen, warum es ihnen plötzlich doch etwas ausmacht, den ersten Schritt zu machen, das Haupteinkommen zu verdienen, die Kinder loszulassen. Das kann aber nicht losgelöst davon gesehen werden, dass Frauen nach wie vor in diese Position gedrängt werden. Dass Frauen auf den kühnen Prinz warten, ist harte Sozialisation.

Dass "Männlichkeit" in vielen Facetten gelebt werden kann und akzeptiert wird, dafür ist jedoch nicht der Feminismus zuständig. Wie das geschehen kann, sollten Männer (laut) überlegen. Ich bin gespannt. Denn das Verlangen nach starken Männern zeigt zweierlei: es braucht den Feminismus noch, und zwar sehr. Aber auch eine Entsprechung für die Herren.


Das Zitat habe ich gerade herausgesucht, da der Print-SPIEGEL heute ebenfalls einen Text zur Verweichlichung der Männer und den "seltsamen" jungen Frauen bringt.

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Eigentlich geht alles immer nur um Bärte.

aus: Die Welt erklärt in drei Strichen.

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1/09/2012

Es ist ein politisches Statement als heterosexuelles Paar nicht zu heiraten, obgleich Liebe und Lebensplanung es zulassen würden. Leider. Ältere Feministinnen sagen mir oft, man solle sich die Hochzeit davon nicht kaputt machen lassen. Schwierig.
Ich habe dennoch großes Verständnis für Menschen, die sich trauen. Vor allem sehe ich einen Mangel an öffentlichen Paaren, die vielleicht Vorbild sein könnten. Es kann so spannend sein Menschen zu zweit oder auch größere Konstellationen zu beobachten und kennen zu lernen. Warum ist die/der Einzelkämpfer_in so sehr in Mode?

Gedanken zur Ehe habe ich für die FAZ niedergeschrieben:


Traut euch (zu lesen).


(Der Ring - ein Geschenk an mich selbst - ist von Sabrina Dehoff. Von ihr würde ich auch einen Verlobungsring akzeptieren. Landläufige Medien hielten sicher auch ihre für nicht kostspielig genug. Dazu aber mehr im Text.)

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