12/23/2012

Du zitierst Ernest Hemingway, der beschrieben hatte, man setzte sich an seine Schreibmaschine und begänne zu bluten. Der Lebenssaft fließt auf ein Blatt Papier, tränkt es in Gedanken, trocknet schließlich. Das Blut platzt von der Seite und beginnt sein eigenes Leben. Du sprichst diese Metapher aus in einem Nebensatz, unbedarft hast du sie in den Raum gestoßen, denn du hast noch nie geblutet. Du wolltest damit sagen, dass um zu schreiben die Sätze aus mir herausfließen müssen, ganz leicht. Ein Wort nach dem anderen sprudelt aus mir heraus, aus diesem Schnitt, an dessen Rändern das Rot langsam in glänzenden Perlen pulsiert. Das Schreiben schmerzt. Ich schreibe nicht, um den Schmerz sichtbar zu machen, ich schreibe ihn aus mir heraus. Der Schnitt hinterlässt eine Narbe, das Blut einen Fleck. Das Schreiben hinterlässt ein Wort, einen Satz, eine Seite, vielleicht ein Gefühl bei dir, wenn du das Geschriebene zur Hand nimmst. Du streichst über die fein verheilten Narben, die kaum sichtbar ein graziles Muster über blau schimmernde Adern legen. Die schmalen Linien durchkreuzen die Sommersprossen, schlagen zarte Schneisen durch einen blonden Wald aus Härchen. Ein Buch muss eine Axt sein.

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Im FAZ-Blog gibt es heute einen Beitrag von mir zu Post-Privacy und dem Freiheitsversprechen des Netzes.
Soziale Netzwerke seien Orte der Glättung, niemand könne mehr anders sein, kritisiert der Philosoph Byung-Chul Han. Denn soziale Normen, die Themen tabuisieren und Internetnutzer dazu auffordern, weniger Privates öffentlich zu teilen, werden stärker. 
In ganzer Länge zu lesen ist "Du hattest mir Freiheit versprochen" hier.


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