Ich schalte selten den Fernseher ein, denn das reguläre Programm langweilt mich, oft ist es einen #aufschrei wert. Sexismus, Frauenfeindlichkeit und Stereotype überwältigen mich. Ich möchte in diesem Backlash nicht leben, er macht mich kaputt.

„Germanys Next Top Model“ halte ich dabei noch für eine milde Form der Frauenfeindlichkeit, die insbesondere Formate der privaten Sender präsentieren. Gestern Abend stieß ich auf die RTLII-Sendung „Extrem schön“ und blieb hängen, als der Sprecher die frisch operierten Brüste einer Frau kommentierte mit: „Endlich ist sie eine richtige Frau.“ Ich müsste fassungslos sein, aber in der überwiegenden Mediendarstellung gibt es sehr genaue Vorstellungen davon, wann ein Mensch eine "richtige" Frau ist. Die Grenzen sind klar und bekannt. Üppige, symmetrische, feste Brüste gehören dazu. In der Sendung bekamen die beiden Frauen, die ihre Körper auf den OP-Tisch legten um einer starren Schönheitsnorm näher zu kommen, zudem noch zartere Nasen, die Bauchdecke gestrafft, Fett abgesaugt, das Doppelkinn operiert und Falten unterspritzt. Die „graue Maus“ wurde geschminkt und frisiert. Der Satz, sie könnten sich nun endlich als "echte" Frauen fühlen, fiel mehrere Male. Die Unzufriedenheit der Frauen wurde auf ihr Aussehen reduziert, aus anderen Lebensbereichen der beiden erfuhr man kaum etwas. Bis auf einen Aspekt, der für mich der Sendung das Genick noch ein drittes und viertes Mal brach: sie dokumentierte häusliche und psychische Gewalt. Eine der Frauen befand sich offenkundig in einer Beziehung mit einem krankhaft eifersüchtigen Mann, der sie mit Anrufen terrorisierte und sie dazu zwang, ihm zu gehorchen und nach Hause zu kommen. Die Frau war eingeschüchtert und verstört, der Sprecher der Sendung kommentierte, sie gebe nun den Traum von einem neuen Aussehen auf, weil ihr Lebensgefährte wolle, dass sie nach Hause komme. Hinterfragt wurde das Verhalten nicht. Die Szenen waren bedrückend, für mich noch härter als die Operationsszenen und Narben.

Das, was in diesen Fernsehsendungen und in anderen Medienformaten geschieht, ist frauenverachtend. Sie oktroyieren Normen gewaltvoll auf Körper. Sie dokumentieren Gewalt am eigenen Körper, an der Seele und verherrlichen sie. Medien tragen massiv dazu bei, Schönheit und die Möglichkeiten, sich mit dem eigenen Körper wohlzufühlen, zu definieren und zu verengen. Die Vielfalt der Schönheit wird aus der Welt geschnitten. Sie wird nicht gesendet und nicht gedruckt. In der Welt dieser Bilder ist eine Gesellschaft, in der Menschen unabhängig von ihrem Aussehen akzeptiert, respektiert und geliebt werden, passé. Nicht der Mensch wird respektiert, die Norm muss befolgt werden. Als einzige Option ein normales und erfülltes Leben führen zu können, wird der Kniefall vor dem Schönheitsdiktat ins Feld geführt.

Doch Medien tragen in diesem Bereich eine hohe Verantwortung. Diese Verantwortung lässt sich nicht auf die Zuschauer_innen abwälzen. Nicht auf Menschen, die stark genug sind, selbstbestimmt zu leben und eigene Maßstäbe für sich selbst anzulegen. Ich möchte den verantwortlichen Produzent_innen, Mitarbeiter_innen und Manager_innen der Sendeanstalten am liebsten ins Gesicht spucken. Sie tragen Verantwortung für andere und sind mit dieser Aufgabe offenbar überfordert. Sie haben den falschen Beruf. Sie nehmen bewusst in Kauf, dass die Würde von Menschen verletzt wird und dass frauenfeindliche Standards es für viele unmöglich machen, Selbstbewusstsein zu entwickeln und sich selbst zu mögen.

Eine Gesellschaft, die solchen Medien und Menschen ausgesetzt ist, wird über die kommenden Jahrzehnte nicht gesünder werden. Depressionen, Essstörungen, Selbstverletzungen, Angstzustände, Mobbing, Ausgrenzung – all diese Dinge nehmen stetig zu. Auch, weil Medien an einem Punkt angelangt sind, an dem sie Unterhaltungsformate weit überschritten haben, und bewusst Verletzungen anderer in Kauf nehmen. Hochbezahlte, gebildete Angestellte – mit Frauen, Freundinnen, Schwestern, Töchtern, Söhnen. Es gibt derzeit keinen medienöffentlichen Diskurs, diese fatalen Entwicklungen abzumildern und ihnen entschieden entgegen zu treten. Denn Selbsthass und die Herabwürdigung anderer sind normal geworden.

Eine Frau braucht keine Brüste, um eine echte Frau zu sein. Kein Schönheitskriterium entscheidet über den Wert eines Menschen. Neue Nasen und straffe Bäuche sind keine Lösung für eine Gesellschaft, in der Menschenverachtung und Frauenfeindlichkeit an Salonfähigkeit gewinnen. Der groteske Lookism ist dabei nur eine Form der Diskriminierung, die täglich einem Millionenpublikum serviert werden.

Medienkritik, Gegenwehr und Empowerment können den Schaden, den insbesondere jüngere Frauen und immer mehr Männer aktuell erleiden, kaum abfedern. Die Menschenverachtung, die Medien propagieren, hat eine politische Dimension. Wir müssen reden über körperliche und seelische Gewalt, die uns als Teil des alltäglichen Lebens kaum noch auffällt. Die wir senden, konsumieren, weitergeben. In der Weiterführung gesellschaftspolitischer Debatten nach #aufschrei sehe ich in der Ethik und Gewaltfreiheit als Themen von Medien- und Geschlechterpolitik die wichtigsten Ansätze für den Aufbruch in eine Welt, in der ich leben will. Das was ich jeden Tag sehe, macht mich wütend, krank und ratlos.

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12 Comments:
Anonymous Anonym said...
schön, dass direkt neben dem Text Fotos von betatschten Brüsten stehen. Das macht die Empörung richtig deutlich.

Anonymous Anonym said...
Ich bin darüber empört dass da nur Frauen optimiert werden. Warum dürfen sich in der besagten Sendung nicht auch Männer die Plautze absaugen lassen? Soviel zur Gleichberechtigung!

Anonymous Anonym said...
Da haben Sie aber auch ein Pech!! Schalten Sie ja extra den Fernseher so selten ein! Und wenn Sie es mal tun, dann ausgerechnet wenn diese Dreckssendung laeuft und genau auf diesem Sender.

...Da denk ich mir mal meinen Teil..

..Auch sehr sehr traurig, wie versucht wurde auf Deibel komm raus "#aufschrei" mit einzubauen.
Erbaermlich


Blogger Eve said...
Sehr wahr, sehr traurig, sehr gut geschrieben ... danke!

Eve

OpenID kitschautorin said...
Ich fand den Text sehr gut.
Ich musste, als ich ihn las, an eine Begebenheit aus dem Englischunterricht von vor ungefähr zwei Jahren denken, als wir eine Dokumentation über ein zwölfjähriges Topmodel schauten. Der Schönheitswahn nimmt echt Überhand.

Anonymous Anonym said...
Das was ich jeden Tag sehe, macht mich wütend, krank und ratlos.

Ja, das merkt man in jedem Beitrag deutlich mehr. Man kann auch wunderbar beobachten wie die "Autorin" immer mehr zu dem wird, was sie zu bekämpfen versucht.
Vielleicht mal ein bisschen Selbstreflexion um der Wut und der Ratlosigkeit zu entkommen?

Nee, lass mal. Auf die andern zu schimpfen ist viel bequemer, als es selbst besser zu machen.

Anonymous Wladimir Palant said...
Sehr schön und richtig geschrieben, aber leider muss ich mich fragen, wie man es realistisch schafft, von menschenverachtenden Medienformaten (ja, so muss man es wirklich bezeichnen) wieder wegzukommen. Dass die Medien eine funktionierende Selbstkontrolle entwickeln könnten, erscheint mir eher unrealistisch. Ebenso erscheinen mir staatliche Regulierungsinstanzen als eine nicht allzu aussichtsreiche Idee, der Balanceakt zwischen Kontrolle und Zensur ist schlichtweg zu kompliziert. Letztlich geht meiner Meinung nach kein Weg an mehr Medienkompetenz für die Bevölkerung vorbei - diese Formate werden so lange bestehen bleiben, wie es Abnehmer dafür gibt. Das ist aber ein sehr komplizierter und langwieriger Weg.

Anonymous Anonym said...
Ohne ein beachtliches Publikum und freiwillige Teilnehmer könnte sich diese Sendung nicht am Markt behaupten. Kritik dieser Sendung muss deshalb konsequenterweise auch Kritik am Publikum (und vielleicht auch an den Teilnehmern) bedeuten, ansonsten sprächen Sie dieser Gruppe die Mündigkeit ab.

Blogger michael said...
"Würden die Medien doch wenigstens ma prädigen
Was zählt is das ihr in eurem Herzen
Nich auf den Konten reich seid
Doch das erzählt hier keiner
Alles hier geht um Scheine
Geiz und Gier
Scheiß auf wir
Jeder geht sein weg alleine"

Samy Deluxe - Wer wird Millionär

sehr guter Beitrag

Anonymous la_roja said...
Sehr, sehr wahr. Es ist so schwer für mich, diesem medialen Sog auch nur teilweise zu entkommen, die Bilder aus dem Kopf zu bekommen, die ich seit Jahren in Werbung, Facebook und Zeitschriften täglich vor die Augen bekomme. Es ist schon schwer genug, wenn man sich Gedanken darüber macht und das Problem zumindest teilweise tatsächlich wahr macht. Dann merkt man, wie stark man davon beeinflusst wird. Auch wenn man es nicht will. Und wie sehr unsere Gesellschaft davon gesteuert wird, denn es gibt genug Leute, die sich keine Gedanken darüber machen. Manchmal versteh ich, dass viele gar nicht damit anfangen. Anstrengend isses

Anonymous Anonym said...
mich würde nach diesem beitrag brennend interessieren, wie ich deine fotos in der rechten sidebar zu werten habe. wo "wir" uns bereits im 2. satz über sexismus echauffieren. übrigens, ich will diese formate damit nicht verteidigen, gelinde gesagt finde ich sie z.k. aber ich kann deinen beitrag und deine empörung wegen deiner bilder nicht wirklich ernst nehmen.

grüsse sandra

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