Der Neubeginn, den ich herbeisehne, kann auf diesem Stück Papier beginnen. Auf dem digitalen weißen Blatt, auf das ich Worte schreibe. Gedankenfetzen, die in Sprache gefasst mit anderen geteilt werden können, kennen keine Grenzen. Im Moment ihres Ausspruchs sind sie frei. Es könnte so leicht sein, den Neubeginn zu denken, ihn auszusprechen, ihn nieder zu schreiben, ihn heraus zu schreien oder ihn dir in dein linkes Ohr zu flüstern. Wie die Luft knistert, wenn ich mit meinen Lippen ganz nah an dein Ohr komme und dir zuraune, dass es deine Freiheit ist, dir eine Welt auszudenken, in der du dich ganz zuhause fühlst.

Worte können fesseln und Stricke mit einer messerscharfen Zunge mühelos durchschneiden. Eine Muse aus Buchstaben küsst dich so überraschend auf den Mund wie der Platzregen, der dir den Kopf wäscht. Auszusprechen, was ich denke oder fühle, den Satz zumindest für mich selbst diktiert zu haben und zu erinnern, gibt Sicherheit. Mit der Sprache beginnt die Wirklichkeit, nicht erst mit einem Handschlag. Mit der Sprache beginnt die Unabhängigkeitserklärung von den Normen, Regeln und Worten, die jene Grenzen ziehen, die eine Freiheit innerhalb ihres Raumes nur behaupten und niemals bewiesen haben.

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Ich schalte selten den Fernseher ein, denn das reguläre Programm langweilt mich, oft ist es einen #aufschrei wert. Sexismus, Frauenfeindlichkeit und Stereotype überwältigen mich. Ich möchte in diesem Backlash nicht leben, er macht mich kaputt.

„Germanys Next Top Model“ halte ich dabei noch für eine milde Form der Frauenfeindlichkeit, die insbesondere Formate der privaten Sender präsentieren. Gestern Abend stieß ich auf die RTLII-Sendung „Extrem schön“ und blieb hängen, als der Sprecher die frisch operierten Brüste einer Frau kommentierte mit: „Endlich ist sie eine richtige Frau.“ Ich müsste fassungslos sein, aber in der überwiegenden Mediendarstellung gibt es sehr genaue Vorstellungen davon, wann ein Mensch eine "richtige" Frau ist. Die Grenzen sind klar und bekannt. Üppige, symmetrische, feste Brüste gehören dazu. In der Sendung bekamen die beiden Frauen, die ihre Körper auf den OP-Tisch legten um einer starren Schönheitsnorm näher zu kommen, zudem noch zartere Nasen, die Bauchdecke gestrafft, Fett abgesaugt, das Doppelkinn operiert und Falten unterspritzt. Die „graue Maus“ wurde geschminkt und frisiert. Der Satz, sie könnten sich nun endlich als "echte" Frauen fühlen, fiel mehrere Male. Die Unzufriedenheit der Frauen wurde auf ihr Aussehen reduziert, aus anderen Lebensbereichen der beiden erfuhr man kaum etwas. Bis auf einen Aspekt, der für mich der Sendung das Genick noch ein drittes und viertes Mal brach: sie dokumentierte häusliche und psychische Gewalt. Eine der Frauen befand sich offenkundig in einer Beziehung mit einem krankhaft eifersüchtigen Mann, der sie mit Anrufen terrorisierte und sie dazu zwang, ihm zu gehorchen und nach Hause zu kommen. Die Frau war eingeschüchtert und verstört, der Sprecher der Sendung kommentierte, sie gebe nun den Traum von einem neuen Aussehen auf, weil ihr Lebensgefährte wolle, dass sie nach Hause komme. Hinterfragt wurde das Verhalten nicht. Die Szenen waren bedrückend, für mich noch härter als die Operationsszenen und Narben.

Das, was in diesen Fernsehsendungen und in anderen Medienformaten geschieht, ist frauenverachtend. Sie oktroyieren Normen gewaltvoll auf Körper. Sie dokumentieren Gewalt am eigenen Körper, an der Seele und verherrlichen sie. Medien tragen massiv dazu bei, Schönheit und die Möglichkeiten, sich mit dem eigenen Körper wohlzufühlen, zu definieren und zu verengen. Die Vielfalt der Schönheit wird aus der Welt geschnitten. Sie wird nicht gesendet und nicht gedruckt. In der Welt dieser Bilder ist eine Gesellschaft, in der Menschen unabhängig von ihrem Aussehen akzeptiert, respektiert und geliebt werden, passé. Nicht der Mensch wird respektiert, die Norm muss befolgt werden. Als einzige Option ein normales und erfülltes Leben führen zu können, wird der Kniefall vor dem Schönheitsdiktat ins Feld geführt.

Doch Medien tragen in diesem Bereich eine hohe Verantwortung. Diese Verantwortung lässt sich nicht auf die Zuschauer_innen abwälzen. Nicht auf Menschen, die stark genug sind, selbstbestimmt zu leben und eigene Maßstäbe für sich selbst anzulegen. Ich möchte den verantwortlichen Produzent_innen, Mitarbeiter_innen und Manager_innen der Sendeanstalten am liebsten ins Gesicht spucken. Sie tragen Verantwortung für andere und sind mit dieser Aufgabe offenbar überfordert. Sie haben den falschen Beruf. Sie nehmen bewusst in Kauf, dass die Würde von Menschen verletzt wird und dass frauenfeindliche Standards es für viele unmöglich machen, Selbstbewusstsein zu entwickeln und sich selbst zu mögen.

Eine Gesellschaft, die solchen Medien und Menschen ausgesetzt ist, wird über die kommenden Jahrzehnte nicht gesünder werden. Depressionen, Essstörungen, Selbstverletzungen, Angstzustände, Mobbing, Ausgrenzung – all diese Dinge nehmen stetig zu. Auch, weil Medien an einem Punkt angelangt sind, an dem sie Unterhaltungsformate weit überschritten haben, und bewusst Verletzungen anderer in Kauf nehmen. Hochbezahlte, gebildete Angestellte – mit Frauen, Freundinnen, Schwestern, Töchtern, Söhnen. Es gibt derzeit keinen medienöffentlichen Diskurs, diese fatalen Entwicklungen abzumildern und ihnen entschieden entgegen zu treten. Denn Selbsthass und die Herabwürdigung anderer sind normal geworden.

Eine Frau braucht keine Brüste, um eine echte Frau zu sein. Kein Schönheitskriterium entscheidet über den Wert eines Menschen. Neue Nasen und straffe Bäuche sind keine Lösung für eine Gesellschaft, in der Menschenverachtung und Frauenfeindlichkeit an Salonfähigkeit gewinnen. Der groteske Lookism ist dabei nur eine Form der Diskriminierung, die täglich einem Millionenpublikum serviert werden.

Medienkritik, Gegenwehr und Empowerment können den Schaden, den insbesondere jüngere Frauen und immer mehr Männer aktuell erleiden, kaum abfedern. Die Menschenverachtung, die Medien propagieren, hat eine politische Dimension. Wir müssen reden über körperliche und seelische Gewalt, die uns als Teil des alltäglichen Lebens kaum noch auffällt. Die wir senden, konsumieren, weitergeben. In der Weiterführung gesellschaftspolitischer Debatten nach #aufschrei sehe ich in der Ethik und Gewaltfreiheit als Themen von Medien- und Geschlechterpolitik die wichtigsten Ansätze für den Aufbruch in eine Welt, in der ich leben will. Das was ich jeden Tag sehe, macht mich wütend, krank und ratlos.

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2/14/2013


Der Valentinstag begegnete mir das erste Mal als Todestag. Mein Großvater, den ich nie kennenlernen durfte, ist an einem dieser Tage gestorben. Meine Eltern waren 19 und 20, doch anstatt mit Blumen stand mein Vater mit verweinten Augen vor der Tür meiner Mutter und sagte ihr, dass sein Vater Johannes aus heiterem Himmel an einem Herzinfarkt gestorben war. Ich habe nur ein einziges Foto von ihm in Erinnerung, auf dem ein sehr ernst aber in sich ruhender Mann mit feinen Gesichtszügen und dunklem Haar vor türkisblauem Hintergrund abgebildet ist. Es hing in der Wohnung meiner Großmutter, in der zu Feiertagen immer ein großes Gewusel aus kleinen und großen Menschen herrschte. Denn Theresia „Thea“ und Johannes haben miteinander acht Kinder bekommen: sechs Söhne und zwei Töchter. Die meisten ihrer Kinder, wie mein Vater auch, haben weitere drei Kinder bekommen. In den letzten Lebensjahren meiner Großmutter kamen zahlreiche Urenkel hinzu. Als Thea im Mai 2007 kurz vor ihrem 85. Geburtstag starb, waren wir insgesamt 19 Enkel und sieben Urenkel.

Mein Vater schickte mir die Nachricht als E-Mail nach Berlin, vermutlich in einem Moment der Überforderung. Ich hatte eine weite Reise bis ins Sauerland und habe meine Oma nicht mehr sehen können. Vielleicht war ich auch deswegen einer der Trauergäste, die ununterbrochen in der Kirche und auf dem Friedhof von Weinkrämpfen geschüttelt wurde. Ich konnte nicht Abschied nehmen. Mein anderer Opa hatte mich die ganze Zeit über im Arm. 
Ich denke gern an meine Großmutter zurück, auch wenn ich sie kaum kannte. Ich bin die Enkeltochter, die ihr laut Erzählungen meines Vater und seiner Geschwister am ähnlichsten ist. Ich soll exakt so aussehen, wie sie in jungen Jahren; ich habe die roten Haare geerbt und ihren unglaublichen sturen Charakter. Für beides bin ich ihr dankbar, beides mag ich an mir. Meine Oma hätte vielleicht noch ein paar Jahre länger gelebt, wäre sie weniger stur gewesen und hätte früher den Arzt kommen lassen. Sie starb an den Folgen einer Magenruptur, die zu spät behandelt wurde. Als ihr Hausarzt zu ihr ans Bett kam und zu ihr sagte: „Frau Bücker, Sie müssen jetzt ins Krankenhaus“, fluchte sie „So eine Scheiße“ – und dachte, es bestünde noch eine Chance, das Zipperlein zuhause auszukurieren. Trotz des Verlustes lachen wir heute darüber, denn sie ist sich treu geblieben bis zum Schluss: stur und selbstbestimmt. Sie hat ihre große Familie als alleinstehende Frau sicher auch nur so organisiert bekommen, weil sie einen sehr eigenen Kopf hatte.

Ich hätte sie gern besser gekannt, so wie ich nach wie vor gern ein anderes Verhältnis zu meinen Großeltern haben würde, die noch leben. Leider fühlt es sich an, als wäre diese Generation von Erwachsenen so weit von mir entfernt, dass tiefe und ehrliche Gespräche und Beziehungen kaum möglich sind. Der Wandel der Gesellschaft ist so schnell verlaufen, dass wir einander kaum verstehen können. Ich beneide die älteren Menschen nicht, die bis heute so viele Regeln, Schweigegelübde und Traumata mit sich herum tragen, dass sie darüber nicht sprechen können. Vielleicht ist es das besondere Band zwischen rothaarigen Frauen, das Grund dafür ist, dass ich meine Oma vermisse, obwohl ich von ihr nur diese vage Idee im Kopf habe, und es niemals ein Gespräch als Erwachsene zwischen uns gab.

Ich blicke auf diese große Familie und sehe, wie ich schon darin versage den Kontakt zu den engsten Mitgliedern meiner Familie zu halten – aus Gründen räumlicher und seelischer Distanz, weil ich zu viel arbeite und andere Werte teile.

In all unseren Beziehungen sind Liebesbeziehungen vielleicht die leichtesten. Denn sie beginnen stets neu und ohne Geschichte. Sie besitzen die Körperlichkeit und Zärtlichkeit als Kitt. Sie kommen und gehen. Die Abschiede sind oft brutal, wir wollen vergessen und erinnern uns schließlich kaum noch an jemanden, mit dem wir einmal das Bett geteilt haben.

Von meiner Oma musste ich mich verabschieden, obwohl ich sie gar nicht kannte. Jetzt sehe ich sie jeden Morgen im Spiegel. Acht Kinder werde ich nicht bekommen. Vielleicht nicht einmal ein einziges.
Ich bin ihr dankbar dafür, dass ich Zeit mit ihrem Kind verbringen darf, ihrem Sohn Urban, meinem Vater, benannt nach einem Papst. Wie auch immer sie es geschafft hat, ihn als Kind der Fünfziger Jahre zu einem Mann hat werden lassen, für den sich die Frage nach Feminismus nie stellte, weil er Gleichberechtigung als Grundbedingung begreift. An mich hatte er nie eine Erwartung, wie ich als Kind und Tochter sein sollte, nur den Wunsch, dass ich glücklich bin.

Ein Jahr nachdem meine Oma starb, habe ich Johannes getroffen. Jedes Mal, wenn ich unsere Namen zusammen geschrieben sehe oder sie ausspreche – Teresa und Johannes – denke ich an meine Großmutter und ihren Mann, die der Valentinstag auseinanderbrachte. Meinem Vater, der im vergangenen Oktober unsere Hochzeitsrede hielt, ging das wohl ähnlich nah, als er die Namen seiner Eltern sagte und seinen Schwiegersohn und seine Tochter dabei ansah und meinte. 

Jede Beziehung ist eingebettet zwischen vielen anderen, jede unserer Beziehungen ist in der Tat mit vielen anderen Menschen verbunden und ihnen zugetan. Ein Valentinstag reicht für all diese Menschen in meinem Leben nicht. Meine Liebe jedoch schon.



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