4/27/2013

Aktivist_innen sind dann erfolgreich, wenn sie die Logik eines Systems unvermittelt und heftig auf den Kopf stellen. Denn nur aus der Asche des Kritikgegenstandes, können die neuen Ideen erwachsen. Chaos ist eines der Ziele von Femen, wie sie in ihrem Manifest erklären: „FEMEN - is the new Amazons, capable to undermine the foundations of the patriarchal world by their intellect, sex, agility, make disorder, bring neurosis and panic to the men's world“. Radikaler Aktivismus will keine bessere Welt, er will eine neue.

Die Aktivistinnen von Femen wollen extrem und kompromisslos sein. Doch ihre Idee ist alt: Die Frauen der international organisierten Gruppe protestieren mit entblößten Brüsten. Ihre Idee ist kraftlos ­– trotz hoher Medienpräsenz. In Deutschland, wo Femen zuletzt in Hannover bei einem gemeinsam Auftritt vom russischen Präsidenten Wladimir Putin und der Kanzlerin Merkel protestierte, ist Nacktheit medialer Alltag. Eine freie Brust kann niemanden erschüttern – bis auf männliche Teenager ohne Internetzugang. Die Fotos, auf denen die Politiker erschrocken auf die Femen-Aktivistinnen blicken, dokumentieren wenige Sekunden Wirklichkeit. Nicht genug, um die Zielpersonen zum Nachdenken zu bewegen. Dass Ausziehen noch allzu oft als mutig bezeichnet wird, ist eine Pseudomoral, die herangezogen wird, wenn der Narrativ fehlt. Denn welche Bilder eines Postpatriarchats haben Femen tatsächlich vorgelegt – bis auf eine bloße Ablehnung des Ist-Zustandes?

Dass Femen dennoch Aufmerksamkeit erregen, liegt nicht allein am Nachrichtenwert des entblößten Frauenkörpers. Die straffen, naturbelassenen Brüste der jungen Frauen sind auf den ersten Blick zwar eine zweifelhafte Reproduktion des westlichen Schönheitsideals der weiblichen Form, sie erfüllen jedoch auch die Ziele eines kontemporären Feminismus. Sie suggerieren Aufbruch. Denn der nackte Protest bringt die Aktivistinnen in den Mainstream – der Ort, an dem Feminismus sich entfalten muss, um die Geschlechterrevolution zu mehr als einer Theorie werden zu lassen. Femen sprechen Männer an, weil Brüste nicht allein Fetischobjekt ihrer Besitzerinnen sind, und wirken damit in der öffentlichen Rezeption gegenüber Formen des Feminismus zunächst überlegen, dem Lustfeindlichkeit vorgeworfen wird. Femen beherrschen zudem den Umgang mit Medien auf zweifacher Ebene: sie surfen die Agenda und unterwerfen sich der Medienlogik. Denn der einfachste Weg von Journalist_innen beachtet zu werden, ist die Suche und die Attacke auf große Gegner – gepaart mit dem ultimativen weiblichen Reiz ist die Berichterstattung garantiert.

Doch die Brust ist eine tückische Waffe. Sie katapultiert ein Thema in die Öffentlichkeit doch lässt seine tieferen Inhalte in den Scherben ihres Sprengsatzes verblassen. In übersättigten Markt der sexuellen Bilder ist sie ohne Wert. Welche Brust heute mit welcher Botschaft verknüpft war, kann das Publikum kaum noch erinnern. Brüste sind überall, doch sie sind schon lange nicht mehr politisch. Denn ihre Bilder erzeugen – anders als Aktivismus es intendiert – keinerlei Bewegung. Sie fügen sich ein in den Nachrichtenstrom, der zwar Informationen bewegt, aber weder Köpfe noch Herzen. Erst unbeachtet und entpolitisiert ist die Brust frei ­– und damit ein Stück ihrer Trägerin.

Die Brust ist bei Femen ein individuell selbstbestimmtes Mittel, doch kein universelles Symbol der Selbstbestimmung. Denn so unterschiedlich Frauen sind und so vielfältig der Feminismus, wird das Für-Frauen-Sprechen schnell zur Bevormundung, oder, wie zum Beispiel bei Femen geschehen, zu Rassimus gegenüber muslimischen Frauen. In dem sich ein Feminismus über den anderen erhebt, in dem sich Feminist_innen gegenseitig Fehler und Schwächen vorwerfen, entwerfen sie eine öde Kopie des von ihnen kritisierten politischen Systems. Das Mutigste, das Frauen heute tun können, ist anstatt füreinander wieder mehr miteinander zu sprechen, und Bündnisse ausgehend von ihren Unterschieden zu schmieden. Eine radikale Allianz von Frauen würde tatsächlich überraschen und wäre der Beginn einer feministischen Utopie.

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Dieser Text ist zuerst erschienen in "der Freitag" (17/2013) zum Wochenthema "Es geht nur so – Junge Frauen machen mit ihrem Körperpolitik" als einer von drei Texten. 

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