6/27/2014

Für EDITION F habe ich in den vergangenen Wochen viele tolle Frauen getroffen. Vier davon stelle ich hier heute vor, die Interviews und Texte über sie findet ihr auf der Website. (Da die Seite noch in der Betaphause ist, müsst ihr euch zum Lesen kurz anmelden. Ab August ist sie dann offen.)

Die Journalistin Alix Faßmann hat ein kluges Porträt über die Arbeitswelt von heute geschrieben. Ihr Buch „Arbeit ist nicht unser Leben: Anleitung zur Karriereverweigerung“ beginnt mit einem persönlichen Einstieg: Sie kündigt einen Job, in dem sie sich von sich selbst entfremdet hat. Doch ihr Buch ist vor allem ein politisches Buch. Ihre Geschichten erzählen von der Verlierern des Arbeitsmarktes: von Leih- und Zeitarbeit, von Hungerrenten, von Verdrängung von Menschen aus ihren Wohnvierteln und dem Karrierewahn, in dem Freunde, Gesundheit und Lebenszeit auf der Strecke bleiben. Doch wofür eigentlich? Alix Faßmann reflektiert in ihrem Reisetagebuch, das mit dem Eintritt ins Berufsleben beginnt, Anekdoten aus dem Alltag einer Parteizentrale umfasst und sie auf ihrer Selbstfindung nach der Kündigung quer durch Europa führt, darüber, welche Wahrheiten und welche Lügen das heutige Verständnis von Arbeit erzählt. Die 31-Jährige gibt Anregungen, wie man wieder zu einem eigenständigen Denken und Verständnis davon finden kann, was Leben eigentlich bedeutet, wenn die Arbeit nicht mehr das Leben ist. Sie hat jetzt zusammen mit dem Dramaturgen Anselm Lenz das „Haus Bartleby” gegründet – ein geistiger Ort im Internet. Dort sollen Geschichten entstehen, die einem neuen Verständnis von Arbeit folgen. Der Name des Ortes geht auf den den Arbeitsverweigerer Bartleby aus dem Roman von Herman Melville zurück, der den Satz „I would prefer not to“ prägte.

Für EDITION F habe ich sie interviewt.





Die Dänin Ida Tin ist Gründerin von BioWink und hat mit ihrem Unternehmen 2013 die Mobile-Health-App "Clue" auf den Markt gebraucht. Das Team hat seinen Sitz in Berlin und stellt die App derzeit in Deutsch, Englisch und Dänisch kostenlos zur Verfügung. Clue ist dabei mehr als ein moderner Menstruationskalender, der die nächste Periode berechnet. Man kann damit viele weitere Körpersignale tracken: Nutzerin und App lernen gemeinsam dazu.

Ida Tin will mit Clue eine Alternative zur Pille schaffen. Ein Gespräch über Big Data und technologiegestützte Verhütung.




Susanne Lang sagt: „Der Freundeskreis ist heute die bessere Familie”. In ihrem Buch beschreibt sie die Entstehung dieser neuen Haltung.

Mein Mann wurde immer gefragt: Und wann kommt jetzt die Familie nach? Ich kam mir fast komisch vor, als ich sagte: Ich will hier nicht weg”, erzählt die Journalistin Susanne Lang im Interview. Als der Mann der Wahlberlinerin beruflich nach Hamburg ging, machte sie eine Liste mit Dingen, die für und gegen den Umzug der Familie sprachen. Nicht pendeln zu müssen, die Höhe der Mietkosten, ob das Biertrinken in der U-Bahn erlaubt ist – das sind einige der Punkte, die sie gegeneinander abwog. Wenn sie mit den Kindern in Berlin bliebe, würde sie den Mann, den sie liebt, seltener sehen, das wusste sie – doch den Ausschlag gab es nicht. „Es sah nicht gut aus für Hamburg. Zu keinem Zeitpunkt”, erklärt sie im Einstiegskapitel ihres Buches, das gerade erschienen ist. Es gab einen Grund, der dick und fett an oberster Stelle ihrer Liste stand: FREUNDE.

Das Gefühl, die absolut richtige Entscheidung zu treffen, bei der sie sich manchmal fragte, ob die Haltung nicht vielleicht „kindisch” sei, hat Susanne Lang zum Anlass genommen, die Kulturgeschichte der Freundschaft und ihre Bedeutung heute in zehn Kapiteln zu entschlüsseln. „Ziemlich feste Freunde“ heißt das Buch, das so entstanden ist. Bei den Recherchen hat die Autorin festgestellt, dass sie nicht damit alleine ist, auf ihre Freunde nicht verzichten zu wollen. 85 Prozent der Deutschen finden es ganz besonders wichtig, gute Freunde zu haben. Das fand die Jacobs-Studie „Freunde fürs Leben” in diesem Jahr heraus. Das Bemerkenswerte: Gute Freunde sind wichtiger als Zeit für die Familie und eine erfüllende Partnerschaft.




Anna Bojic ist eine ungewöhnliche Unternehmerin: Die studierte Bildhauerin und Filmwissenschaftlerin sitzt mit ihrem Onlineshop Merisier in einer Remise und blickt in den Garten der Factory, dem neuen Berliner Startup-Zentrum, in dem Technunternehmen wie Google, Twitter und Soundcloud ihr neues Zuhause gefunden haben. In dem kleinen Gartenhaus stapeln sich Boxen und Packmaterial bis unter die Decke. Die Geschenke werden hier von Hand zusammengestellt und verpackt. Mit ihrem Versandunternehmen nimmt Anna Bojic sie nun großen Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen. Sei es die enge Familie, Freunde oder Geschäftspartner: Anna und ihr Partner Marc Lampe haben im Internet einen Ort geschaffen, an dem Kunden Geschenke finden, die eine ganze Geschichte erzählen.

Für EDITION F habe ich mit Anna Bojic über die Kunst des Schenkens und Kreativität im Unternehmertum gesprochen.

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endlich: ich schreibe wieder mehr. nach vier jahren als beraterin in der politik bin ich zu meinen wurzeln zurückgekehrt: onlinemedien. ich arbeite seit juni bei edition f, einer onlineplattform für frauen, die von nora-vanessa wohlert und susann hoffmann vor einigen monaten gegründet haben und mich nun als redaktionsleiterin ins team geholt haben. ich freue mich wahnsinnig. zum einen habe ich nach abschied vom freitag die journalistische arbeit immer vermisst: lebhafte redaktionskonferenzen, den austausch mit einer engagierten community, das konzeptionelle weiterdenken von onlineformaten und das experimentieren.

genau aus diesem grund musste es edition f sein. nach dem ersten treffen mit nora und susann war mir klar, dass es diese aufgabe sein musste. ich wollte etwas mit aufbauen, in das ich mich stark einbringen kann, in dem es ganz entscheidend auch mit an meiner arbeit liegen wird, wie erfolgreich das projekt wird, das aber vor allem offen ist für die ideen und kreativität aller teammitglieder und das mit uns gemeinsam wachsen wird.

ich habe in den tagen nach meiner kündigung in der spd-bundestagsfraktion viel über meinen bisherigen arbeitsort gelernt: "ist dir das risiko nicht zu groß", war eine der häufigsten fragen, die ich gestellt bekam. "was, wenn ihr damit auf die nase fallt?". und natürlich ist da ein korn wahrheit dran: ich habe einen relativ sicheren job mit regelmäßigen gehaltssteigerungen aufgegeben. ein job, der "nah an der macht" ist. was auch immer das heißen soll.

ich bin im märz 30 geworden – kein sehr einschneidendes ereignis, wie ich ein paar wochen später resümieren kann. dennoch hat mich dieser geburtstag dazu gebracht, mir einige fragen zu stellen und noch einmal genauer darüber nachzudenken, was mir wichtig ist. (30 kleine texte zum thema 30 werden erscheinen von mir in einem der nächsten zeitmagazine.)

sicherheit? sicherheit kann es nicht sein, denn als netzaktivistin setze ich freiheit vor sicherheit. und wenn mir meine arbeit zwar finanzielle stabilität bietet, aber nicht die möglichkeit zu lernen, wissen weiterzugeben und neue, bedeutsame beziehungen aufzubauen, führt das für mich nicht zu mehr selbstSICHERHEIT. ich bin mir hingegen ziemlich sicher, dass ich in meinem berufsleben noch oft den arbeitgeber wechseln werde oder formen der selbstständigkeit variieren werden. das ist jedes mal eine chance dazu zu lernen und neue perspektiven zu gewinnen.

prestige? große namen bringen anerkennung mit sich. das war in meiner arbeit für die spd so, und das signalisierten fragen, warum ich nicht für medienmarke xy arbeiten will. große namen sind wiederum sichere dächer, unter denen man es sich gemütlich machen kann und sicherlich auch ein hübsches zimmer ausstatten kann, doch wie sehr könnte ich  mich dort zum jetzigen zeitpunkt wirklich einbringen? ich wollte schon lange in ein startup und habe auf das richtige gewartet. ich würde es vergleichen damit, eine familie zu gründen, und auch dieser wunsch kommt irgendwann um die 30 herum. wie bei meiner hochzeit war es mir wichtig, meinen namen zu behalten, und nicht in eine familie mit namen einzuheiraten. und startups sind irgendwie auch wie kinder, die man gemeinsam erzieht.

(frauen)netzwerke! onlinejournalismus, neue arbeitsformen und gleichberechtigung verlangt neue strukturen. diese voraussetzungen können nur in jungen unternehmen geschaffen werden. die veränderung von innen heraus, der marsch durch die institutionen ... ich persönlich glaube daran nicht mehr. diversität im nachhinein zu schaffen, ist schwierig – einer der gründe, warum ich das projekt "krautreporter" so langweilig finde und mir davon keinen innovativen journalismus verspreche. wer 2014 den journalismus "heile" machen möchte und mit 22 männern und 6 frauen antritt, hat für mich seltsamen begriff von sowohl gegenwart als auch zukunft.
frauennetzwerke sind kein allheilmittel und nicht die einzige antwort auf die old-boys-clubs, aber die zusammenarbeit hier und das miteinander lernen hier halte ich persönlich für sehr wertvoll. zumal das eine das andere nicht ausschließt: ich bin teil von mehreren frauennetzwerken, gemischten communitys und auch eine von wenigen frauen in eher männlich dominierten netzwerken, in denen ich gern mitarbeite und überall viel lerne. den ansatz frauennetzwerke komplett zu verteufeln, wie theresia bäuerlein und friederike knüpling es in tussikratie tun, finde ich ziemlich platt.
ich halte die gedanken von annarosa buttarelli, eine italienische philosophin und differenzfeministin, für einen klugen anstoß, um über die potentiale von frauengemeinschaften und von frauen gegründeten orten und unternehmen nachzudenken:

»in der tat ist weibliche souveränität, wenn sie ausgeübt wird, schon für sich genommen unabhängigkeit von der irrealität, die die im todeskampf liegenden institutionen geschaffen haben. aie gewährleistet die rückkehr zur realität und zur möglichkeit, die wahrheit zu sagen, ohne die macht mit selbstmörderischem heroismus herauszufordern. weibliche souveränität kann uns helfen, an einer beziehung der differenz mit den männern zu arbeiten. indem wir sie praktizieren, können wir zeugnis dafür ablegen, dass wir durchaus in der lage sind, das männliche bedürfnis danach zu respektieren, institutionen und konstruktionen aufzubauen, in deren rahmen es bis heute nötig gewesen ist, sich jede sache einzuverleiben, die frei zur welt kommt.«

edition f ist unabhängig. die plattform gehört zu keinem verlag, sondern liegt in noras und susanns händen und bei allen mitarbeiterinnen und mitarbeitern, autor_innen und community-mitgliedern. ich bin selbst sehr gespannt, wohin die plattform sich entwickelt, wenn dort vor allem frauen* über die dinge schreiben, die ihnen wichtig sind, und sich hier unterschiedliche weibliche perspektiven sammeln. ich glaube nicht, dass es den weiblichen und den männlichen blick auf die welt gibt. aus diesem grund bin ich besonders gespannt darauf, wie sich die summe aus vielen weiblichen stimmen gestalten wird. denn insbesondere zu den so genannten 'harten' themen wir politik und wirtschaft gibt es zu wenige orte, an denen das unter der schirmherrschaft von frauen debattiert wird. 

mein wunsch ist, dass ihr euch anschließt das projekt mit leben, feedback und kritik weiterzuentwickeln. wenn ihr als expert_in einen beitrag verfassen wollt oder auch regelmäßig als autor_in dabei sein wollt, könnt ihr mir gern an teresa punkt buecker ät editionf punkt com schreiben.

die plattform ist gerade noch in der geschlossenen betaphase. dass heißt, dass ihr das erste mal dazu aufgefordert werdet, euch zu registrieren. danach könnt ihr alles lesen, kommentieren, bugs aufindig machen und feedback geben. später im sommer folgt der offene launch. und das ist auch so ein grund, warum ich zu edition f gegangen bin: die vorbereitungen des launchs vom freitag 2008/2009 waren mit meine lehrreichsten, aufregendsten und tollsten beruflichen erfahren. websites zu launchen ist eine meiner kleinen lieben. zumal wenn sie so wunderschön sind wie edition f.


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