11/25/2014

foto: anne koch

– kurz notiert –

Rückblickend auf die letzten 37 Wochen kann ich sagen: Ich wünsche jeder Schwangeren und allen, die miteinander ein Kind bekommen, die Begleitung durch eine Hebamme, der sie vertrauen. Dass Frauen in Deutschland ein Recht auf sie haben, hat gute Gründe. Was verloren ginge, wenn nur noch Gynäkolog_innen Schwangere beraten und untersuchen würden, lässt sich mit den Maßstäben des Gesundheitssystems nicht messen. Deswegen hat die Bewahrung des Hebammenberufes vor allem frauenpolitische Implikationen – und aus diesem Grund wird mir auch jedes Mal schlecht, wenn die Unionspolitiker Jens Spahn oder Hermann Gröhe über das Thema sprechen. In keiner ihrer Äußerungen haben sie gezeigt, dass sie verstehen (wollen), um was es geht und mein Eindruck ist zunehmend, dass Patient_innen als eine eigene Klasse von Menschen betrachtet wird, die nur noch aus ökonomischer Sicht behandelt wird, aber nicht aus einer menschlichen.

Das Vertrauensverhältnis, was zwischen einer Schwangeren und einer Hebamme in der Zeit der Geburtsvorbereitung entstehen kann, ist von unschätzbarem Wert. Sie kann von Gesundheitsdaten, die gesammelt und ausgewertet werden, um werdenden Eltern in der Form medizinischer Wahrscheinlichkeiten Sicherheit zu suggerieren, nicht ersetzt werden. Denn: Schwangerschaft ist nicht an erster Stelle ein Fall für die Medizin, sondern für die Gesellschaft. Eine gute psycho-soziale Begleitung kann schon in der Schwangerschaft viel für die spätere Beziehung von Eltern und Kindern tun – oder schlicht für die Schwangere wichtig sein. Seelische Gesundheit ist in aller Munde – doch Krankenkassen bezahlen nur die Blutdruckmessung, jedoch keine Zeit fürs Zuhören.

(Krankenkassen bezahlen auch keine psychologische Begleitung während Kinderwunschbehandlungen, was aus meiner Sicht unbedingt zu einer Kassenleistung werden sollte.)

Keine Ärztin und kein Arzt kann sich eine Stunde für eine Vorsorgeuntersuchung nehmen, die wenigsten sind auf dem Handy oder per Mail persönlich zu erreichen, die wenigsten tun das, was eine wirkliche Beratung ist, sondern arbeiten eben ab, was die Krankenkassen bezahlen. Hier machen Hebammen den wichtigen Unterschied.

Damit bin ich auch schon beim Punkt Wahlfreiheit: Denn Kassenleistungen und Wahlfreiheit widersprechen sich. Dieser komische Begriff, der von der ehemaligen Familienministerin Kristina Schröder geprägt wurde hätte das Prädikat „Unwort des Jahrzehnts“ verdient. Denn was auch im Kontext der Hebammenversorgung und die Entscheidung darüber, wie eine Frau ihr Kind bekommen will, klar wird, ist: Eine Wahl kostet. Meistens kostet sie Geld – und schließt darüber Menschen davon aus, sich frei für etwas zu entscheiden.

Eine wirkliche Wahl zu haben fängt schon dabei an, welche Informationen erhältlich sind und welche Bilder Vorstellungen von Geburten festigen. Die typische Frage, die werdenden Eltern gestellt wird, ist: „In welches Krankenhaus geht ihr?“ Babys werden in Deutschland in Krankenhäusern geboren. Das ist mit Sicherheit das dominierende Bild, wenn man Menschen jeglichen Alters auf der Straße befragen würde.

Ein Kind im Krankenhaus zu gebären ist in der Tat auch die Variante, die am leichtesten zu planen ist – und die kostengünstigste. Dass ein Krankenhaus der Geburtsort sein soll, ist damit eine nahe liegende Wahl, oder schlicht die einzig mögliche.

Ich bin im Laufe meiner Schwangerschaft zu der Entscheidung gekommen, dass ich mein Baby gern „außerklinisch“ bekommen würde – so heißt dann der Fachbegriff. Nachdem wir ein Geburtshaus gefunden hatten, das freie Plätze hatte (auch das wird mit der zunehmenden Berufsaufgabe von Hebammen schwieriger), ergab sich mit den Wochen außerdem der Wunsch, das Kind Zuhause zu bekommen.

Aus dieser Entscheidung ergeben sich Mehrkosten für mich: Ich brauche ein paar Dinge, um die Wohnung vorzubereiten, der größte Kostenpunkt ist jedoch die Rufbereitschaft der Hebamme, die von der 38. Schwangerschaftswoche bis zwei Wochen nach dem errechneten Entbindungstermin jederzeit für die Schwangere zu erreichen ist, und zur Geburt kommen wird. Die Rufbereitschaftspauschale müssen alle bezahlen, die entweder eine Hausgeburt möchten, eine Geburt im Geburtshaus oder eine Beleggeburt, also eine mit der Hebamme ihrer Wahl. Die Rufbereitschaftspauschale entfällt bei Krankenhausgeburten, bei denen den Gebärenden die diensthabende Hebamme zugeteilt wird.

Die Rufbereitschaftspauschale meiner Hebamme beträgt 450 Euro. Sie ist keine gesetzliche Kassenleistung, einige Krankenkassen übernehmen jedoch freiwillig eine Beteiligung daran. Ich habe Glück bei einer solchen Kasse zu sein, die 250 Euro von diesem Betrag übernehmen wird. 

Ob diese Summe als starke Belastung empfunden wird, hängt an den jeweiligen ökonomischen Situationen der Schwangeren oder der Eltern. Sie ist in jedem Fall eine Zusatzbelastung, bei all den anderen Anschaffungen für ein Baby, die schon vor der Geburt bezahlt werden müssen. Die Rufbereitschaftspauschale kann damit aber auch ein Kostenpunkt sein, den Eltern sich nicht leisten können. Damit endet dann auch die „Wahlfreiheit“ beim Geburtsort spätestens hier aus ökonomischen Gründen, wenn sie nicht schon zuvor daran gescheitert ist, dass am eigenen Wohnort keine Hebammen mehr tätig sind, die Hausgeburten anbieten und es auch keine Geburtshäuser gibt. Auch diese Einschränkungen sind eine Frage des Geldes – jedoch auf Seiten der Hebammen.

Was mich an der persönlichen Kostenbeteiligung an der Hausgeburt besonders irritiert: Meine Geburt – wenn sie Zuhause stattfinden kann und keine Verlegung in ein Krankenhaus erforderlich sein wird – wird meine Krankenkasse weitaus weniger Geld kosten als die Geburt in einer Klinik. Für eine Hausgeburt kann eine Hebamme aktuell gegenüber der Kasse 694,58 Euro abrechnen, für die Hausbesuche an den Tagen danach jeweils 31,28 Euro, für die Erstuntersuchung des Babys 8,59 Euro.

Bei komplikationsfreien Hausgeburten sparen Krankenkassen eine nicht unwesentliche Summe Geld ein – und verlangen trotzdem eine Kostenbeteiligung an der Rufbereitschaftspauschale. 

Eine Gesundheitspolitik also, die in Kauf nimmt, dass Hebammen nach und nach die Geburtshilfe aufgeben müssen und zudem Gebärende für ihre Entscheidung, wie sie Kinder bekommen möchten, unterschiedlich zur Kasse bittet, schafft keine Freiheit bei der Wahl des Geburtsortes, sondern wird letztlich nur noch eine Möglichkeit zulassen. Entscheiden können Frauen und werdende Eltern dann nicht mehr, wo sie ihr Kind bekommen möchten. Ob diese Entwicklung unbedingt mehr Lust darauf macht, überhaupt Kinder zu bekommen?

Zu den guten politischen Rahmenbedingungen für Eltern und Kinder gehört eben auch eine erstklassige Geburtshilfe, die in mit einem solidarischen Gesundheitssystem allen die gleichen Optionen gibt. Eine außerklinische Geburt darf kein Luxus sein. Geburten mehr und mehr und schließlich ganz in Krankenhäusern zu verorten, ist gesellschaftlich und medizinisch ein Rückschritt.




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(Foto: Anne Koch)

gewachsen ist er von ganz alleine, und ich an ihm: mein bauch. in einer schwangerschaft lernt man am besten, ihm ganz zu vertrauen. auf das eigene gefühl und nicht auf die ratschläge, die von allen seiten auf dich einprasseln.

das ist das wichtigste, das ich in den letzten monaten gelernt habe. auch, dass es sich nicht lohnt stärker zu spielen, als man wirklich ist, den wert von hebammen, wie wichtig es ist, die regeln zu hinterfragen und wie ebenso wichtig es ist, nicht alles allein mit sich auszumachen. ich habe gelernt, dass schwangerschaft trotz des babys im bauch einsam sein kann, verdammt einsam sogar. eigentlich kenne ich keine frau, die sagt, das war die schönste zeit ihres lebens. eine sehr aufregende vielleicht, nervenaufreibende, spannende. aber sicher nicht rosig.

zehn dinge, die ich weitergeben möchte an andere, die gerade schwanger sind, freundin oder freund einer werdenden mutter sind, habe ich für edition f aufgeschrieben. ein longread der auf etwa acht monate zurückblickt und vielleicht mein einziges gastspiel als mommy-blogger sein wird.

etwa fünf wochen noch, bis ich mich vom bauch verabschiede und einen kleinen menschen willkommen heiße. dass ich mich auf das grundgefühl der rundung verlassen kann, weiß ich jetzt. egal wie groß oder klein er bleibt.


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