Dieser Text ist in einer gekürzten Fassung in der Juni-Ausgabe der Myself erschienen.

Sich schön zu fühlen beginnt nur vordergründig beim Blick in den Spiegel, denn wenn wir uns selbst betrachten und über unser eigenes Aussehen urteilen, spielt unterbewusst schon längst eine große Rolle, wie das Urteil der anderen ausfallen wird – und das Wissen darüber, was im Mainstream als attraktiv gilt. Denn seien wir ehrlich: Wer bei Facebook ein neues Profilbild hochlädt, tut das nicht, um eine neue Falte oder ein graues Haar zu dokumentieren. Erst wenn der erste Kommentar eintrudelt, der lautet „Gut schaust du aus“ oder auch ein überschwängliches „Wow!“, hat sich die Aktualisierung des Fotos bezahlt gemacht – wir entspannen, denn: Wir wurden gesehen. Diese Beschreibung kommt auch näher an den emotionalen Zustand des Sich-schön-Fühlens heran, der ja kein eigenes Gefühl ist: Es bedeutet nicht anderes, als sich akzeptiert zu fühlen.

Und da fängt das Dilemma schon an, denn nicht nur, trägt das eigene Aussehen damit einen zu großen Anteil an der eigenen Selbstsicherheit, zudem braucht man, um die Frage nach der eigenen Schönheit oder der von anderen einen Bezugsrahmen: das Schönheitsideal. Schön sein kann man nur, wenn eine andere Person es nicht ist ... oder doch?

Ganz starr waren diese Normen in den zurückliegenden Jahrhunderten nie. In den letzten Jahren hat sich das weibliche Ideal beispielsweise von „so dünn wie möglich“ zu „so gesund wie möglich“ gewandelt – was Frauenkörpern in puncto Körpermaße mehr Spielraum gewährt, jedoch neue Anforderungen beinhaltet, um bei diesem Wettbewerb auf den vorderen Plätzen zu laden. Dieser vermeintliche Fortschritt hat so absurde Begriffe wie „skinny fat“ hervorgebracht, der dünne Menschen abwertet, die zwar wenig Gewicht auf die Waage bringen, aber nicht trainiert genug sind.

Dass Schönheit zum Glück mittlerweile breiter verstanden wird und wieder häufiger eine Frage von individueller Wahrnehmung wird, hat zwei Gründe. Der eine sind die digitalen Self-Made-Medien. Zur Überraschung hat das Massenmedium, das nicht ganz zu Unrecht zunächst beschuldigt wurde, durch unerreichbare Schönheitsstandards Millionen von Menschen zu verunsichern, eine globale Bewegung für vielfältigen Definitionen von Schönheit ermöglicht. Und das, obwohl Medienkritiker zunächst befürchtet hatten, das Internet könne durch eine Flut von perfekten und gephotoshoppten Bildern den Druck in einer bestimmten Art und Weise auszusehen, weiter erhöhen. Stattdessen sehen Nutzerinnen vor allem mehr Vielfalt. Soziale Netzwerke sind heute das wichtigste Medium, um für die unterschiedlichsten Menschen das Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln – nicht nur entlang kultureller Unterschiede oder Nischen-Interessen – sondern auch beim Thema: Wie sehe ich aus? Wer gilt als schön?

So vernetzen sich junge muslimische Frauen unter dem Schlagwort „Hijabi Fashion“, um Stereotype zu kontern, beim „Black natural hair movement“ bestärken schwarze Frauen einander, ihr Haar nicht länger zu glätten, um einem weißen Schönheitsideal zu entsprechen, die Fat-Acceptance-Bewegung wächst und verhilft Menschen, die aufgrund ihres Gewichts oft ausgegrenzt oder diffamiert werden, zu mehr Selbstliebe. Immer wieder rollen Hashtag-Kampagnen durchs Netz, die vermeintliche Makel wie Schwangerschaftsstreifen, Behinderungen oder körperliche Makel als das sichtbar machen, was sie sind: Etwas völlig Normales, was Menschen eben nicht zu weniger schönen Menschen macht, sondern sie über diese Gemeinsamkeit miteinander in Beziehung setzt. Nicht als norm-schön zu gelten, kann jetzt bedeuten, neue Freunde zu finden. Über das Internet erschaffen insbesondere junge Frauen ihre eigenen Bilderwelten und damit eine alternative Orientierung.

Das Selfie ist für alle – und Anerkennung kann jetzt auch vom anderen Ende der Welt kommen. In diesen neuen Communitys bekommen sie Bestätigung, während Heidi Klum in der Primetime einem Mädchen immer sagen darf, dass es fett sei. Dass dieses Wort nach wie vor als eine der schlimmsten Beleidigungen gilt, zeigt auch, dass dem Aussehen noch immer zu viel Bedeutung beigemessen wird und dazu genutzt wird, um Menschen auszugrenzen. Laut einer Studie der DAK-Krankenkasse von 2016 haben 71 Prozent der Befragten an, sie fänden stark Übergewichtige „unästhetisch“. Jeder Achte vermeide zudem bewusst Kontakt zu dicken Menschen.

Auch in der Modewelt werden derweil ungewöhnliche Schönheiten als Aushängeschilder für mehr Diversity genutzt, wie die rothaarige Madeline Stuart, die das Down-Syndrom hat, Diandra Forrest, eine schwarze Frau mit Albinimus oder Ines Rau, eine von mehreren Trans-Frauen, die als Supermodel mittlerweile Erfolg haben und in einem Interview mit I-D diesen Wandel nicht als Trend. sondern positive gesellschaftliche Entwicklung einstufte: „Wir können Transgender-Leute nicht mehr ignorieren. In der Mode und Gesellschaft ist eine neue Zeit angebrochen.“ Während einige wenige Diversity-Models großen individuellen Erfolg haben, bleibt ihr Anteil an den Covern von Modezeitschriften oder auch großen Werbekampagnen jedoch gering. Eine groß angelegte Auswertung von internationalen Titeln (The Fashionspot) zählte zwar immerhin 29 Prozent nicht-weiße, jedoch nur 0,7 Prozent Transgender-Models, 0,9 Prozent Plus-Size-Models und 5 Prozent Frauen über 50. Was mager klingt, war dennoch das Jahr mit der größten Vielfalt, seitdem das Online-Portal diese Auswertung vornimmt.

Neben der neuen Vielfalt, die maßgeblich von Menschen im Netz vorangetrieben wurde, die mehr wollen als das eine Schönheitsideal, ist jedoch das Empowerment jenseits der Selbstliebe zum eigenen Körper der große und zweite Grund, warum der alltägliche Wettbewerb „Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ an Bedeutung verliert. Diskussionen um Gleichberechtigung sind aus dem Mainstream nicht mehr wegzudenken, Frauen werden konkret in allen gesellschaftlichen Bereichen sichtbar mit all ihren Stärken: als Top-Managerin, erfolgreiche Sportlerin, zähe Politikerin oder Aktivistin. Sie sagen sich los davon, von Männern bewertet zu werden und sprechen sich gegenseitig Souveränität und Bedeutung zu. Mit einer Neubewertung von Talent und Können wird der Faktor Schönheit also immer unwichtiger. Das neue Bewusstsein dafür, für Charakter und Skills respektiert zu werden, haben jedoch nicht nur die Frauen, die als super-erfolgreich gelten. Die britische Feministin Laurie Penny fasst das so: „Frauen, denen es schlicht scheißegal ist, wie sie aussehen, weil sie zu beschäftigt damit sind, die Welt zu retten oder ihre Sockenschublade neu zu sortieren.“

Der Wandel kommt. Doch noch immer ist er so langsam, dass unter den bestehenden Idealen von jung, schlank, weiß und makellos Millionen Menschen leiden und teilweise schmerzhafte und teure Dinge unternehmen, um sich zu ändern. Aus diesem Grund brauchen wir jede einzelne Person, insbesondere Frauen mit Falten, Fettrollen, Behinderungen oder dunklerer Hautfarbe, die stolz verkünden, dass niemand davor Angst haben muss, so auszusehen, wie er es tut. Insbesondere die alten Frauen sollten das Wertvolle weitergeben, was sie auf ihrem Lebensweg gelernt haben: das eigene Aussehen sagt für niemanden das Glück voraus. Ebenso können wir von Kindern lernen, die über Neugierde und Verkleiden vor allem Spaß daran haben, wie unterschiedlich sie aussehen können. Denn wie die Publizistin Natasha Walter in „Living Dolls“ schreibt: „Wäre das Interesse an Mode und Schönheit spielerischer und freudvoller, wäre auch das Schönheitsideal für junge Mädchen vielleicht nicht so gnadenlos.“

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